Ein Artikel in der Zeitschrift "Eisenbahngeschichte" von DGEG-Medien
November 2010 von Wolf Dietmar Loos:
Menschliche Schicksale sind in dem nebenstehenden Artikel beschrieben. Aber nicht nur für die unmittelbar davon Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen der Toten und Verletzten hat ein Ereignis wie das Eisenbahnunglück von Marl-Sinsen stets eine schicksalhafte Bedeutung für den weiteren Lebensweg.

Iris Riesener aus Mülheim an der Ruhr war damals fünf Jahre alt und hätte eigentlich auch im  D 632 sein sollen, mit dem ihre Eltern auf dem Rückweg aus Niedersachsen waren. Sie waren auf Wohnungssuche gewesen, nachdem der Vater dort eine neue Arbeitsstelle bekommen hatte. Iris aber wollte diese Tage lieber bei den Großeltern verbringen.

Sie selbst entging dadurch der Katastrophe; ihre Mutter indes war eine der acht Toten des Unglücks, und ihr Vater wurde dabei so schwer verletzt, dass er für den Rest seines Lebens gezeichnet war. Iris wuchs zusammen mit ihrer jüngeren Schwester bei den Großeltern auf, der dreijährige Bruder kam erst in ein Heim und dann in eine Pflegefamilie.

Die Ereignisse vom 5. Oktober 1973 waren im Haushalt der Großeltern nie ein Thema. Umso mehr wuchs in Iris nach dem Tod der Oma im Jahre 2000 und des Opas drei Jahre später der Wunsch, sich der Vergangenheit zu stellen und die Geschehnisse von damals für sich persönlich aufzuarbeiten.

Gleich zu Jahresbeginn 2009 suchte sie den Kontakt zu den Medien, insbesondere zur Lokalpresse im Kreis Recklinghausen. Der örtlichen Marler Zeitung war das Schicksal von Iris sogar ein Artikel auf Seite 1 wert, mit dem zugleich aufgerufen wurde, dass jeder sich melden möge, der glaube, ihr bei ihrem Vorhaben helfen zu können.

Viele Zeitzeugen mailten an Iris Riesener oder schrieben an die Zeitung. Sie ging jedem dieser Hinweise nach und traf sich mit manchem Leser; sie sah sich Bilder von damals an und besuchte sogar mehrfach die Unfallstelle in Marl-Sinsen. Darüber hinaus ergaben sich  auch Kontakte zu anderen Menschen, die bei dem Unglück einen Angehörigen verloren hatten, so wie mit dem Sohn des Zugführers vom Eilgüterzug.
Ihre Recherchen dauerten über das ganze Jahr 2009 an. Was sie dabei erlebte, ihre Gedanken und Empfindungen, aber auch das Geschehen darum herum, wie etwa ihren Berufsalltag als Verkäuferin und das Wiedersehen mit ihrem Bruder nach mehr als 35 Jahren, all das hat Iris Riesener in einem bewegenden und nie langweiligen Tagebuch aufgezeichnet, das nicht nur Eisenbahninteressierte ansprechen wird. Ob dazu aber Gelegenheit bestehen wird, ist offen, denn eine Veröffentlichung ist noch nicht konkret in die Wege geleitet worden….


Mittwoch, 23. März 2011:

Heute habe ich mein Zertifikat erhalten. Ich habe eine nebenberufliche Ausbildung als „Spirituelle Lebensberaterin“ erfolgreich absolviert. In Zukunft werde ich nebenberuflich als „Gesundheits- und Spirituelle Lebensberaterin“ tätig sein. Ich möchte meine Lebenserfahrung und meine Ausbildungen dazu nutzen, Menschen zu begleiten, ein erfülltes und gesundes Leben zu führen. Meinen Job im Einzelhandel übe ich nur noch in Teilzeit aus. Dieser Job ist nicht mehr mein Lebensmittelpunkt. Er dient nur noch dazu, mir am Anfang ein Maß an Sicherheit zu bieten und meine festen Kosten zu decken. Ich habe meine Lebensaufgabe gefunden. Ich bin auf dem Weg und das fühlt sich gut an. Da liegt es doch nahe, dieses schöne Gefühl weiterzugeben.


Email vom 15.September 2011:

Hi Iris,
das ist eine sehr schöne Geschichte.
Ich freue mich, dass Deine schicksalgebeutelte Vergangenheit mit einem Happy End endet.
Das ist ja unglaublich und man könnte meinen,  es wäre eine Hollywoodproduktion.
Ich freue mich von  ganzem Herzen für Dich und Deine  Familie.
Ich weiß noch, besonders in der Zeit als  Du mit Anja auch zeitweise keinen Kontakt hattest, wie Du mir manchmal, wenn wir uns über Probleme ausgetauscht haben, immer wieder erwähnt hast, dass ich ja Familie habe...
Jetzt hast Du auch eine Familie und ich drücke Dir alle meine Daumen, dass Ihr wieder richtig als Familie zusammenwachsen werdet. :)
Mühsam nährt sich das Eichhörnchen, aber ich kenne Dich und Deinen Ehrgeiz allzu gut und weiß, dass  Du das managen wirst.
Ich freue mich für Euch.
Ganz lieben Gruß
Ronny


Email vom 5.Oktober 2011:

Liebe Frau Riesener, soeben komme ich von der Geburtstagsfete unserer Tochter nach Hause. Ich habe Sie nicht vergessen. Eine Kerze wie jedes Jahr. Vor 38 Jahren passierte um 18:10 Uhr die schreckliche Katastrophe. Ich stand an dem besagten Tag am Hbf.Recklinghausen. Am dortigen Taxenstand wartete ich als selbstständiger Taxiunternehmer auf meine letzte Fahrt von diesem Zug,, um anschließend nach Hause zu fahren, ,denn die Geburtstagsgäste warteten schon auf mich. Der Zug kam nicht. Hatte er etwa Verspätung? Ich ging in den Bahnhof um nachzuforschen. Dort erfuhr ich von dieser Katastrophe. Ohne noch eine Fahrt gemacht zu haben, fuhr ich nach Hause. In der Stadt wurde alles mobil gemacht. (Polizei , Feuerwehr , Krankenwagen , Samariter , usw. ) Nur noch Blaulicht und Sirenen. Fahrzeuge aus allen Himmelsrichtungen waren nach Marl-Sinsen unterwegs. Es war schon schauderhaft. Alles ließ auf etwas Schlimmes hinweisen. Zu Hause angekommen erzählte ich sofort von dieser Tragödie. Den ganzen Abend hörte ich den Polizeifunk ab. Viel Neues konnte ich nicht erfahren.
Am nächsten Morgen in der Früh fuhr ich zur Taxenzentrale RE-Hbf. Meine erste Fahrt ging nach Marl-Sinsen. Nur Taxen mit Presseleuten und Ausweis durften dort hin. Was ich dort sah, das vergisst man nicht mehr. Im Detail darüber zu schreiben ist zu schlimm.
Viele Grüße Ihr Lothar K.

Sonntag, der 9. Oktober 2011:
In der letzten Woche ist viel geschehen. Nach zehn Stunden Schlaf und einem ausgiebigen Frühstück bin ich nun wieder so einigermaßen fit. Am 1. Oktober hat mein lieber Bruder Marcus standesamtlich im Schloss Broich geheiratet. In diesem Schloss, im Rittersaal,  hat unser Opa im Dezember 1994 die Mülheimer Ehrenspange verliehen bekommen. Am 5.Oktober war der Unglückstag von Marl-Sinsen. 38 Jahre ist es nun her. Eine lange Zeit und doch ist alles noch so präsent.  Am 7. Oktober haben Marcus und seine Stefanie kirchlich geheiratet. Ein traumhafter Tag. Dieser Tag war auch Opas Geburtstag. Für mich ist es ein Zeichen, dass diese Ereignisse genau Anfang Oktober stattfanden. Ein schöneres Happy End hätte es nicht geben können.
Am 1. Oktober schien die Sonne bei strahlend blauem Himmel. Wir hatten ca. 27 °C. Traumhaft. Perfekt für eine Hochzeit. Ich hatte an diesem Tag mein langes rotes Kleid angezogen mit einem kleinen, roten Bolerojäckchen. Das Schloss ist ungefähr 10 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt. An diesem schönen Sonnentag bin ich dort hingelaufen. Ich erinnere mich noch wie nervös ich war. Als ich dort ankam, standen im Innenhof schon Marcus & Stefanie und ihre Gäste. Stefanie trug ein rotes Kostüm. Sie sah wunderschön aus und strahlte mit der Sonne um die Wette. Marcus trug eine rote Krawatte. Das passt, dachte ich mir. Marcus kam mir freudestrahlend entgegen und begrüßte mich herzlich. Dann nahm er mich an die Hand und stellte mir die Gäste vor. Es waren ungefähr 30 Gäste anwesend. Stefanies Familie hat mich vom ersten Augenblick an herzlich begrüßt und  aufgenommen. Das machte es mir sehr leicht, denn leider war ich alleine zur Hochzeit gekommen. Anja, unsere kleine Schwester, war leider nicht mit dabei. Das braucht wohl noch ein bisschen Zeit mit den Beiden. Näher möchte ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen.                                                                                                                                   Ich fühlte mich auf alle Fälle gut aufgehoben und ich fühlte mich sehr wohl und war voller Vorfreude auf das Ja-Wort. Dann gingen wir gemeinsam in das Schloss. Dort fand dann die standesamtliche Trauung statt. Die Standesbeamtin hat diese Zeremonie sehr liebevoll gehalten. Es war wirklich rührend. Kaum einer konnte seine Freudentränen zurückhalten.  Für mich war es eine Mischung aus Freude und ein bisschen Trauer. Denn die Vergangenheit kam wieder hoch. Ich war total überwältigt. Noch immer steigen mir die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke, wie ich den Beiden anschließend gratuliert habe und sie in meine Arme schloss. Überwältigend! Ich kann es kaum in Worte fassen. Das erste Treffen mit Marcus war schon sehr überwältigend, aber dieser Moment war einfach nur überwältigend. Ich finde kein anderes Wort dafür. Und selbst das Wort „Überwältigend“ ist noch nicht einmal annähernd das, was ich in diesem Moment fühlte. Es gibt Gefühle, die kann man nicht beschreiben, da gibt es keine Worte für.
Nach der Trauung gab es noch Sekt im Schloss. So konnte ich Stefanies Familie, die ja jetzt auch meine ist, ein wenig beschnuppern, so wie die Freunde von Stefanie und Marcus. Nachmittags fuhren wir dann zu den Brauteltern und feierten bis nachts im kleinen Familienkreis und mit den Trauzeugen die Hochzeit. Es war ein wunderschöner Tag. Einer der schönsten Tage in meinem Leben. Ich wurde so herzlich von Stefanies Familie aufgenommen, so dass es sich schon nach wenigen Stunden so anfühlte, als wäre es schon immer so gewesen. Man sagt ja, dass sich jede Seele seine Familie so aussucht, wie sie es braucht. Wenn ich auf meine Lebensgeschichte zurückblicke, kann ich das nur bestätigen. Meine „neuen – alten“ Tanten und die angeheiratete Familie: alle kamen in mein Leben, als ich mit meiner Vergangenheit Frieden geschlossen habe. Meine Großeltern, meine Eltern werde ich nie vergessen. Ich bin ihnen dankbar für alles, was sie für mich getan haben. Dafür gibt es auch keinen Ersatz. Ich werde sie immer lieben und in meinem Herzen tragen. Meine „neue“ Familie und die Schwestern meiner Mama und all die Angehörigen, die von Omi und Opi noch leben, werden meine Zukunft sein. Mit ihnen möchte ich gemeinsam nach vorne schauen. Ich wünsche mir, dass sich mit der Zeit daraus neue, starke Wurzeln entwickeln werden. Die Chance haben wir und ich werde sie nutzen.  Es fühlt sich gut an. Stefanie und ihre Familie haben mich mit offenen Armen empfangen, und dafür möchte ich Dankeschön sagen. Wenn ich zurückblicke, fällt mir der Anfang von meinem Buch ein.

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