15. Februar 2009:

Es sind ein paar Tage vergangen. Heute ist Sonntag. Ich habe den Tag für mich genutzt. Es war ein ruhiger Tag. Ich habe heute ausgeschlafen. Gefrühstückt. Ein bisschen was in meiner Wohnung gemacht. Ein wenig ferngesehen. Sport gemacht.  Es begleitet mich den ganzen Tag eine gewisse Unruhe. Immer wieder muss ich daran denken, was Donnerstag geschehen wird. Ich habe am Donnerstag frei. Ich werde mich in Marl-Sinsen am Bahnhof mit einem Journalisten und einem Fotografen vom Medienhaus Bauer treffen. Marl-Sinsen, das ist der Ort, an dem das Unglück geschah. Wir werden gemeinsam einen Zeitungsartikel ausarbeiten. Ich möchte mit Opfern, Angehörigen, Augenzeugen und Helfern von damals Kontakt aufnehmen. Es ist eine Möglichkeit für mich, noch mehr über das Unglück zu erfahren. Ich möchte wissen, wie andere Menschen mit diesem Schicksalsschlag leben. Auf der einen Seite ist es für mich ein Schritt nach vorne, aber auf der anderen Seite macht es mir auch Angst. Angst vor dem Ort des Unglücks, auch wenn es über 35 Jahre her ist. Angst vor den Fragen, die der Reporter stellen wird. Wie werden die Leser reagieren? Was wird passieren? Ich muss abwarten…
Außerdem habe ich bei meinen Recherchen Kontakt zum NDR aufgenommen. Das Team vom NDR ist so lieb und lässt mir eine DVD zukommen, auf der ein Mitschnitt der Tagesschau vom 6.10.1973 zu sehen ist. Ich werde bewegte Bilder von der Katastrophe sehen. Auch das macht mir Angst. Jeden Tag öffne ich voller Erwartung meinen Briefkasten.
Doch was erwartet mich da eigentlich, wenn ich diese Bilder sehe? Wie fühlt sich das an? Ich muss abwarten.
Und die Hoffnung auf ein Zeichen von meinem Bruder Marcus habe ich auch noch nicht aufgegeben. Ich werde Ostern als Anlass nutzen und mich noch einmal bei ihm melden. Ich habe ihm versprochen, dass er sich die Zeit nehmen soll, die er braucht. Ich muss abwarten.
Ich spüre Angst. Ich bin traurig. Ich bin müde. All das ist so anstrengend für mich. Mir geht so viel durch den Kopf. Wie konnte ich nur all die Jahre so eine Geschichte verdrängen?
Ständig vertippe ich mich heute. Ich bin total aufgewühlt. Ich fühle diese Unruhe in mir.  Ich weiß nicht, was mich diese Woche erwartet. Mir schwirren so viele Gedanken durch meinen Kopf. Es gibt noch so viele offene Fragen. Ich hoffe ich habe auch den Mut, diese Fragen zu stellen, wenn ich die Gelegenheit dazu habe. Ich lasse all das nun auf mich zukommen. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Auch wenn dieser Weg sehr steinig ist. Ich versuche, ruhig zu bleiben und nehme all meinen Mut zusammen. Alles wird gut. Es braucht nur seine Zeit.



Donnerstag, 19.Februar 2009 (Altweiber):

Heute ist es endlich soweit. Länger hätte ich das Warten auch nicht mehr ausgehalten. Heute werde ich nach Marl-Sinsen fahren. Ich bin um sieben Uhr aufgestanden. Sitze mit meinem Kaffee im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich versuche etwas zu essen, aber es fällt mir schwer einen Bissen runter zu bekommen. Was wird heute Mittag passieren? Wie werden die Mitarbeiter aus dem Medienhaus sein? Werde ich pünktlich sein? Wird es regnen? Wie werde ich mich fühlen? Finde ich die richtigen Worte? Fragen über Fragen. Diese unangenehme Unruhe kommt wieder in mir hoch. Gut, dass ich bis heute Mittag noch so viel erledigen muss.

Heute wartet eine Überraschung auf mich. Die DVD mit der Tagesschau vom 6.10.1973 vom NDR. Ich konnte diesen Umschlag erst gar nicht in die Hand nehmen. Ich stehe vor meiner Haustüre und starre diesen Umschlag an. Auf der einen Seite Freude, auf der anderen Seite kommt wieder diese Angst in mir hoch. Mit zitternder Hand nehme ich diesen Umschlag. Ich schlucke, atme einmal tief durch. Die Tränen schießen mir wieder in die Augen. Ich hatte mir so oft diesen Moment ausgemalt, jetzt ist er da.
Ich fühlte mich schon seit morgens so, als würde mich jemand behutsam durch diesen Tag schieben. Ich will nur wissen, ob die DVD vom NDR läuft. Anschauen will ich sie später. Doch leider läuft sie auf meinem Player nicht, auch nicht auf dem Rechner. Ich stecke die DVD in meine Tasche. Ich stecke auch die Engelkarte einer Arbeitskollegin in die Tasche. Die Engel sollen mich bei dieser Reise beschützen. Ich schaue noch einmal in meinem Portemonnaie nach den Fahrkarten. Und Schwupps! Da fällt ein Centstück genau auf die Engelkarte. Dieses Centstück habe ich erst am nächsten Tag aus der Tasche geholt. Es hat mich beschützt.

Ich bin total nervös.  Mir schlägt das Herz bis zum Hals. „Was hast Du Dir da bloß angetan?“ Immer wieder stelle ich mir diese Frage. Ich komme mir vor wie ferngesteuert. Wie im Traum. Alles ist so unwirklich. Ich ziehe meine Schuhe und meine Jacke an. Atme noch einmal tief durch und dann geht es los. Die Reise in meine Vergangenheit.
Ich sitze im Bus und schaue auf meine Uhr. Ich darf auf keinen Fall den Zug verpassen. Zum Glück läuft alles glatt. Ich hatte extra für alle Fälle einen Bus eher genommen.
Ich komme am Mülheimer Hauptbahnhof an. Es gibt eine direkte Verbindung nach Marl-Sinsen. Der RE Rhein-Haard-Express. Ich stehe oben am Gleis 1 und warte. Die 12 Minuten bis der Zug kommt, kommen mir ewig lang vor. Dann ist es soweit. Der Zug kommt. Der Zug hält. Die Türen öffnen sich, ein paar Fahrgäste steigen aus. Ich steige ein. Ich setze mich nach oben. Von hier aus habe ich den besseren Überblick.
Ich kann nicht mehr denken, nicht mehr fühlen. Ich sitze da und starre aus dem Fenster. Der nächste Bahnhof ist Essen. Ehe ich mich versehe bin ich schon in Gelsenkirchen. Immer wieder hole ich mein Fahrplanbuch aus der Tasche und schaue, wann ich in Marl ankomme. Dabei weiß ich doch schon seit Tagen, dass ich um 14.42 Uhr dort ankommen werde. Wanne-Eickel Hauptbahnhof. Noch Recklinghausen, dann soll ich auch schon in Marl ankommen. Es geht mir viel zu schnell. Aber gut, ich kann ja nicht ewig im Zug sitzen bleiben.
Dann kommt die Durchsage:“ Der Nächste Halt Marl-Sinsen.“ Von da an rast mein Puls, ich kann nicht mehr schlucken, ich zittre, ich friere. Ich habe das Gefühl, dass mich diese Situation total überfordert. Der Zug wird langsamer. Ich denke noch: „Wie erkennst Du bloß den Journalisten und den Fotografen?“  Dann kommt der Zug auch schon zum Stillstand. Die Türen gehen auf. Ich steige mit total wackeligen Knien aus. Mein erster Blick geht zu zwei Männern, die unmittelbar vor mir stehen. Die Männer lächeln, wieder werde ich von einer unsichtbaren Hand angeschoben  und ich gehe auf die Männer zu. Ich lächle, begrüße sie und es war direkt klar. Es sind Herr Geling und der Fotograf.
Am liebsten hätte ich in diesem Moment losgeheult. Ich fühlte mich so schwach und war total aufgewühlt. Ich schaute mich um. Hier war also der Ort des Unglücks. Es ist nur ein kleiner Bahnsteig. Links und rechts davon halten die Züge. Diese Station ist nicht mehr von Personal besetzt.
Ich werde sehr herzlich begrüßt. Der Fotograf, dessen Namen ich in all der Aufregung leider vergessen habe, fragt mich, ob ich zum ersten Mal an diesem Ort sei. Ich schaue mich nervös um und bejahe diese Frage. Der nette Fotograf erklärt mir nun vor Ort was genau passiert war. Etwa 500 m von dieser Station entfernt passierte damals das Unglück. Ich war ein paar Minuten zuvor an dieser Stelle vorbei gefahren. Ich schaue dort hin und sehe eine Signalampel. Die rote Leuchte dieser Ampel sticht mir sofort ins Auge. Dort, in etwa dieser Höhe, starben meine Mama und weitere 6 Opfer. Dieser Ort strahlt etwas Unbeschreibliches aus. Ich kann es spüren. Seit Jahren war ich meiner Mama nicht mehr so nah gewesen.
Dann werden, ganz behutsam, die ersten Bilder von mir gemacht. Im Hintergrund der Unglücksort. Ich habe die Möglichkeit, diese Situation sofort zu beenden wenn ich es nicht mehr aushalte. Ich spüre, dass ich langsam wieder ruhiger werde. Herr Geling und der Fotograf hatten sich sehr gut vorbereitet und konnten mir sämtliche technische Daten erklären, die sich vor über 35 Jahren ereignet haben. Bei ihren Erklärungen tauchen immer wieder die Bilder auf, die ich vor ein paar Wochen das erste Mal in den Zeitungskopien gesehen hatte.
Wir verlassen den Bahnhof Marl-Sinsen und fahren zur Brücke, zum Unglücksort. Auf dem Weg dorthin bimmelt mein Handy. Eine SMS. Es ist die Antwort von meiner Schwester. Ich hatte ihr am Abend zuvor eine SMS geschickt, die jetzt erst bei ihr ankam. Anja weiß nicht wo ich bin – was ich tue. Und trotzdem ist sie bei mir. Bei mir und unserer Mama. Ich bin nicht allein.
Weitere Fotos werden dann an der Brücke – an der B51 gemacht. Nun bin ich noch näher am Unglücksort. Ich werde diesen Ort auf alle Fälle noch einmal besuchen um meiner Mama ein paar Blumen zu bringen. Dann werde ich Abschied nehmen. Ich weiß nun, dass ich vor diesem Ort keine Angst mehr haben muss.
Nachdem wir die Fotos gemacht hatten verabschiedete sich der nette Fotograf. Herr Geling und ich machten uns auf den Weg in ein Café, um unser Gespräch zu führen. 
Eigentlich sollte dieses Gespräch in Marl stattfinden. Doch da ist es wieder, das Gefühl, als würde mich jemand durch diesen schweren Tag führen. Wir einigen uns darauf dieses vertrauliche Gespräch in Recklinghausen zu halten. Einer der Gründe ist, dass ich mich nach dem Interview mit einer meiner Arbeitskolleginnen treffen wollte. Sie wohnt in Recklinghausen. Da wir uns auf eine besondere Art sehr nahe stehen, was sich heute wieder bestätigen wird, hatten wir ausgemacht, dass ich mich nach dem Interview und dem Fototermin bei ihr melde, wenn mir danach ist, wollten wir uns auf einen Kaffee treffen. Diese Verabredung war zunächst locker, da ich nicht einschätzen konnte, wie es mir nach dem Treffen mit Herrn Geling geht.
Wie der Zufall es will, fahren wir nach Recklinghausen. Herr Geling biegt links ab und mir fällt ein Schild ins Auge. Recklinghausen Nord. Ich denke: “Recklinghausen Nord. Zum Nordfriedhof  wurden damals die Leichen gebracht. Auch meine Mama. Opa musste samstags dort hin um sie zu identifizieren. In dem Moment, als ich Herrn Geling nach diesem Friedhof frage, taucht auch schon ein Schild NORDFRIEDHOF auf. Daraufhin entschließen wir uns in das Café gegenüber dem Friedhof zu gehen. Es ist heute Altweiberfastnacht und dort ist die Chance, in Ruhe reden zu können, groß.
Es ist ein kleines Café. Eine Mischung aus Blumenladen, Antikmöbelgeschäft und Café. Eine ungewöhnliche, aber sehr gemütliche Mischung. Wir setzen uns hinten in die Ecke. Wir wollen ja ungestört reden. Bei mir steigt die Unruhe wieder hoch. Was für Fragen erwarten mich? Finde ich die richtigen Worte? Bevor ich mich setze schaue ich noch mal aus dem Fenster Richtung Friedhof. „Mein armer Opa. Wie schrecklich muss dieser Gang damals gewesen sein?“ Ich ziehe meine Jacke aus und setze mich. Ich atme tief durch und versuche mich selbst zu beruhigen. Ich blicke nach rechts. Dort sitzen zwei Frauen bei ihrem Kaffee und plaudern unbeschwert. Nun beginnt der Moment vor dem ich so große Angst hatte. Doch es stellte sich zum Glück schnell raus, dass Herr Geling mir das schwere Gespräch leicht macht. Die Angst verfliegt recht schnell. Danke Herr Geling. Ich kann mich gar nicht oft genug bedanken. Sie haben mir so sehr geholfen.
Als sich das Gespräch so langsam dem Ende zuneigt, schlägt Herr Geling vor, dass ich meine Kollegin anrufe, ich sie frage wo sie wohnt, und er mich dort hinbringt. Gesagt, getan. Und schon steht wieder der nächste Zufall an, sofern es so etwas überhaupt gibt. Ich rufe meine liebe Kollegin an und erkläre ihr, dass wir fertig sind und der Herr Geling mich zu ihr bringen möchte. 
Ich erkläre ihr wo wir sind, sie lacht und sagt, wir seien ganz in der Nähe! „OK. Dann bin ich in ein paar Minuten bei Dir. Dann können wir noch einen Kaffee trinken, bevor ich nach Hause fahre.“ Kurz darauf brechen wir auf. Mittlerweile hat es angefangen zu schneien. Wir gehen über die Straße zum Parkplatz des Nordfriedhofs. Bevor ich ins Auto einsteige noch ein letzter Blick auf die Kapelle vom Friedhof. „Da lag meine Mama drin.“ dachte ich. Wieder stelle ich mir vor, wie mein Opa diesen schweren Gang antreten musste. Was muss er damals gelitten haben. Die Sorge um seinen Sohn, der schwer verletzt in der Klinik lag. Die Sorge um uns Kinder. Den Tod meiner Mama. Die schrecklichen Bilder des Unglücks. Mir wird immer klarer, warum Oma und Opa nicht mit uns reden konnten. 
Wir setzen uns ins Auto. Herr Geling gibt die Adresse ins Navigationssystem ein. Man glaubt es kaum, 400 Meter! Einmal um die Ecke und wir waren da. Trotz des Schneefalls steht meine Kollegin frierend vor der Tür und wartet auf mich. Ich verabschiede mich von Herrn Geling. Ich steige mit einem guten Gefühl aus dem Auto. Wie gesagt, Herr Geling hat es mir in einer schweren Situation recht leicht gemacht.
Ich eile über die Straße zu meiner lieben Kollegin und begrüße sie. Ich bin in diesem Moment so froh, dass ich nicht alleine sein muss. Wir gehen hoch in ihre Wohnung und sie versorgt mich erst einmal mit Espresso und „Nervennahrung“. Ich zittere am ganzen Körper. Ich bin total aufgedreht. Gleichzeitig friere ich. Ich bin total erschöpft. Stolz, all das überstanden zu haben.
Glücklich – traurig gleichzeitig. Aufgewühlt. Ich kann diesen Zustand kaum beschreiben. Ich versuche wieder runter zukommen. Doch das ist alles andere als leicht.
Nun saß ich da mit meinem Espresso und meiner Nervennahrung. Ich erzähle von dem Gespräch und dem Fototermin. Doch etwas beunruhigte mich immer noch. Ich schaute zu meiner Tasche. Da war sie drin, die DVD. Ich frage, ob wir zusammen die DVD schauen können. Bei mir zu Hause läuft sie nicht und außerdem wollte ich diese schrecklichen Bilder auch nicht alleine sehen. Meine liebe Kollegin nahm die DVD, lächelte und legte die DVD in den Player. Voller Erwartung sitzen wir auf dem Sofa und starren auf den Bildschirm. Da erscheint das alte ARD-Zeichen. Der alte Vorspann der Tagesschau. Auch wenn es lange her ist, man kennt diese Bilder. Diese Bilder sind vertraut. Es kommt ein Bericht nach dem anderen. Wir trauen uns aber auch nicht vorzuspulen. Wir wollen den Bericht nicht verpassen. Total verspannt sitze ich auf der Sofakante. Fühle mich schon wieder total beklommen. Aber ich will die Bilder sehen. Dann ist es soweit. Ich sehe das erste Mal bewegte Bilder zu dem Unglück. Diese Bilder sind noch schlimmer als die Fotos. Der Bericht geht nur 45 Sekunden. Das war es. 45 Sekunden voller Schrecken. Nach dem Bericht schauen wir  uns an. Schweigen. Was soll man auch zu solch schrecklichen Bildern sagen. Ich bin trotzdem froh diese Bilder gesehen zu haben. Danke liebe Kollegin, dass Du in diesem Moment da warst.
Ich falle abends in mein Bett, kann aber trotz der großen Müdigkeit kaum schlafen. Immer wieder tauchen die Bilder auf. Die Fotos aus der Zeitung. Der Bericht von der Tagesschau. Die Bilder vor Ort. Der Friedhof. Die Brücke. 


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