Silvester, 31.Dezember 2008
Es ist sehr schade, dass ich mich kaum an
meine Eltern erinnern kann. Es sind nur noch ein paar verschleierte
Erinnerungen. Ein paar Erzählungen von meinen Großeltern. Wie sie aussahen weiß
ich nur von Fotos. Es ist erschreckend. Ich habe sie doch geliebt. Warum sind
diese Bilder und Erinnerungen verschwunden, als hätte es sie nie gegeben?
Doch eine Erinnerung wird nie verblassen. Niemals. 5.Oktober 1973. Es war ein Samstag. Mein Bruder Marcus, er war damals 2 Jahre
und ich spielten in unserer Wohnung. Oma, Opa und meine Schwester, die damals
noch ein Baby war, waren auch dabei. Marcus und ich, wir rannten durch die
Wohnung. Es war eine Dachgeschosswohnung. Wir lachten und tobten. Wir freuten
uns, weil Mama und Papa jeden Moment wieder kommen sollten. Total albern waren
wir. An einen großen Vogelkäfig mit vielen gelben Vögeln kann ich mich noch vage
erinnern. Ich glaube es waren Kanarienvögel. Wir waren so glücklich. Wenn ich
an diesen Moment denke, kann ich dieses Glück und diese Unbeschwertheit spüren.
Es klingelte. Ich rannte zur Tür und rief:
“Mama und Papa sind wieder da!“ Ich riss die Türe auf und sah zwei Männer. Ich
kannte diese Männer nicht. Ich lief zu Opa. Er kam zur Tür. Was dann geschah
weiß ich nicht mehr. Das Einzige, an das ich mich erinnern kann, war, dass
meine Omi total weinte und ich sie trösten wollte.
An diesem Tag war wohl auch meine Tante
Monika in der Wohnung. Die Schwester meiner Mama. Sie hatte in den vergangenen
Tagen auf uns aufgepasst. An meine Tante habe ich leider gar keine
Erinnerung. Auch nicht daran, dass wir
am Abend zuvor vergeblich auf Mama und Papa gewartet haben. Nur an diesen
Augenblick, als die beiden Männer vor der Tür standen. Von da an war alles
anders.
Ich denke gerade darüber nach, ob ich mich
in Hypnose versetzen lassen soll. Es wäre die einzige Möglichkeit zu erfahren,
was damals genau geschah. Es gibt leider niemanden mehr, den ich fragen könnte.
Dieser Gedanke macht mir Angst. Sehr viel Angst.
Oma und Opa haben sehr selten über das
Unglück gesprochen. Omas Schwester, Tante Anne, hatte uns mal erzählt, dass es
Oma das Herz gebrochen hätte. Sie hätte nie wieder so richtig aus vollstem
Herzen gelacht. Nie wieder.
Ich muss immer wieder Pausen einlegen. Es
fällt mir sehr schwer diese Zeilen zu Schreiben. Ich habe ein dumpfes Gefühl im
Magen, Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals.
Meine Eltern waren Opfer der Zugkatastrophe
von Marl-Sinsen. Am 5.Oktober, 2 Tage vor Opas Geburtstag, ist eine rangierende
Dampflok durch eine falsche Weichenstellung auf das Hauptgleis geraten. Der
durchfahrende Zug, D 632 Flensburg-Köln, hat die Dampflok erfasst und kurz
danach ist ein weiterer Zug aus der Gegenrichtung in die Trümmer gefahren. Es
gab 8 Tote und 61 Verletzte. Christa Riesener, meine Mama, war die einzige Frau
unter den Toten. Mein Papa Hans-Hermann Riesener, der Sohn meiner Großeltern,
war lebensgefährlich verletzt. Als meine Mama beerdigt wurde, lag mein Papa
noch im Koma und wusste nicht, dass
seine geliebte Frau tot ist. Man wusste damals auch noch nicht, ob er wieder
gesund werden würde.
Mir wird immer klarer, dass ich diesen Ort,
an dem das Unglück geschah, unbedingt aufsuchen muss. Jetzt, nach fast 36
Jahren, habe ich endlich den Mut mich damit auseinander zu setzen. Auch wenn es
mir Angst macht.
Im August 2007 habe ich Kontakt mit dem NDR
aufgenommen. Es existiert noch Filmmaterial über das Unglück. Man hat mir
angeboten dieses Material zu kopieren und mir zukommen zu lassen. Ich habe es
immer noch nicht angefordert. Ich habe Angst vor diesen Bildern. Aber ich werde
mich dieser Angst stellen. Ich brauche nur noch ein wenig Zeit. Ich werde diese
Schritte gehen. Nur so kann ich mit diesem Unglück leben. Ich muss all die
Fragen klären. Ich werde eine Reise in die Vergangenheit machen, damit ich mit
dieser Vergangenheit abschließen und sie begreifen kann. Nur so habe ich eine
Chance. Seltsam, dass mir das jetzt erst bewusst wird.
Es ist schön, schon nach der ersten Seite
zu erkennen, welchen Sinn dieses Buch macht. Ich werde mich endlich mit meiner
Vergangenheit auseinander setzten. Es macht sich eine Mischung aus Angst und
Neugierde in mir breit. Aber auch der Wille, diese Reise in die Vergangenheit
zu machen, ist stark. Die Reise hat bereits begonnen…
Die ersten Recherchen hatte ich, wie
bereits erwähnt, im Sommer 2007 gemacht. Doch dann verließ mich der Mut. Ich
hatte zu große Angst. Angst vor der Wahrheit. Angst vor allem vor meiner
Reaktion. Jetzt bin ich stark genug diese Recherchen fortzusetzen. Im Internet
ist es sehr schwer etwas über das Unglück zu finden. Aber es eignet sich ideal
dazu Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel mit diversen Zeitungen. Mit der
Deutschen Bahn. Ein zweites Mal mit dem NDR-Mitschnittservice. Außerdem werde
ich den Ort aufsuchen, an dem das Unglück geschah. Ich werde versuchen
Augenzeugen von damals zu finden.
Ich habe nach der Adresse meines Bruders
gesucht, den ich seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich werde ihm
einen Brief schreiben. Ob er sich meldet? Ich bringe es einfach noch nicht
übers Herz, persönlich mit ihm Kontakt aufzunehmen. Diesen Mut habe ich leider
noch nicht.
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