Dorothees zweite E-Mail vom 21.März 2009:

LiebeIris,
ich hatte nicht damit gerechnet, dass auch ich bezüglich des Zugunglücks noch etwas zu verarbeiten habe. Aber das ist anscheinend durchaus der Fall.
Obwohl ich die schrecklichsten Bilder gar nicht gesehen habe, fühle ich mich persönlich betroffen. Ich habe meine eigenen Erinnerungen mit Hilfe ihrer gesammelten Artikel überprüfen können. Das Meiste habe ich genauso in Erinnerung. Nur die zeitliche Einschätzung der Abläufe spielt mir manchmal einen Streich Zum Beispiel glaubte ich am nächsten Tag am Unfallort gewesen zu sein, aber jetzt habe ich mich mit Hilfe der Artikel daran erinnert, dass ein ganzes Wochenende dazwischen lag und ich erst Montag am Ort des Geschehens ankam.
Ich dachte auch, dass die Waggons noch wochenlang dort hoch in der Luft ragten, aber sie wurden schon nach 8 Tagen weggeräumt. Da sie mir so bedrohlich vorkamen, wurde die Zeit mir wahrscheinlich so lang.
Alle Artikel, die sie aufgelistet haben, kamen mir bekannt vor. Ich denke dass ich sie in der Marler Zeitung oder in den Ruhrnachrichten gelesen habe.
Nur der Bild-Zeitungsartikel war mir vollkommen unbekannt. Ich war damals 16 Jahre alt, es waren die 70er-Jahre und ich war sehr progressiv. Aus Prinzip las ich keine Artikel aus der Bildzeitung. Sie waren mir zu sensationsgierig. Ich kann mich auch nicht wirklich daran erinnern, dass mir irgendjemand von dieser Mutter mit den drei Kindern etwas erzählt hätte. Ich glaube es hat auch niemand getan, ich wusste es einfach. Ich habe nur nicht glauben können, dass ich es von alleine wusste. Ich habe den Kontakt zu ihrer Mutter nicht akzeptiert und deshalb auch in Frage gestellt und in gewisser Weise auch ignoriert. Es ist sehr schwer auf eigene Wahrnehmungen zu vertrauen, wenn  jedermann diese Wahrnehmungen erst einmal in Frage stellen wird. Jedenfalls habe ich angenommen, dass niemand solche Wahrnehmungen ernst nimmt. Ich war 16 Jahre alt und es war eine ganz andere Zeit.
Ihre Mutter wollte mir etwas sagen, erteilte mir einen Auftrag oder hatte eine Bitte an mich. Ich glaube im Tod spielt Zeit keine große Rolle. Sie sagen, dass sie ihre Mutter in Marl-Sinsen gespürt haben, vielleicht wartet sie dort auf uns. Ihre Mutter war damals 25 Jahre alt, also 9 Jahre älter als ich, sie sind 41 Jahre alt, also 11 Jahre jünger als ich. Irgendwie komme ich mir vor wie eine Brücke über die Zeit.
Nächtliche Gedanken, weil die Erinnerungen mich nicht schlafen lassen.
Grüße Dorothee Z.


Es ist etwa 9.45 Uhr. Ich komme mit dem RE 2 in Marl-Sinsen am Bahnhof an. Dieser Ort macht mir Angst. Unruhe begleitet mich. Jetzt wo ich Genaueres über den Unfallhergang weiß, viele Bilder und die Tagesschau  vom Unglück gesehen habe,  sehe ich den Ort mit ganz anderen Augen. Es ist so, als würde das ganze Szenario noch einmal vor meinem geistigen Auge ablaufen. Ich versuche mich zu fassen und überlege, ob ich Dorothee erkennen würde. Sie kannte mein Bild aus der Zeitung. Doch ich wusste nicht wie sie aussieht. Ich steige völlig nervös mit weichen Knien aus dem Zug aus. Die Sonne scheint. Der Himmel ist strahlend blau. Es erinnert mich an den Samstag nach dem Unglück. Laut Zeugenberichten und Fotos schien auch an diesem Tage die Sonne.
Ich schaue nach rechts und sehe ein paar Meter weiter eine Frau mit schwarzem Haar und rot – weißer Kleidung stehen. Sie lächelt mich an und kommt auf mich zu. In diesem Moment wusste ich, das ist Dorothee. Sie fragte mich: “Iris?“ Ich fragte: „Dorothea?“ Ich war einfach zu nervös. Sie lächelte und nickte:“ Dorothee. Macht aber nichts.“ Und schon war alles gut. Dorothee schlägt vor, zum Unglücksort zu laufen. Ich erkläre mich sofort einverstanden. So haben wir beide Zeit uns auf diesen Ort einzustimmen. Es ist für uns beide kein leichter Gang. Ich spüre auch Dorothees Trauer ganz deutlich. Es werden für sie viele Erinnerungen wieder wach. Es fällt ihr stellenweise sehr schwer darüber zu reden.
Wir kommen sofort ins Gespräch. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge. Sie erzählte mir noch einmal was und vor allem wie sie damals alles erlebt hat.
Wir hatten uns von Anfang an eine Menge zu erzählen. Es war so, als würden wir uns schon ewig kennen. Das macht die Sache für uns beide leichter. Wir haben nun beide die Chance, an unserem Trauma zu arbeiten. Verdrängtes endlich raus zu lassen, um irgendwann mit dieser traurigen Geschichte abzuschließen. 


Ich fragte sie, ob sie die Fotos vom Unglück sehen wollte. Ich hatte die Fotos für alle Fälle eingesteckt. Sie bejahte diese Frage. Für mich wird alles wieder so real, als wäre es gestern gewesen und ich hätte bei diesem Unglück vom Rande aus zugeschaut. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Dann kommen wir an der Brücke an. Von weitem strahlt diese Brücke schon etwas Unheimliches aus. Ich kann es nicht beschreiben. Ich denke, man spürt die Seelen der Toten. All die Trauer und das Grauen vom 5.Oktober 1973. Auch Dorothee spürt es. In dem Moment, wo sie das, was ich denke, was ich spüre, ausspricht, begegnet uns eine Katze. Die Katze trägt ein totes Hasenbaby im Maul. Sie schaut uns an und läuft auf die Terrasse des Restaurants. Dorothee und ich schauen uns an. Das war für uns in diesem Moment die Bestätigung, dass dieses ein Ort des Todes ist.
Wir laufen an einem Restaurant vorbei, über einen Hof. Stehen dann vor ein paar kleinen Häusern. Dorothee zeigt mir das Haus in dem sie damals die Ausbildung gemacht hat. Das Gebäude steht direkt an den Gleisen. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie die Verletzten die Böschung hinunter stolperten. In den umliegenden Häusern wurden die Verletzten und unter Schock stehenden Menschen versorgt. Ich stelle mir das Chaos vor, das geherrscht haben muss. 
Wir gehen wieder zurück zur Brücke. Stehen unmittelbar davor. Dorothee beschreibt mir ihre Erinnerungen. Ich hole die Fotos vorsichtig aus der Tasche. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Dorothee für diese schrecklichen Bilder bereit ist. Doch es war ok. Ich konnte anhand ihrer Erzählungen und der Bilder mir nun ein noch genaueres Bild machen. Wir standen an beiden Seiten der Brücke. Auch den Strommast konnte ich sehen. Er ragte in den blauen Himmel, als wäre nie etwas gewesen. Ich spüre, wie ich langsam wieder ruhiger werde.
Danke liebe Dorothee, dass Du mit mir an diesem Ort warst und mir Deine Geschichte zu diesem Unglück erzählt hast.
Dann gehen wir wieder langsam zurück. Wir wollten uns noch gemeinsam in ein Café setzen und über das Erlebte in aller Ruhe sprechen. Nach dem zweiten Frühstück, haben wir dann noch ein paar schöne,  gemeinsame Stunden auf ihrem Natur- und Begegnungsbauernhof in Waltrop verbracht. Nachmittags brachte sie mich dann zum Bahnhof von Castrop-Rauxel. Wir waren uns beide einig, dass wir uns auf alle Fälle wieder treffen wollen.
Ich hatte Glück. Ich brauchte nur 5 Minuten warten, da kam auch schon eine S-Bahn Richtung Oberhausen. Ich stieg ein und beschloss, vom Oberhausener Hauptbahnhof mit dem Bus nach Hause zu fahren. Ich setzte mich und ließ die Stunden mit Dorothee noch einmal Revue passieren. Dann erstarrte ich vor Schreck. Die Haltestelle Essen-Katernberg Süd befand sich direkt auf einer Brücke. Ich saß in Fahrtrichtung rechts am Fenster und starrte direkt auf die Straße von der Brücke hinunter. Ich bekam Panik. Für einen Moment dachte ich daran, aus der S-Bahn zu rennen. Sofort dachte ich an den 5.Oktober 1973. Dann fuhr die S-Bahn weiter. Es war nur für eine kurze Zeit. Aber ich glaube, ich hatte selten einen solch hohen Puls von der einen auf der andere Sekunde. Ich hatte Angst.
Dann ging es weiter zum Oberhausener Bahnhof, von da aus nach Hause. Ich fühle mich total platt. Jetzt brauche ich erst einmal einen Kaffee und Nervennahrung. Meine heißgeliebte Schokolade. Wenn ich abends zur Ruhe komme merke ich, wie anstrengend solche Recherchen für mich sind. Aber gleichzeitig auch befreiend. 




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog