Das Zugunglück
Am 5. Oktober
1973 war ich 16 Jahre alt. Ich machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau, ein
Beruf, der nicht zu mir passt.
Meine Ausbildungsfirma
war die Firma Rott, Heizung und Sanitär, in Marl-Sinsen. Jeden Tag pendelte ich
mit dem Zug von Haltern nach Marl-Sinsen und wieder zurück. Der Betrieb befand
sich direkt unter der Unglücksstelle. Die Einfahrt zur Firma befand sich links
vor der Eisenbahnbrücke, wenn man von Recklinghausen aus kommt.
Hätte ich
diesen Ausbildungsberuf geliebt und irgendeinen Ehrgeiz gehabt gute Leistungen
zu erbringen, dann wäre ich um 18.10 Uhr Zeuge des Zugunglücks geworden.
Doch ich hatte
keine Lust Überstunden zu machen. Überließ das Schreiben eines Angebotes meiner
Ausbilderin und log, dass ich am Abend einen wichtigen Arzttermin hatte. Ich
packte um 16.15 Uhr meine Sachen und rannte zum Bahnhof um den Zug noch zu
erreichen. Die Straßenbahn, die damals noch zum Bahnhof fuhr, hatte ich schon
verpasst.
Nach der Arbeit
ging ich nicht sofort nach Hause, sondern suchte das Eiscafé Cortina auf um
Freunde zu treffen und aus der Musikbox, die dort stand, Lieder von den Doors
zu hören. Das machte ich nicht häufig, aber für heute hatte ich mich
verabredet. Wir saßen dort, schimpften über unsere Ausbildungsbetriebe, über
die Schule oder unsere Eltern und schlürften Mixgetränke ohne Alkohol.
Eigentlich
wollte ich meine Freundin Geli aus der Anwaltskartei abholen, sie machte dort
eine Ausbildung zur Renogehilfin und hatte erst um 18.00 Uhr Schluss.
Aber ich hatte
die Zeit vergessen.
Um 18.30 Uhr
kam Geli ins Eiscafé. Sie rannte auf mich zu, umarmte mich und fing bitterlich
an zu weinen. Ich verstand die Welt nicht mehr.
„Ich bin so
froh, dass du lebst“, stammelte sie schließlich. „Der Zug, in Marl-Sinsen ist
ein Zug entgleist und es soll Tote und Verletzte geben und du kamst nicht um
mich abzuholen. Ich dachte du wärst in dem Zug gewesen“.
„Oh Gott“,
sagte ich, „meine Eltern, sie werden mich auch vermissen und glauben, dass ich
in dem Zug war“. Zusammen mit Geli machte ich mich rasch auf den Weg um meinen
Eltern zu sagen, dass ich am Leben war.
Wie erwartet,
war meine Familie ganz aufgedreht. Es war untypisch, dass ich nach der Arbeit
nicht direkt nach Hause kam. Meine Schwester war bereits damit beschäftigt
sämtliche Krankenhäuser anzurufen. Mein Vater war an dem Tag in Recklinghausen
gewesen, um dort in einer großen Gärtnerei Ware zu holen. Meine Eltern hatten
in Haltern zwei Blumengeschäfte. Den Rückweg konnte er nicht mehr über
Marl-Sinsen antreten, alles war abgesperrt, die Autobahn war noch nicht gebaut.
Also musste mein Vater über Oer-Erkenschwick nach Haltern fahren. Auch er hatte
befürchtet, dass ich in dem Unglückszug saß und sorgte sich während der ganzen
Heimfahrt um mich. Mein Bruder hatte versucht in meiner Firma anzurufen, aber
dort ging niemand ans Telefon. Alle fürchteten schon das Schlimmste, als ich
schließlich in der Tür stand. Die Erleichterung war groß.
Am Abend kamen
dann die ersten schrecklichen Bilder im Fernsehen. Wir erfuhren, dass es sich
gar nicht um einen Regionalzug handelte, sondern um einen Schnellzug, der nicht
einmal in Marl-Sinsen hielt und in Richtung Recklinghausen fuhr, also in die
entgegengesetzte Richtung wie ich gefahren war.
Wir erfuhren
von 7 Toten und Verletzten und ich fürchtete mich sehr davor am nächsten Tag in
die Bahn zu steigen um nach Marl-Sinsen zu fahren.
Alle Fahrgäste
sprachen am nächsten Tag nur von dem Unglück. Ich gehörte zu einer Gruppe von
jungen Leuten, die jeden Tag nach Recklinghausen fuhren. Nur ich stieg in
Marl-Sinsen aus. Oft hielt der Zug allein für mich.
Auch an diesem
Tag stieg ich alleine aus. Es war Oktober, die Tage wurden schon kalt. Der
Nebel an diesem Morgen machte den Bahnhof in Marl-Sinsen nicht einladender.
Meine Füße fühlten sich an wie Blei. Ich lief zu Fuß, weil die Straßenbahn noch
nicht gekommen war. Der Weg bis zu der Firma erschien mir unendlich lang.
Als ich endlich
die B 51 erreichte und einen Blick auf die Brücke werfen konnte, zeigte sich
mir ein gespenstisches Bild. Ein Eisenbahnwaggon ragte hoch in den Himmel,
andere verbeulte Teile des Zuges standen noch auf der Brücke, überall stiegen
Dampf- oder Rauchwolken auf, die Straße war verschmiert mit Dreck und Sägespänen,
Bäume waren gefällt worden und lagen recht wahllos am Straßenrand.
Über all dem
lag eine unheilvolle Stille die mir das Blut kalt werden ließ, ich zitterte.
Ich habe noch
nie mit jemanden darüber gesprochen, aber ich spürte die Verwirrung der
Menschen, die hier verunglückt waren. Ich spürte die Seelen der Toten, die noch
immer nicht verstanden, was eigentlich geschah. Intuitiv sprach ich mit ihnen
in meinen Gedanken. Ich hatte das Gefühl, dass eine Mutter dabei war, es gab
auch Männer, aber die Mutter, sie war da. Es ist schwer zu erklären und die
Erinnerung ist eher eine gefühlsmäßige Erinnerung. Aber dort war eine Mutter,
die ihre Kinder vermisste und sich große Sorgen machte. Ich habe es immer
wieder gespürt, viele Tage. Es machte mir keine Angst, es machte mich nur
betroffen und ich war so froh, dass ich lebte. Damals entschied ich, jeden Tag
meines Lebens zu genießen und glücklich darüber zu sein. Durch das Unglück
lernte ich, dass das Leben nicht selbstverständlich ist, sondern ein Gut, mit
dem man sorgsam umgehen muss. Diese traurige Frau, die aus ihrem Leben gerissen
worden war und ihre Kinder so vermisste und sich um sie sorgte, diese Frau hat
mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist. Ich wusste nichts über diese Mutter
aus den Medien, es wurde nichts über eine Mutter geschrieben, jedenfalls nicht
in der ersten Zeit. Erst viel später bestätigte sich meine Empfindung, aber das
hat mich nicht verwundert, ich weiß auch nicht mehr wann ich davon gelesen habe
oder ob es mir jemand erzählt hat.
Ich habe noch
eine weitere Erinnerung. Die Unfallstelle war für mich immer mit sehr ernsten,
existenziellen Gedanken verbunden. Ich fragte mich, wenn ich die Brücke sah,
was der Sinn des Lebens ist. Mit 17 Jahren entschied ich beim Anblick der
Brücke, sehr früh schon Mutter zu werden. Ich wollte viele Kinder bekommen,
auch aus dem Andenken an die Toten der Brücke, besonders, weil dort eine Mutter
dabei gewesen war.
Ich wurde
Mutter. Es sind drei Söhne geworden, den ersten habe ich mit 21 Jahren
bekommen. Er ist heute 30 Jahre alt. Ich habe ihm häufig über die Brücke und die
Menschen, die dort gestorben sind, berichtet. Dass ich dort entschieden habe
Mutter zu werden ist mir aber erst jetzt, beim Schreiben, wieder eingefallen.
Ein ganzes
Leben habe ich mit dem Gedanken an die Toten des Zugunglücks verbracht. Es gab
am Anfang keinen Tag und später, bis heute, keine längere Zeitspanne, in der
ich nicht an die Menschen gedacht hätte, die dort verunglückt sind.
Es ist nicht
möglich sie zu vergessen, denn es führt mich regelmäßig durch die Brücke, auch
noch in Zeiten der Autobahnen. Oft habe ich absichtlich eine andere Ausfahrt
genommen, um durch die Unterführung zu fahren und auf diese Weise der Toten zu
gedenken.
Ich habe auch
noch Zeugenberichte aus zweiter Hand. An dem Abend, als es geschah, waren noch
Menschen in unserer Firma. Plötzlich gab es einen sehr lauten Knall und dann
hörte man das schreckliche Geräusch von Eisen auf Eisen, es folgte eine
unheimliche Totenstille. Niemand wusste was geschehen war. Die Leute liefen aus
ihren Häusern und sahen hinüber zur Unfallstelle. Dort richtete sich der
Eisenbahnwaggon gegen den Himmel, Rauch stieg auf, ein beißender Geruch lag in
der Luft. Die Stille hielt noch immer an. Nach einer Weile hörte man die Rufe
und Schreie der Menschen. Viele der Verunglückten kletterten die Böschung
herunter, sie standen unter Schock, wussten nicht wo sie waren und was
geschehen war. Die Menschen wurden in unserer Firma und den umliegenden Häusern
aufgenommen, bekamen Kaffee, Tee und etwas zu Essen, man hüllte sie in Decken,
Verletzungen wurden verbunden. Draußen brach allmählich die Hölle los. Polizei
und Krankenwagen kamen aus allen Richtungen zur Unfallstelle. Verirrte Menschen
aus dem Zug liefen apathisch, weinend oder mit zerrissenen Kleidern und blutend
durch die Gegend und wussten nicht wohin sie gehen sollten.
Ein
umgestürzter Waggon mit Perücken soll von einigen Anwohnern ausgeraubt worden
sein. Ein Würstchenmann soll zum Unfallort gefahren sein, um seine Würstchen zu
verkaufen und machte ein gutes Geschäft. Viele Schaulustige folgten und
behinderten die Bergungsarbeit.
Diese Bilder
sind mir alle erspart geblieben, doch sie wurden mir so deutlich geschildert,
dass ich manchmal glaube, ich wäre dabei gewesen.
Ich habe auch
von den verkohlten Leichen gehört, die aus Not in Wäschekörbe davon getragen
wurden. Ich weiß nicht, was Wahrheit davon ist und was aus Sensationslust immer
wieder noch schlimmer erzählt wurde. Sicherlich haben viele Menschen einen
bösen Genuss an der Katastrophe gehabt. Das ist mir damals, trotz oder auf
Grund meiner Jugend, sehr aufgefallen und es hat mich angewidert.
Ein Mann sagte
einmal zu mir am Bahnsteig in Marl-Sinsen: „Das ist eine Sensation, da wird
sogar einmal Marl-Sinsen berühmt“, es war keine Spur von Mitgefühl in seiner
Stimme, nur Sensationslust.
Die meisten
Menschen aber waren schockiert und voller Mitgefühl für die Betroffenen. Die
Zeitungen berichteten noch lange darüber und richtig vergessen wurde dieses
Unglück in Marl-Sinsen nie.
Als ich heute
ihr Bild in der Zeitung sah und ihre Geschichte hörte, lief mir ein Schauer der
Erinnerung über den Rücken.
Ich habe die
Trauer ihrer Mutter gespürt und ihre Mutter hat mich immer daran erinnert, wie
kostbar es ist, die eigenen Kinder
aufwachsen zu sehen.
Sie hat in mir
den Wunsch verstärkt, Kinder zu bekommen. Ich wollte die sinnlosen Toten durch
neues Leben ehren.
Mir fallen noch
Namen von möglichen Augenzeugen ein:
Rudolf K.-B.,
aus Haltern, Eugen S. aus Pirmasens und Franz C., als ich das letzte Mal von
ihm hörte, hatte er in Haltern-Sythen eine Heizung und Sanitär Firma. Ich meine
mich zu erinnern, dass sie damals vor Ort waren, noch bevor die Polizei und
Feuerwehr eintraf. Vielleicht wissen sie noch mehr zu erzählen, und die Namen
von weiteren Augenzeugen. Vielleicht fallen mir auch noch mehr Namen ein, wenn
ich vor Ort bin.
Mein Name ist:
Dorothee Z. (damals K.)
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