Samstag, 7.November 2009:
Recklinghauser Zeitung /
Medienhaus Bauer von Markus Geling
Weglaufen geht nicht
Das Zugunglück von 1973 hat jetzt keine Fragen mehr – und dafür
endlich wieder einen Bruder
Marl. Acht Rosen hat
Iris Riesener zum Jahrestag der Zugkatastrophe von 1973 am Unfallort in
Marl-Sinsen niedergelegt. Eine rote für ihre damals verunglückte Mutter – und
sieben weiße für die anderen Todesopfer. Nun will die 42 Jahre alte Mülheimerin
nicht mehr zurückschauen, sondern nach vorne. „Das geht aber nur, weil ich
jetzt Klarheit habe“, sagt sie. Es gebe keine offenen Fragen mehr, die sie quälen.
„Und dafür sind die vergangenen Monate sehr wichtig gewesen.“
Die blonde Frau
wirkt viel aufgeräumter und ausgeglichener als zu Beginn des Jahres. „Das sagen
viele, die mich kennen“, erzählt sie. Und es stimme auch. Sie fühle sich
erleichtert, befreit, glücklich. „Alles ist gut.“ Das klingt
selbstverständlicher als es ist. Im Februar hat das Medienhaus Bauer Iris Rieseners Geschichte erzählt. Die Mülheimerin
war fünf Jahre alt, als der Schnellzug D 632 Flensburg-Düsseldorf am 5. Oktober
1973 in Marl-Sinsen verunglückte. Ihre Mutter starb bei dem Drama. Ihr Vater
kam schwer verletzt auf die Intensivstation und verbrachte sein ganzes weiteres
Leben traumatisiert und krank in Kliniken. Iris Riesener sah ihn nie wieder.
Denn sie wuchs mit ihrer Schwester bei ihren Großeltern auf – und dort wurde
über das Unglück und dessen Folgen nie gesprochen. Ihr Bruder kam damals in
eine Pflegefamilie – und auch zu ihm gab es in der Folgezeit keinen Kontakt
mehr.
„Dieser 5. Oktober
1973 hat alles über den Haufen geschmissen, er hat mein Leben und das meiner
Geschwister geprägt“, sagt sie. Und trotzdem wusste sie 35 Jahre lang fast
nichts über diesen Tag. Deshalb wandte sich die Einzelhandelskauffrau Anfang
des Jahres an das Medienhaus Bauer.
Um mehr über die Zugkatastrophe zu erfahren, sich so der eigenen Vergangenheit
zu stellen – und dann auch ein Buch über die Ereignisse und ihre
Familiengeschichte zu schreiben.
Von den Reaktionen unserer Leser ist Iris Riesener überwältigt. 30 hätten sich bei ihr gemeldet. Ein Mann, der selbst im Zug saß. Einer der Helfer. Eine Frau, deren Mann als Arzt im Einsatz war. Anwohner. Passanten. Iris Riesener hörte Augenzeugenberichte, bekam Fotos und Videos. „Ein Leser hat sogar einen Dia-Abend für mich gemacht.“ Wobei sie all diese Informationen anfangs „nur scheibchenweise ertragen konnte“, wie sie sagt. Gerade der Umgang mit den Bild-Dokumenten sei „sehr, sehr schwierig gewesen“.
Von den Reaktionen unserer Leser ist Iris Riesener überwältigt. 30 hätten sich bei ihr gemeldet. Ein Mann, der selbst im Zug saß. Einer der Helfer. Eine Frau, deren Mann als Arzt im Einsatz war. Anwohner. Passanten. Iris Riesener hörte Augenzeugenberichte, bekam Fotos und Videos. „Ein Leser hat sogar einen Dia-Abend für mich gemacht.“ Wobei sie all diese Informationen anfangs „nur scheibchenweise ertragen konnte“, wie sie sagt. Gerade der Umgang mit den Bild-Dokumenten sei „sehr, sehr schwierig gewesen“.
Dennoch: Sie ist
froh, diesen Schritt gemacht zu haben. Uneingeschränkt. Weil sie jetzt bis ins
letzte Detail über das Unglück informiert ist – „dadurch ist es für mich realer
geworden, kann ich es besser begreifen“. Weil sie großartige Menschen
kennengelernt hat, denen es wirklich darum ging, ihr zu helfen – „zu dreien
halte ich Kontakt, vielleicht entstehen daraus ja sogar Freundschaften“. Und
weil sie jetzt weiß, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine ist – „denn ich
habe mit vielen gesprochen, die noch heute unter den Folgen leiden“, mit
Augenzeugen und Angehörigen von Opfern. Iris Riesener hat nicht nur das Unglück
aufgearbeitet, sondern auch ihr zweites großes Ziel erreicht: Kontakt zum
Bruder aufzubauen. „Als ich ihn gesehen habe, wusste ich sofort: Das ist er“,
erzählt sie von ihrem ersten Treffen vor sechs Wochen. „Das war das
Überwältigendste, was ich je erlebt habe.“ Von der ersten Sekunde an sei eine
Verbindung da gewesen. Sie wollen ihre Beziehung jetzt langsam aufbauen:
„Schließlich kann man 36 Jahre nicht auf einen Schlag nachholen.“ Natürlich
kämen auch traurige Gedanken auf – etwa der, warum man nicht unter einem Dach
groß werden konnte. Aber sie wollen jetzt als Geschwister gemeinsam in die
Zukunft gehen. „Schön ist das“, sagt sie zufrieden, lehnt sich zurück und
schiebt etwas ungläubig hinterher: „Und ich habe das alles ins Rollen gebracht.“
Das ist denn auch die Lehre, die sie aus ihrer Biografie zieht: „Man muss sich
seinen Ängsten und Problemen stellen.“ All ihre früheren Schwierigkeiten,
gesundheitlich, beruflich und privat, führt sie darauf zurück, dass sie sich
nie an „diese Geschichte“, also an den Unfall und dessen Folgen, herangetraut
hätte. „Erst im Nachhinein habe ich gemerkt, wie stark mich das alles belastet
hat.“ Es gebe einfach Dinge, „vor denen kann man nicht weglaufen. Nicht auf
Dauer.“
Diese Botschaft will sie jetzt auch anderen vermitteln. Am liebsten in ihrem Buch. Das soll Silvester fertig werden. „Ich bin mittlerweile ganz zuversichtlich, dass es verlegt wird“, blickt Iris Riesener optimistisch nach vorne. Und wenn nicht? Sie hat schon Schlimmeres verkraftet.
Diese Botschaft will sie jetzt auch anderen vermitteln. Am liebsten in ihrem Buch. Das soll Silvester fertig werden. „Ich bin mittlerweile ganz zuversichtlich, dass es verlegt wird“, blickt Iris Riesener optimistisch nach vorne. Und wenn nicht? Sie hat schon Schlimmeres verkraftet.
Das Zugunglück und die Folgen
◊ Iris Rieseners
Eltern fahren am 5.Oktober 1973 mit dem Schnellzug D 632 Flensburg-Düsseldorf
um 18.10 Uhr durch den Bahnhof Marl-Sinsen in Richtung Recklinghausen. Der Zug
prallt wegen einer falsch gestellten Weiche auf der Brücke über der B 51 auf
eine stehende Lok. Wenige Sekunden später rast ein aus der Gegenrichtung
kommender Güterschnellzug in die Unfallstelle hinein.
◊ Bei dem Unglück
sterben sieben Menschen, mehr als 40 werden zum Teil schwer verletzt. Die Namen
der sechs Toten Männer gibt die Polizei bald bekannt. Den des siebten Opfers –
Iris Rieseners Mutter – zunächst nicht. Der Grund: Ihr Mann liegt noch auf der
Intensivstation – und die Kinder wissen noch gar nichts von der Tragödie.
Einige Tage später stirbt eine weitere Frau an ihren Verletzungen. Die
64-Jährige ist das achte Todesopfer.
◊ Dem Mitarbeiter
der Bahn, der damals für die falsche Weichenstellung verantwortlich war, macht
Iris Riesener keine Vorwürfe: “Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände.“
◊ Iris Riesener
verlor bei dem Unglück ihre Mutter. Ihren Vater sah sie nie wieder. Die
Großeltern, bei denen sie mit ihrer Schwester aufwuchs, wollten das nicht. Sie
besuchten den schwer kranken Mann jedoch regelmäßig – „wenn sie dann wieder zu
Hause waren, ging es ihnen sehr schlecht.“
◊ Iris Rieseners
drei Jahre jüngerer Bruder wuchs bei einer Pflegefamilie auf. Die Betreuung von
drei Kindern wäre für die Großeltern zu viel gewesen.

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