E-Mail vom 21.Mai von Dorothee:

Liebe Iris
ich habe mir heute die noch ungelesenen Seiten deines Manuskriptes ausgedruckt und mit ins Bett genommen. Als ich bei Seite 26 zu lesen begann, dachte ich noch, dass ich nur die Zeit bis zu unserem Treffen zu lesen bekommen würde. Auch hatte ich die Absicht,  nur ein paar Seiten zu lesen um dann früh schlafen zu gehen. Doch schon bald wurde mir klar, dass ich alles lesen würde, es war einfach zu spannend. Also holte ich mir noch schnell ein paar Schokoladennüsse, die mir nun schwer im Magen liegen, und las alle Seiten mit Genuss. Es geht mir immer noch gut und dass mit dem Magen ist eine Übertreibung. Du verstehst es, die traurigsten Dinge noch mit Sinn zu füllen. So was gefällt mir sehr. Und ich habe dich gesehen, es ist nicht nur auf dem Papier, du bist wirklich so! Und die Art, wie du dieses Buch aufbaust, einfach genial. Ich bin begeistert. Von mir hörst du nie mehr Lob, als du auch verdient hast. Ich kann verletzend ehrlich sein. Aber dieses Buch, es würde mich mitreißen, selbst dann, wenn ich niemals etwas von Marl-Sinsen und dem Zugunglück gehört hätte. Noch bevor ich mit Erstaunen feststellte, dass du auch unser Treffen schon niedergeschrieben hattest, wurde mir klar, dass ich nichts an meinem ersten Brief geändert haben möchte. Zusammen mit den folgenden E-Mails ist alles korrekt geschildert und authentischer als eine überarbeitete Form sein könnte. Wirklich gut, wie du die Gedanken der Menschen auffängst und an der richtigen Stelle unterbringst. Mach weiter so, ich bin absolut gespannt auf die nächsten Seiten. Deine Geschichte ging ja schon weiter, die Straße in der du gewohnt hast, meine Güte, dein Tempo ist schnell. Ich bin selbst ein sehr schneller Mensch und lasse oft andere Menschen nicht mitkommen, weil ich, für Andere, zu schnelle Entscheidungen treffe und dann sofort umsetze. Diesmal hat dein Tempo mich zurückgelassen und es ist interessant, diese Erfahrung einmal zu machen. Ich hoffe nur, dass du dich selber nicht überholst. Du hast dir vorgenommen alles in Ruhe zu machen, vergiss diesen Vorsatz nicht, aber lasse dich auch nicht bremsen wenn es gerade richtig gut weitergeht. Ich möchte dich auch gerne öfter wieder sehen, es war ein schwerer und wundervoller Tag und du bist eine besondere Frau die ich sehr gerne noch mehr kennen lernen möchte. Alles Liebe und gute Nacht, Deine Dorothee



E-Mail vom 22.Mai 2009:

Hallo Iris,
wie geht es Dir denn? Wieder alles o.k,? Es ist der pure Wahnsinn. Ich bin gerade auf der Arbeit und habe die E-Mail gelesen. Ich habe einen Kaffee getrunken, auf den Bildschirm gestarrt, das musste ich jetzt erst mal sacken lassen. Ne ich kann noch nichts schreiben. Iris ich wünsche Dir noch ganz viel Kraft. Du packst das - gönne Dir zwischendurch etwas Ruhe, ich weiß, dann denkt man noch mehr nach, aber du siehst ja, irgendwann ist es zu viel für den Körper. Ich denk an dich.....
Gruß Ilona
Ich melde mich, kannst meine E-Mail mit ins Buch nehmen, nur beseitige die Rechtschreibfehler, ha, ha…


Sonntag, 24.Mai 2009

Gestern habe ich mir mal einen Tag Pause gegönnt. Ich habe meinen Urlaub und das schöne Wetter genossen. Gestern Abend bin ich dann völlig glücklich und zufrieden ins Bett. Doch um kurz nach eins war ich auch schon wieder wach. Völlig unruhig. Es schwirrten so viele Gedanken in meinem Kopf herum. Am liebsten wäre ich aufgestanden, wäre an den Computer gegangen und hätte meine Gedanken niedergeschrieben. Für mich ist das der Beweis, dass ich genau das Richtige tue. Das noch so viel in mir schlummert was raus will. Und nur eine Pause machen weil der Kopf mir sagt, es ist gut für Dich, ist total Quatsch.
Ich schaute für eine Weile Fernsehen und als die Müdigkeit wieder zurück kam ging ich wieder ins Bett. Heute Morgen bin ich dann um halb zehn völlig ausgeruht und voller Tatendrang aufgestanden.

Ich frühstücke in aller Ruhe. Schaue aus dem Fenster und freue mich über das schöne Wetter.
Seit dem ich Urlaub habe scheint jeden Tag die Sonne. Wie herrlich. Ich liebe die Sonne. Ich liebe den Sommer.
Nach dem Frühstück ziehe ich mich an  und mache mich auf dem Weg zu Oma und Opa. Ich war schon lange nicht mehr auf dem Friedhof. Ich denke jeden Tag an die Beiden Doch wenn es mir schlecht geht, kann ich nicht zum Friedhof gehen. Es geht einfach nicht.
Ich stehe vor dem Grab und schaue auf die bunten Blumen die das Grab schmücken. Auf den Grabstein. Irgendetwas ist anders als sonst. Ich spüre eine Ruhe in mir, die ich schon seit Jahren nicht mehr gespürt habe. Aber auch der Blick auf das Grab hat sich verändert. Ich kann es schlecht erklären. Der Abstand ist anders als sonst. Als würde ich aufrechter vor diesem Grab stehen. Das Grab, bzw. die Gräber können sich ja nicht verändert haben. Ich bin es, die sich in den letzten Monaten verändert hat. Ich spüre Frieden. Frieden mit mir, mit Oma und Opa. Ein sehr angenehmes Gefühl. Ich rieche die Blumen. Die Sonne scheint. Alles ist gut.
Ich sage Oma und Opa in Gedanken Tschüss – bis bald, und mache mich auf dem Weg zum Haus meiner Kindheit.
Heute ist der richtige Tag, die Briefe an die Bewohner der XXXstrasse 225a zu verteilen.
Endlich dort am Haus angekommen wird mir klar, wie nah ich mal an diesem Haus gewohnt habe. Es war die Hausnummer 118a. Schräg gegenüber des Hauses 225a ein Restaurant, in dem ich schon unzählige Male zum Essen war. Schräg gegenüber eine Eisdiele, in der ich schon öfter Eis essen war. Daneben ein Sonnenstudio, auch dort war ich schon. Wenn ich das gewusst hätte. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. 
Nun stehe ich unmittelbar vor dem Haus. Zum Glück liegen die Briefkästen draußen. Ich bete, dass keiner raus kommt, wenn ich meine Briefe verteile. Jetzt möchte ich nicht darüber reden. Jetzt noch nicht. Ich zittere bei jedem einzelnen Brief. Elf mal zittern. Mir bleibt die Spucke weg. Ich bin total nervös. Geschafft!  Alle elf Briefe sind in den Briefkästen.
Langsam entferne ich mich wieder von dem Haus. Ich drehe mich noch einmal um. Ich spüre, wie ich wieder ruhiger werde. 
Ob sich jemand meldet? Ob ich eventuell die Möglichkeit habe, noch einmal in die Wohnung meiner Kindheit zu kommen?  Werden dann meine Erinnerungen wach?

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