Dienstag, 26.Mai 2009:

Heute ist ein schöner Tag. Ich habe eine Nachricht von meinem Bruder Marcus bekommen.
Da er noch nicht von diesem Buch weiß, werde ich die nächsten Briefe von ihm nur so dokumentieren. Ich möchte, dass unsere Schreiben vorerst unter uns bleiben. Mein Bruder soll selbst entscheiden, inwiefern er in diesem Buch eine Rolle spielen möchte. Ich möchte niemals den Anschein erwecken, ihn für meine Recherchen und dieses Buch zu missbrauchen.
Mein lieber Bruder schreibt, dass er sich sehr über meine E-Mails und Fotos gefreut hat. Er steckt noch immer in den Renovierungsarbeiten, arbeitet Vollzeit und er muss in einem Monat umziehen. Daher ist er ein wenig im Stress. Er hat mir ein Bild von sich und seiner Freundin geschickt. Nun weiß ich endlich wie er aussieht. Ein netter Kerl. Ein sehr netter Kerl. An den Augen sieht man sofort, dass wir Geschwister sind. Irgendwie habe ich mir ihn genau so vorgestellt. Es ist schön, wie wir uns langsam näher kommen. 
Er schreibt sehr liebevoll. Man spürt, dass sich die Distanz zwischen uns verringert. Ich freue mich auf eine Zukunft mit meinem Bruder. Nächsten Monat hat er Geburtstag, dann werde ich ihm auf alle Fälle eine Karte schicken und ein Foto von uns Dreien als Kinder dabei legen.
Das mit dem Buch und den Recherchen werde ich ihm später erzählen. Ich möchte ihn nicht bedrängen oder unter Druck setzten. Und schon gar nicht ihm das Gefühl geben, dass ich den Kontakt nur wegen des Buches zu ihm aufgenommen habe. Alles braucht seine Zeit.



Mittwoch, 27.Mai 2009:

SMS von einem Freund, nachdem er das Buch gelesen hat:
…ist da, kann es auch öffnen. Erster kurzer Eindruck: habe noch nie so viel gebündelte Empathie erfahren. Du bist garantiert auf dem richtigen Weg. Bleib dran. Ich helfe Dir soweit ich kann und Du es für Dich vereinbaren kannst. Ich freue mich sehr für Dich und mit Sicherheit auch auf ein positives Ende. Besonders für Dich und alle Beteiligten. Du bist auf dem Weg. Weiter so. Dein Andy.



Email von einer ehemaligen Studienkollegin:

Hallo liebe Iris, es hat ein paar Tage gedauert, bis ich in Ruhe den bisherigen Text für Dein Buch am Stück lesen konnte. Es bewegt mich sehr, wie Du Deine Vergangenheit aufarbeitest, was Du durchlebst - und ich bewundere Deinen Mut und Kampfgeist. Gib' nicht auf und mach weiter, auch wenn es immer wieder Höhen und Tiefen geben wird. Aber passe bitte auf Dich auf und nimm Dir die notwendigen Auszeiten, damit Deine Kräfte für all das Erlebte und noch vor Dir liegende ausreichen. Ich selbst war 33 Jahre alt, als meine Mutter vor 10 Jahren an Krebs starb. Ich hatte Zeit, Abschied zu nehmen, war stark und erwachsen. Aber ob ich jemals die Trauer ganz ablegen kann, wird sich zeigen. Zumindest habe ich schöne Erinnerungen, die mir niemand nehmen kann. Mein Vater hat bis heute den Tod meiner Mutter nicht verkraftet und ist psychisch krank geworden. Das belastet meine Geschwister und mich zum Teil erheblich und beeinflusst auch unser Leben. Aber man wird auch härter und es gibt glücklicherweise immer wieder schöne und unbeschwerte Zeiten. In "schlechten Zeiten" versuche ich positiv zu denken: ... aus jeder Situation das Beste zu machen und jedem Tag eine neue Chance zu geben - auch wenn es nicht immer so recht gelingen will... Oftmals erschließt sich mir im Nachhinein, wofür die schlimmen Erlebnisse gut waren. Natürlich können Dir diese Worte kein Trost sein. Aber ich freue mich, wenn Du weitermachst und mich an Deinem Buch teilhaben lässt. Vielleicht findest Du ein wenig innere Ruhe und Frieden. Meine Kommentare darfst Du gerne verwenden. Für heute bleibt mir nur, Dir alles Gute für Deine Gesundheit, viel Kraft und Durchhaltevermögen zu wünschen. Mögen Dir immer liebe Menschen zur Seite stehen, die für Dich da sind, wenn Du eine Stütze brauchst. Ganz herzliche Grüße Marion



Freitag, 29.Mai 2009:

In den letzten Tagen habe ich mich mit meinen Recherchen und dem Schreiben ein wenig zurück gehalten. Ich habe die Zeit mit meiner Schwester, meinem Neffen und Freunden verbracht. Ich genieße den Urlaub und die Sonne. Das tut gut.
Eins hat sich auf jeden Fall in den letzten Wochen und Monaten gezeigt und in diesem Urlaub auch bestätigt. Die Entscheidung, meinen Freundes- und Bekanntenkreis zu überdenken und mich von der einen oder anderen Freundschaft zu trennen, war genau richtig. Im Moment bin ich von Menschen umgeben, die mir gut tun und die ich sehr lieb habe. Menschen, die mir Halt geben. Liebe Menschen, die mich zum Lachen bringen. Zum Teil sind es Freundschaften, die ich seit vielen Jahren pflege, zum Teil sind es neue Freundschaften. 
Was wäre das Leben ohne die Menschen, die es erst lebenswert machen…
Jetzt freue ich mich auf das Treffen mit meinem Bruder, das nach seiner großen Renovierung ansteht. Vielleicht ist es auch gut so, dass wir noch ein bisschen Zeit bis dahin haben. Ich möchte auf gar keinen Fall etwas überstürzen. Dafür ist mir mein Bruder viel zu wichtig. Auch wenn wir uns seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben.
Ich habe mir schon eine Menge Ballast von der Seele geschrieben. Es wurden mir schon viele Fragen beantwortet. Es ist so schön zu wissen, dass so viele Menschen hinter mir stehen. Es ist überwältigend, dass es nach fast 36 Jahren noch so viele Menschen gibt, die mir Fragen beantworten, Bilder und Filme schicken, obwohl ich spüre, dass es den meisten schwer fällt über das tragische Unglück zu reden.
All das sind so wertvolle Erfahrungen, dass es sich alleine dafür schon lohnt, diese Reise in die Vergangenheit zu machen.

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