Posts

Es werden Posts vom Februar, 2019 angezeigt.
S amstag, 6.Juni 2009: Seitdem ich mein Buch schreibe und Menschen daran teilhaben lasse, werde ich hin und wieder gefragt, ob es mir nichts ausmacht, so vieles von mir preiszugeben. Ich habe auch über vieles geschrieben, was nicht direkt mit dem Unglück zu tun hat.   Direkt nicht, aber indirekt. Das Unglück hat mich geprägt. Ich weiß nicht genau, welche Eigenschaften durch das Unglück kommen, welche ich von meinen Eltern habe, welche anerzogen wurden und welche in den Genen stecken. Mal von den Genen abgesehen ist der Rest doch das Leben, welches ich bisher geführt habe. Es fängt damit an, dass ich als Kind meine Eltern verloren habe, es geht weiter mit der Trennung von meinem Bruder, dem Tod meiner Großeltern. Das Schweigen. All das führte letztendlich zum Burn-Out. Ich schleppte diese Krankheit lange mit mir herum. Dadurch hatte ich nie die Kraft, etwas an meinem Leben zu ändern.   Ich möchte jetzt nicht alles auf das Unglück und die tragischen Schicksalsschl...
Montag, 1.Juni 2009: Heute ist mein letzter freier Tag. Es ist Pfingstmontag. Ab morgen muss ich für 5 ½ Wochen wieder arbeiten. Dann habe ich wieder eine Woche Urlaub. In dieser Woche habe ich schon einen Termin mit dem netten Herrn L. Das ist der Leser, der mir die ausführliche E-Mail über den Unfallhergang geschrieben hat. Ich hoffe, dass mein Bruder bis dahin mit seinen Renovierungsarbeiten fertig ist und wir beide den Mut für ein erstes Treffen haben. Bis dahin werden wir per E-Mail in Kontakt bleiben. Ich habe ihm eine Geburtstagskarte gekauft. Marcus hat nächste Woche Geburtstag. Mir hat dieser Urlaub sehr gut getan. Es war die optimale Mischung aus Vergangenheitsbewältigung, Erholung und Spaß haben. Perfekt. Und das Ganze bei 16 Tagen Sonne, bis auf ein paar Stunden Regen. Ich habe noch nie so viel aus einem Urlaub rausgeholt. Mir ging es schon seit Jahren nicht mehr so gut. Ich habe in den letzten Wochen so viel Ballast abgeworfen. Ich fühle mich so erleichtert. Ich...
Dienstag, 26.Mai 2009: Heute ist ein schöner Tag. Ich habe eine Nachricht von meinem Bruder Marcus bekommen. Da er noch nicht von diesem Buch weiß, werde ich die nächsten Briefe von ihm nur so dokumentieren. Ich möchte, dass unsere Schreiben vorerst unter uns bleiben. Mein Bruder soll selbst entscheiden, inwiefern er in diesem Buch eine Rolle spielen möchte. Ich möchte niemals den Anschein erwecken, ihn für meine Recherchen und dieses Buch zu missbrauchen. Mein lieber Bruder schreibt, dass er sich sehr über meine E-Mails und Fotos gefreut hat. Er steckt noch immer in den Renovierungsarbeiten, arbeitet Vollzeit und er muss in einem Monat umziehen. Daher ist er ein wenig im Stress. Er hat mir ein Bild von sich und seiner Freundin geschickt. Nun weiß ich endlich wie er aussieht. Ein netter Kerl. Ein sehr netter Kerl. An den Augen sieht man sofort, dass wir Geschwister sind. Irgendwie habe ich mir ihn genau so vorgestellt. Es ist schön, wie wir uns langsam näher kommen.   ...
Meine Kindheit: Trotz des Unglückes hatten Anja und ich eine sehr schöne Kindheit. Es hat uns an nichts gemangelt. Ganz im Gegenteil, da Oma und Opa ja für uns Eltern und Großeltern in Einem waren, wurde uns jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Ich denke, sie wollten auch damit Trost spenden. Alles wieder gut machen. Für mich sind Oma und Opa nach wie vor, auch wenn sie nicht mehr leben, die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich bin ihnen unendlich dankbar für unsere Kindheit. Dafür, dass wir bei ihnen bleiben durften. Für die gute Erziehung, die wir bei ihnen genießen durften. Für alles. Zum Zeitpunkt des Unglücks war mein Opa 51 Jahre und meine Oma 47 Jahre alt. Wenn man bedenkt, in diesem Alter von heute auf morgen drei kleine Kinder, die Sorge um ihren Sohn, die Trauer um ihre Schwiegertochter. Umso dankbarer bin ich ihnen. Ich liebte die Ausflüge die Opa mit Anja und mir gemacht hatte. Opa verriet uns manchmal nicht, wohin es ging. Ich weiß noch, wie aufgeregt wir wa...
E-Mail vom 21.Mai von Dorothee: Liebe Iris ich habe mir heute die noch ungelesenen Seiten deines Manuskriptes ausgedruckt und mit ins Bett genommen. Als ich bei Seite 26 zu lesen begann, dachte ich noch, dass ich nur die Zeit bis zu unserem Treffen zu lesen bekommen würde. Auch hatte ich die Absicht,   nur ein paar Seiten zu lesen um dann früh schlafen zu gehen. Doch schon bald wurde mir klar, dass ich alles lesen würde, es war einfach zu spannend. Also holte ich mir noch schnell ein paar Schokoladennüsse, die mir nun schwer im Magen liegen, und las alle Seiten mit Genuss. Es geht mir immer noch gut und dass mit dem Magen ist eine Übertreibung. Du verstehst es, die traurigsten Dinge noch mit Sinn zu füllen. So was gefällt mir sehr. Und ich habe dich gesehen, es ist nicht nur auf dem Papier, du bist wirklich so! Und die Art, wie du dieses Buch aufbaust, einfach genial. Ich bin begeistert. Von mir hörst du nie mehr Lob, als du auch verdient hast. Ich kann verletzend ehrlich s...
Mittwoch, 20.Mai 2009: Das war gestern ein aufregender Tag. Erst konnte ich gestern Abend nicht einschlafen. Ich dachte noch mal über den vergangen Tag nach. Ich war sehr beeindruckt von Dorothee und ihrem Bauernhof. Sie und der Verein haben da was tolles auf die Beine gestellt. Es ist ein wunderschöner Ort für die dort lebenden Tiere und die Kinder, die diesen Hof besuchen.   Die Kinder lernen alles über die Natur, den Wald und die Tiere. Die Kinder können dort ihren Geburtstag feiern. Es gibt eine Autistenförderung,   Zusammenarbeiten mit Senioren. Ferienfreizeiten und vieles mehr. Sehr beeindruckend. Ich konnte mich gestern nicht auf die Katze und ihre Beute einlassen.   Dieser Gedanke gefiel mir nicht. Das arme Hasenbaby. Dann kam mir die Eingebung. Das dachte ich zumindest gestern Abend und schickte Doro eine E-Mail. Ihre Antwort war erstaunlich schön. Hallo Doro, mir kommt da gerade so ein Gedanke. Vielleicht haben wir uns ja auch verguckt und die K...
Dorothees zweite E-Mail vom 21.März 2009: LiebeIris, ich hatte nicht damit gerechnet, dass auch ich bezüglich des Zugunglücks noch etwas zu verarbeiten habe. Aber das ist anscheinend durchaus der Fall. Obwohl ich die schrecklichsten Bilder gar nicht gesehen habe, fühle ich mich persönlich betroffen. Ich habe meine eigenen Erinnerungen mit Hilfe ihrer gesammelten Artikel überprüfen können. Das Meiste habe ich genauso in Erinnerung. Nur die zeitliche Einschätzung der Abläufe spielt mir manchmal einen Streich Zum Beispiel glaubte ich am nächsten Tag am Unfallort gewesen zu sein, aber jetzt habe ich mich mit Hilfe der Artikel daran erinnert, dass ein ganzes Wochenende dazwischen lag und ich erst Montag am Ort des Geschehens ankam. Ich dachte auch, dass die Waggons noch wochenlang dort hoch in der Luft ragten, aber sie wurden schon nach 8 Tagen weggeräumt. Da sie mir so bedrohlich vorkamen, wurde die Zeit mir wahrscheinlich so lang. Alle Artikel, die sie aufgelistet haben, kamen ...
Das Zugunglück Am 5. Oktober 1973 war ich 16 Jahre alt. Ich machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau, ein Beruf, der nicht zu mir passt. Meine Ausbildungsfirma war die Firma Rott, Heizung und Sanitär, in Marl-Sinsen. Jeden Tag pendelte ich mit dem Zug von Haltern nach Marl-Sinsen und wieder zurück. Der Betrieb befand sich direkt unter der Unglücksstelle. Die Einfahrt zur Firma befand sich links vor der Eisenbahnbrücke, wenn man von Recklinghausen aus kommt. Hätte ich diesen Ausbildungsberuf geliebt und irgendeinen Ehrgeiz gehabt gute Leistungen zu erbringen, dann wäre ich um 18.10 Uhr Zeuge des Zugunglücks geworden. Doch ich hatte keine Lust Überstunden zu machen. Überließ das Schreiben eines Angebotes meiner Ausbilderin und log, dass ich am Abend einen wichtigen Arzttermin hatte. Ich packte um 16.15 Uhr meine Sachen und rannte zum Bahnhof um den Zug noch zu erreichen. Die Straßenbahn, die damals noch zum Bahnhof fuhr, hatte ich schon verpasst. Nach der Arbeit ging ich nich...
Montag, 18.Mai 2009: Heute geht es mir seit Wochen mal wieder richtig gut. Das Schreiben hat meine Seele erleichtert. Wochenlang war ich blockiert. Meine Freundin Kerstin hat mich gestern in einer sehr lieben Mail gebeten, professionelle Hilfe anzunehmen. Mir geht es wirklich wieder gut. Wenn ich merke, dass ich es alleine nicht schaffe, werde ich, wie schon einmal, Hilfe in Anspruch nehmen. Versprochen. Heute Morgen habe ich meine Schwester getroffen. Ich habe ihr erzählt, dass ich morgen nach Marl fahre und mich dort mit einer Leserin treffe. Ich freue mich auf der einen Seite auf diese Begegnung, auf der anderen Seite habe ich aber auch ein mulmiges Gefühl. Wir werden morgen gemeinsam den Unglücksort aufsuchen. Emails vom 18.Mai 2009: Reaktionen auf mein Buch. Hi Iris, puh, jetzt bin ich fertig mit lesen. Und auch mit den Gedanken und Erinnerungen zum Einen bei dir, zum Anderen in jenen Tagen im Oktober 1973. Es freut mich, dass du Dein Vorhaben zu Papier...