Freitag, 20.Februar 2009:

Zum nächsten Tag gibt es nicht viel zu sagen. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt. Ich bin total überfordert mit den einfachsten Sachen. Es tobt das Chaos in mir. Mein Kopf dröhnt. Wirre Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Ich bin übermüdet. Kann nichts essen. Ich bin total schlecht gelaunt. Ich bin froh, dass ich eine Stunde eher Feierabend machen kann.  Ich fahre nach Hause. Stelle das Telefon auf lautlos. Mache mein Handy aus und gehe ins Bett.
         

Wochenende 28.Februar / 1.März:

"Ich mache niemandem einen Vorwurf"
Recklinghauser Zeitung / Medienhaus Bauer von Markus Geling

Iris Riesener will ein Buch über die Zugkatastrophe von 1973 schreiben – und darüber, wie diese ihr Leben prägte

Marl. Vor diesem Augenblick hat sich Iris Riesener jahrelang gefürchtet: Die 41-Jährige fährt mit dem Regional-Express in Marl-Sinsen ein, öffnet die Tür – und steigt aufs Trittbrett. Für die elf, zwölf anderen Reisenden, die hier ebenfalls den Zug verlassen, alltägliche Routine. Iris Riesener hingegen fühlt sich beklommen, spürt ihren Puls rasen, weiß nicht mehr, wie sie schlucken soll.

Für sie ist dieser Schritt auf den Bahnsteig einer in eine dramatische Vergangenheit voller offener Fragen. Aber auch einer in die Zukunft. Weil sie sich jetzt mit ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzt. Endlich.
Am 5. Oktober 1973 soll ein kleines Mädchen aus Mülheim an der Ruhr seine Eltern auf eine Zugfahrt nach Hannover begleiten. Die drei stehen bereits zusammen am Bahnhof. Doch die Fünfjährige möchte lieber bei ihren Großeltern bleiben. Die Eltern brechen alleine auf – und fahren in die Katastrophe. Weil ein Betriebsoberaufseher der Bundesbahn eine Weiche falsch stellt, rast ihr Schnellzug D 632 Flensburg-Düsseldorf 500 Meter vom Bahnhofsgebäude Marl-Sinsen entfernt in eine stehende Rangierdampflok. Wenige Sekunden später prallt ein Güterschnellzug auf die Unfallstelle. Sieben Menschen kommen bei diesem Unglück ums Leben, wie unsere Zeitung damals berichtet. Mehr als 40 werden zum Teil schwer verletzt. Eine 64 Jahre alte Frau stirbt wenige Tage nach der Katastrophe – das achte Opfer.
Das kleine Mädchen von damals heißt Iris Riesener. „Mit diesem Unglück hat für mich alles angefangen“, sagt sie. „Deshalb ist heute alles so wie es ist.“ Und deshalb will sie jetzt möglichst viel über die Katastrophe erfahren. Will Medienberichte und Bahn-Unterlagen von damals auswerten. Will mit Augenzeugen in Kontakt treten. Will Angehörige von Opfern kennen lernen: „Um zu hören, wie die damit klargekommen sind.“ Und um so letztlich auch mehr über sich selbst zu erfahren. Die 41-Jährige ahnt, dass die Recherchen, die in einem Buch münden sollen, nicht einfach werden. Weil die Katastrophe mehr als 35 Jahre zurückliegt. Und weil in ihrem Umfeld genauso lange darüber geschwiegen wurde.
Iris Riesener weiß sicher, dass ihre Mutter bei dem Unglück gestorben ist. Erinnern kann sich die allein stehende Frau in diesem Zusammenhang nur an diese Szene: Es klingelt, sie, das kleine Mädchen, rennt zur Tür, weil sie mit der Rückkehr ihrer Eltern rechnet. Stattdessen sieht sie zwei fremde Männer. Die Fünfjährige holt ihren Opa. Von da an ist alles anders.
„Manchmal frage ich mich, ob ich bestimmte Charaktereigenschaften vielleicht von meiner Mutter habe. Aber ich weiß es nicht. Leider“, sagt Iris Riesener in einem Café in Recklinghausen. Sie schaut aus dem Fenster. Gegenüber liegt der Nordfriedhof. Dort hat ihr Opa damals ihre tote Mutter identifiziert. Bei der Beerdigung in Mülheim war Iris Riesener nicht dabei – sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von der Tragödie. „Deshalb sind meine Nachforschungen auch eine Art Abschiedsnahme.“
Die blonde Frau kann sich kaum an ihre Mutter erinnern – und an ihren Vater auch nicht. Denn auch den hat sie nach der Katastrophe nie wieder gesehen. Zunächst lag er auf der Intensivstation. „Und hat dann sein ganzes weiteres Leben in Kliniken verbracht.“ Von seinen Bein- und Kopfverletzungen habe er sich nie mehr erholt. „Er wusste wohl auch gar nicht mehr, wer er war. Wobei mir nicht ganz klar ist, ob das nur am Unglück lag oder auch noch andere Dinge, wie Krankheiten, im Spiel waren.“
So wuchs Iris Riesener bei ihren Großeltern auf. Hier wurde über das Unglück nie gesprochen. Über ihren Vater auch nicht. „Ich mache den beiden deshalb keinen Vorwurf, das war eine andere Generation“, betont die 41-Jährige. „Anfangs war ich zu klein. Und dann wird es auch immer schwieriger, das Eis zu brechen.“ Ihre Kindheit sei trotz allem „unbeschwert“ gewesen. Doch, doch.
Die Großeltern besuchten den Vater. „Wenn sie dann wieder zu Hause waren, ging es ihnen schlecht.“ Es flossen Tränen. Weshalb Iris Riesener lieber keine Fragen stellte. Sie selbst begleitete ihre Großeltern nie. Es war einfach nicht vorgesehen. Erst als ihr Vater vor neun Jahren starb, fuhr sie hin – zur Beerdigung. „Das war leider zu spät“, sagt sie. Aber noch mal: „Ich mache niemandem einen Vorwurf.“
Aber hat sie denn nie überlegt, auf eigene Faust Kontakt zum Vater aufzunehmen? „Ich bin nicht so erzogen worden“, sagt sie. „Ich hätte es auch nicht übers Herz gebracht, irgendetwas an meinen Großeltern vorbei zu unternehmen.“
2000 ist Iris Rieseners Großmutter gestorben, kurz darauf ihr Vater, 2003 ihr Opa. Sie wurde krank. Wohl auch, weil sie in ihrem Job unglücklich war und in ihrem Bekanntenkreis das eine oder andere nicht stimmte. Die leidenschaftliche Sportlerin und Hobby-Malerin, die beruflich Fachberatung für einen Glaslieferanten macht, korrigierte einiges – woraufhin es ihr wieder besser ging. „Aber ich merkte: Da ist noch etwas, womit du dich auseinandersetzen musst. Und wenn du es nicht wenigstens probierst, wirst du es dein Leben lang bereuen.“ Genau das macht sie jetzt. Indem sie versucht, im Krankenhaus Informationen über ihren Vater zu bekommen. Was schwierig ist. Und vor allem, indem sie Recherchen bezüglich der Zugkatastrophe anstellt. In den Zeitungen aus unserem Archiv hat sie „zum ersten Mal konkret gelesen, was damals passiert ist“. Die düsteren Fotos haben sie sehr schlecht schlafen lassen. „Wissen Sie, was aus dem Mann geworden ist, der die Weiche falsch gestellt hat?“, fragt sie. „Wie man mit so einer Schuld wohl leben kann? Er tut mir sehr, sehr leid.“ Sie schaut von der B 51 in Marl-Sinsen auf die Brücke, auf der sich das Unglück ereignet hat – wahrt aber Abstand.
Genauso behutsam möchte sie sich nun ihrem drei Jahre jüngeren Bruder nähern. Anders als sie und ihre Schwester konnte er nicht bei den Großeltern aufwachsen – sondern kam in eine Pflegefamilie. Iris Riesener hat seine Adresse ausfindig gemacht, ihm einen Brief geschrieben, ein Treffen vorgeschlagen – versehen mit dem Hinweis: „Lass Dir die Zeit, die Du brauchst.“ Er soll sich ganz langsam an den Gedanken gewöhnen, dass da noch jemand ist, sagt sie. Wobei sie ja auch gar nicht wisse, was seine Pflegeeltern ihm erzählt haben. „Ich habe Angst, etwas kaputt zu machen“, sagt die Mülheimerin. Doch so verzagt wirkt sie dabei gar nicht in ihrer leuchtend-grünen Jacke. Diesmal will sie sich der Situation und damit der Vergangenheit stellen – um sich später keine Vorwürfe machen zu müssen.

Ich bin überwältigt von diesem Zeitungsartikel. Ich habe die Tränen in den Augen. Der Text ist perfekt. Mein gutes Gefühl gegenüber Herrn Geling hat sich bestätigt. Besser hätte es gar nicht laufen können. Auch wenn ich mich wiederhole: Dankeschön Herr Geling!

Ich habe bereits die ersten Reaktionen erhalten. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer wird. Ich werde viel Zeit und Kraft für diese Informationen brauchen. Ich finde es toll, dass es so viele Menschen gibt, die mir helfen wollen. Mir Informationen und Tipps geben. Mir Kraft und Zuversicht geben. 
Ich bin so gerührt, dass ich vor dem schlafen gehen, sofern das überhaupt möglich ist, noch ein paar Zeilen an all die lieben Leserinnen und Leser per E-Mail schreiben muss, die sich gestern und heute bei mir gemeldet haben.

Liebe Leserinnen und Leser,
auch wenn ich jedem von Ihnen schon ein paar Zeilen geschrieben habe, muss ich auf diesem Wege noch einmal Danke sagen. Ich bin total gerührt über die Anteilnahme. Ich finde es toll wie viel Mühe sich Menschen machen um mir zu helfen, obwohl sie mich gar nicht kennen. Ich brauche erst einmal Zeit um all das zu verarbeiten und zu verdauen. Aber eins kann ich Ihnen versprechen, ich werde mich bei jedem Einzelnen noch einmal melden. Und noch ein Versprechen, ich werde in meinen Buch nichts veröffentlichen, was nicht vorher ausdrücklich von Ihnen genehmigt ist. Mir liegt es in erster Linie am Herzen mich meiner Vergangenheit zu stellen. Und ich bin so unendlich dankbar für Ihre Hilfe. Tausend Dank.
Sobald ich genug Kraft habe und die ersten Eindrücke verdaut melde ich mich bei Ihnen.
Alles Gute und vielen Dank.
Ihre Iris Riesener


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog