Februar 2009:

Alle Artikel und Bilder aus der Marler Zeitung sah ich vor 2 Wochen das erste Mal. Nur den Artikel aus der Bild hatte ich von meinen Großeltern bekommen. Diesen Artikel fand ich in ihrer Wohnung nach ihrem Tod. Die Bilder aus der Marler Zeitung waren für mich nur schwer zu ertragen. Es war hart diese Zeilen zu lesen. Auch als ich diese Zeilen in dieses Buch niederschrieb, musste ich immer wieder Pausen einlegen. Es ist für mich auch das erste Mal, dass ich die Gelegenheit habe, offene Fragen zu beantworten. Zu Trauern. Zu Begreifen. Ich kann jetzt besser verstehen, warum Oma und Opa kaum mit uns über das Unglück gesprochen haben. Damals waren wir noch viel zu klein. Und ich denke, je länger man mit einer solchen Geschichte lebt, umso schwerer ist es, einem Menschen, den man liebt, die Wahrheit zu sagen. Vor allem wenn das, was ich bisher niedergeschrieben habe, nur ein kleiner Teil einer verdammt traurigen Lebensgeschichte ist.
Ich bin meinen Großeltern unendlich dankbar dafür, dass ich bei ihnen aufwachsen durfte. Dass sie mir eine doch so schöne Kindheit geschenkt haben. Oma und Opa sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich liebe meine Großeltern über Alles. Schade, dass ich es ihnen nicht mehr sagen kann.
An dieser Stelle möchte ich auch sagen, dass ich dem Betriebsoberaufseher keinen Vorwurf mache. Ich denke, der arme Mann ist mit all den Schuldgefühlen, diesen Bildern von damals mehr als genug bestraft. Vielleicht liest er ja irgendwann einmal dieses Buch und wir können mal miteinander reden. Natürlich nur, wenn auch er diesen Wunsch verspürt.


Vor drei Tagen musste ich beruflich nach Bad Driburg reisen. Da ich kein Auto fahre, musste ich mit dem Zug dorthin. Ich hatte bei jeder Zugfahrt an dieses Unglück gedacht. Doch es war immer so weit weg. Ich war ja Meister im Verdrängen. Dieses Mal war alles anders. Ich spürte schon am Abend vor Antritt dieser Reise, dass ich immer unruhiger wurde. Immer wieder tauchten die Bilder dieser Katastrophe vor meinem geistigen Auge auf.  Ich konnte kaum schlafen. Dann ging um 5.30 Uhr der Wecker. Obwohl ich ein sehr schlechter Frühaufsteher bin, war ich wach. Ich spürte wieder diese Unruhe. Auch eine gewisse Angst stieg in mir hoch. Ich zog mich an, trank noch eine Tasse Kaffee und versuchte, einen Happen zu essen. Um halb sieben verließ ich das Haus und machte mich mit dem Bus auf den Weg zum Bahnhof. Ich hatte noch ein paar Minuten Zeit, bis mein Zug nach Paderborn kommen sollte. In diesen Minuten wurde ich immer unruhiger. Ein ICE brauste an mir vorbei. Ich zitterte, bekam kaum Luft. Kurz darauf brauste ein zweiter ICE an mir vorbei. Ich spielte mit dem Gedanken einfach wieder nach Hause zu fahren. Weg von diesem Bahnhof. Weg von diesen Zügen. Das war das erste Mal, dass ein Zug mir Angst einjagte. Doch dann kam schon mein Zug nach Paderborn. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Ich bekam kaum Luft. Mit weichen Knien, die Reisetasche fest umklammert, stieg ich in den Zug ein. Ich fragte mich, wie ich diese Fahrt überstehen sollte. Wieder tauchten diese Bilder vor mir auf. Ich schmiss meine Reisetasche auf den Sitz, zog meine Jacke und meinen Schal aus, legte die Sachen auf meine Tasche. Ich setzte mich neben meine Tasche. Ich holte tief Luft. Der Zug fuhr los. Dann merkte ich, wie mir mit einem Schlag ein riesen Stein vom Herzen fiel. Ich konnte wieder durchatmen und ich entspannte mich langsam wieder. Zwei Stunden später kam ich in Paderborn an. Vollkommen erleichtert und auch ein bisschen stolz auf mich. Ich weiß nun, dass dieses Unglück zu meinem Leben gehört. Es hat mich geprägt. Ich aber auf keinen Fall zulassen darf, dass mich dieser Schicksalsschlag beherrscht. Ich beherrsche diesen Schicksalsschlag. Die ersten Schritte dafür sind getan.



Jetzt verstehe ich, warum ich mich manchmal so sehr nach Ruhe sehne. Das Telefon nach der Arbeit auf leise stelle. Warum ich Verabredungen blocke oder verschiebe. Es gibt Tage, da wird mir einfach alles zu viel. Ich brauche Ruhe, nichts als Ruhe. Alles, was unvorhergesehen passiert, überfordert mich. Ich spüre diese negative Unruhe in mir. Ich hasse mich dann selber. Ruhe, nichts als Ruhe. Das ist das Einzige was hilft. Manchmal brauche ich nur ein paar Stunden, manchmal aber auch Tage oder Wochen.
Vor ein paar Jahren musste ich noch viele weitere Schicksalsschläge einstecken. Doch dazu später. Ich wurde daraufhin sehr krank. Ich war überfordert mit mir und meinem Leben. Ich denke, wenn solch eine Last in einem schlummert, die so viel Platz einnimmt, kann man irgendwann nicht mehr (er-)tragen. Da ist der Zusammenbruch vorprogrammiert. Ich krempelte damals mein ganzes Leben um. Nur an die größte Last habe ich mich nie drangetraut. Seitdem ich recherchiere und alles hinterfrage, meine Reise in die Vergangenheit angetreten habe, geht es mir alles andere als gut. Seit Wochen habe ich immer wieder Magenschmerzen. Ich plage mich sehr oft mit Kopfschmerzen herum. Ich schlafe unruhig. Ich denke sehr viel nach. Ich bin zeitweise so traurig. Ich friere. Ich weine. Ich trauere. Endlich. Endlich kann ich trauern. Auch wenn es mir schlecht geht, sehe ich das als ein gutes Zeichen. Ich habe Fragen nach meinen Eltern und dem Unglück gehasst. Ich habe mich immer geschämt, weil ich nichts Genaues wusste. Ich wusste bis vor kurzem nicht, wie alt meine Eltern damals waren. Wann Mama, Papa oder mein Bruder Geburtstag haben. Jeder weiß, wann seine Eltern Geburtstag haben, wie alt sie sind. Nur ich wusste es bis vor kurzem nicht. Ich habe mich nie getraut zu fragen. Ich habe meine Oma zu oft weinen sehen, wegen dieser Geschichte. Ich hatte immer Schuldgefühle, wenn ich Fragen stellte. Irgendwann habe ich einfach keine Fragen mehr gestellt. Jetzt kann ich leider niemanden mehr fragen. Oma und Opa leben nicht mehr. Nur zu den Geschwistern von unseren Großeltern bestand in unsere Kindheit und zum Teil auch jetzt noch Kontakt. Da wir von Kind an kaum über das Unglück geredet haben, traue ich mich zurzeit noch nicht, dort zu fragen. Es besteht eine Hemmschwelle. Manchmal ist es leichter mit einem Fremden über Probleme zu reden, als mit Menschen, die man kennt und liebt. Ich will niemanden mit meinen Fragen verletzen. 

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