01. Januar 2009
Lieber Marcus,
ich
hoffe es geht Dir gut. Ich bin vermutlich Deine Schwester. Ich würde mich sehr
freuen, wenn wir: Du, Anja & ich uns mal treffen könnten. Es ist so viel
Zeit vergangen. Wäre es nicht schön, wenn wir uns wieder näher kämen? Ich denke,
es käme auf einen Versuch an. Denk` mal drüber nach, lieber Bruder. Egal wie Du
Dich entscheidest, ich werde Deine Entscheidung respektieren. Lass Dir die
Zeit, die Du brauchst.
Deine Schwester
Iris
Sicher wird sich jetzt der ein oder andere
fragen, warum ich erst jetzt nach meinem Bruder suche. Meine Schwester hatte
schon einmal versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Mein Bruder hat auch einmal
meine Großeltern besucht. Aber das ist schon über 10 Jahre her. Und es ist
leider auch nur bei diesem einen Besuch geblieben. Der Wunsch war immer da
Marcus wieder zusehen. Aber das hätte auch bedeutet, sich der Vergangenheit zu
stellen. Das ist sehr schwer. Es tut weh, da es eine sehr traurige
Vergangenheit ist. Anja und ich sind bei Oma und Opa groß geworden. Wir sind
unendlich dankbar dafür. Trotz des Schicksalsschlages hatten wir eine sehr
schöne Kindheit. Welche Auswirkungen es auf mich hat, dass wir kaum über das
Unglück und seine Folgen geredet haben, bemerke ich erst jetzt. Je mehr ich
mich mit dem Thema beschäftige, umso mehr Magenschmerzen bekomme ich. Ich
träume nachts von meiner Kindheit, von dem Unglück. Ich friere, habe Angst.
Fühle mich wie in großer Trauer, als wäre all das erst gestern passiert. Dann die
quälenden Fragen: Was denkt Marcus? Was fühlt er? Macht er uns Vorwürfe? Was
weiß er über das Zugunglück? Immerhin war er erst 2 Jahre alt. Oma und Opa
hatten erst versucht, uns alle drei aufzunehmen. Aber solch einen
Schicksalsschlag zu verkraften und drei kleine Kinder, das war zu viel. Oma und
Opa hatten mal erwähnt, es sei einfacher mit zwei Mädchen, als mit einem Jungen
und einem Mädchen. Anja und ich teilten uns ein Zimmer. Marcus kam dann
erst in ein Heim und später zu Pflegeeltern. Ich kann mich auch noch an
gemeinsame Treffen von uns Kindern, Oma und Opa und der Pflegefamilie erinnern.
Warum der Kontakt damals irgendwann abbrach, weiß ich nicht genau.
Um es auf den Punkt zu bringen, ich habe
Angst vor dieser Begegnung. Allerdings habe ich jetzt endlich den Mut, mich
dieser Angst zu stellen. Ich möchte nicht, dass ich mir später einmal vorwerfe
es nicht wenigstens einmal versucht zu haben. Ich brauche nur Zeit, ich kann
das nicht alles auf einmal. Mich mit Marcus annähern und Fragen zu dem Unglück
stellen.
Januar 2009:
Es ist Ende Januar. Es ist fast ein Monat
vergangen. Marcus hat sich bisher noch nicht gemeldet. Ich hoffe immer noch auf
eine Antwort von ihm. Ich werde natürlich weiterhin versuchen, mit ihm Kontakt
aufzunehmen. Ganz langsam und behutsam. Ich will nichts überstürzen. Ich habe
selber Angst. Angst davor, wenn er sich nicht meldet. Aber auch Angst, wenn er
sich melden sollte. Ich muss mich in Geduld üben. Ich werde ihm zeigen, dass es
mir ernst ist. Werde ihn nicht bedrängen. Wenn ich an seiner Stelle wäre,
bräuchte ich auch Zeit. Diese Zeit werde ich uns geben. Dafür hat sich etwas
anderes bei meinen Recherchen ergeben. Über Umwege bin ich auf Herrn Biewald
getroffen. Er arbeitet im Zeitungsarchiv im Medienhaus Bauer in Marl. Er hat
mir Kopien aus der Tagespresse vom Unglück geschickt. Vielen tausend Dank Herr
Biewald! Sie ahnen nicht, welchen Gefallen Sie mir damit tun. Auch wenn der
erste Eindruck dieser Artikel sich für mich anders anfühlt…
Wie hypnotisiert starre ich auf die Bilder.
Erst jetzt habe ich die Möglichkeit, oder besser gesagt, den Mut, diese Artikel
zu lesen und mir diese Bilder anzuschauen. Ich starre diese Bilder an. Mir
läuft ein eiskalter Schauer durch den ganzen Körper. Ich kann nicht reagieren.
Ich starre immer noch diese Bilder an. Es sind schwarz / weiß Bilder. Ich sehe
Trümmer. Nichts als Trümmer. Ich sehe die Toten nicht, aber ich kann sie
spüren. Schreie. Ich höre die Verletzten schreien. Es sind grauenhafte Bilder.
Diese Bilder sind im Oktober 1973 entstanden, aber für mich voller Leben.
Voller Tod. Voller Schmerzen. Ich starre die Bilder noch immer an. Mir ist
kalt. Mein Herz pocht. Mir fällt es schwer zu atmen. Die Tränen schießen mir in
die Augen. Ich kann nicht von diesen Bildern lassen. Zertrümmerte Waggons.
Verbogenes Metall. Zwei ineinander verkeilte Güterwaggons. Zerstörung pur. Ich
lege die Kopien beiseite. Erst Stunden später bin ich in der Lage, die Artikel
zu diesen Bildern zu lesen. Das ist
jetzt vier Wochen her. Seitdem schlafe ich unruhig. In meinen Träumen immer
wieder diese Bilder. Immer wieder Erinnerungen aus meiner Kindheit.
Ich werde diesen Ort auf jeden Fall
besuchen. Es ist für mich eine Möglichkeit, meiner Mama noch einmal nahe zu
sein und Abschied zu nehmen. Ich versuche mich immer wieder daran zu erinnern
wie es damals war. Ich kann mich leider an nichts erinnern. Ich weiß nicht ob
und wie ich Abschied genommen habe. Ich kann mich leider nicht erinnern.
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