März 2009:
Leserreaktionen auf den Zeitungsartikel:

Email von Wolf Dietmar L.:

Sehr geehrte Frau Riesener!
Mit Interesse und Betroffenheit zugleich in Anbetracht des Schicksals Ihrer Familie habe ich den gut geschriebenen Artikel in der Zeitung zum Zugunglück vom 5. Oktober.1973 in Marl-Sinsen gelesen. Sie wollen danach auch ein Buch über die Ereignisse schreiben, und bitten um Hinweise anderer. Vielleicht kann ich Ihnen dabei helfen.
Zu meiner Person: Ich heiße Wolf-Dietmar L., bin 61 Jahre alt, verheiratet, in Altersteilzeit bei einer Behörde tätig, und, was hier das Wesentliche ist, an allen Dingen der Eisenbahn interessiert. Ich habe ab 1962 bis laufend ein Eisenbahn-Bildarchiv von rund 70000 Dias und 30000 Schwarz-Weiß-Negativen aufgebaut, welches in Fachkreisen ziemlich anerkannt ist. So sind Bilder und Textbeiträge in Büchern und Zeitschriften vor allem zweier Eisenbahnverlage regelmäßig zu finden. Zwei eigene Eisenbahnbücher habe ich inzwischen selbst herausgebracht.
Leider zählen zu meinen Bildern auch solche, die ich zwei Tage nach jenem tragischen Unglück gemacht habe - wohlgemerkt: nicht aus irgendwelcher Sensationsgier, sondern weil ich auch 1973 schon regelmäßig Eisenbahnbilder vom alltäglichen Geschehen bei der Eisenbahn gemacht habe. Zudem hatte und habe ich über Kontakte zu Eisenbahndienststellen und Eisenbahnern selbst (auch meine vor vier Jahren verstorbene Schwester war lange Zeit bei der Deutschen Bundesbahn) sowie aus Eisenbahn-Fachzeitschriften stets ganz gute Informationen  gehabt.
Zum Unglück selbst: Dazu ist vorab anzumerken, dass die Redakteure von Tageszeitungen auf Grund fehlender Fachkenntnisse nicht immer den Wissenshintergrund haben können, was man ihnen bei der Spannbreite der  zu bearbeitenden Themen nicht einmal übel nehmen kann. So wird die beteiligte Dampflokomotive immer als Rangierlok bezeichnet. Unter einer Rangierlok versteht man allerdings Loks mit einer geringen Höchstgeschwindigkeit und geringer Reichweite, deren Einsatz meist auf Bahnhofsbereiche beschränkt bleibt. Bei der Dampflokbaureihe 44, wozu auch die den Unfall auslösende Lok mit der Computer-Nummer 044 405 gehörte, handelte es sich um eine in einer Stückzahl von etwa 2000 Stück vor allem in der 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts gebauten Dampfloktype, von denen die letzten bis Mitte der 70er-Jahre im Einsatz waren. Die Loks der Baureihe 44 waren durchaus bis zuletzt in der Lage, schwere Güterzüge über weitere Strecken wie von Hamm nach Kassel oder von Emden nach Dortmund mit einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h zu ziehen. Die damals im Bahnbetriebswerk Gelsenkirchen-Bismarck beheimatete 044 405 hatte an dem Tag die Aufgabe, einen Kohlezug in Marl-Sinsen abzuholen und von dort in südliche Richtung zu bringen. Sie kam dafür als Leerfahrt (d.h. ohne Zug) aus ebenfalls südlicher Richtung, also aus Richtung Recklinghausen und fuhr zunächst im Süd-Nord-Hauptgleis und im südlichen Bahnhofsbereich das Nord-Süd-Gleis querend auf ein freies Gleis in dem westlich der Hauptgleise liegenden Güterteil des Bahnhofs Marl-Sinsen. Da der abzuholende Kohle-Güterzug bereits auf einem anderen Gleis bereit stand, durfte die Lok nicht unmittelbar an diesen heranfahren, da so genannte "Streckenfahrten" nicht in ein "besetztes Gleis" heranfahren dürfen. Sie musste daher nach Einfahrt in das genannte freie Gleis aus diesem nochmals wieder in südliche Richtung herausfahren, um als so genannte "Rangierfahrt" (daher haben wahrscheinlich die Zeitungsleute geschlossen, es habe sich um eine Rangierlok gehandelt) dann an ihren eigentlichen Zug heranzufahren. Dieses Umsetzen geschah in Marl-Sinsen normalerweise über ein Stumpfgleis, das ist ein mit einem Prellbock versehenes Gleis für eben solche Zwecke, welches direkt westlich der Hauptgleise lag. Jetzt hatte aber der Weichenwärter in dem im südlichen Teil vom Bahnhof Marl-Sinsen gelegenen so genannten "Wärterstellwerk" die Weichen aus der vorangegangenen Streckenfahrt der Lok 044 405 noch nicht wieder vollständig in die gerade Stellung zurück gelegt, als er der Lok die Zustimmung für dieses Umsetzen gab. Die Lok 044 405 fuhr daher wieder bis an das Hauptgleis  der Nord-Süd-Richtung heran. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Weichenwärter in dem südlichen Wärterstellwerk die Anfrage vom Fahrdienstleiter (gewissermaßen seinem Vorgesetzten) im damaligen am Nordende des Bahnhofs Marl-Sinsen gelegenen Fahrdienstleiterstellwerk (erst wenige Jahre später wurde das neue, 1973 noch in Planung oder Rohbau befindliche neue Fahrdienststellwerk, welches den ganzen Bahnhof regelt, in Betrieb genommen) die Anfrage der Zustimmung für die Durchfahrt des D 632 in Nord-Süd-Richtung sowie der Schnellgüterzuges (damalige Zuggattung SG, nicht Güter-Schnellzuges, wie es die Zeitung schreibt) erhalten. Dafür hatte der Weichenwärter alle Weichen für die beiden Hauptgleise und das Stumpfgleis auf "gerade" gestellt und seine Zustimmung zur Durchfahrt beider Züge gegeben, denen der Fahrdienstleiter dann auch jeweils "Freie Fahrt" gab. Durch das Umstellen der Weichen hatte der Weichenwärter aber auch die Lok 044 405 zwischen zwei Weichen eingesperrt. Als er seinen Fehler und die Tatsache bemerkte, dass die 044 405 in das Profil des zu erwartenden Schnellzuges D 632 hineinragte, hat er dem Lokführer der 044 405 noch versucht zu verstehen zu geben, den Bereich Richtung Güterbahnhof wieder zu verlassen, auch auf Kosten einer dann eventuell defekten Weiche. Der Lokführer hat das aber nicht nachvollzogen, und zunächst der von der Lok 110 360 (Baureihe 110, von 1956 bis etwa 1969 in einer Stückzahl von über 400 gebaut, heute sind noch knapp 50 Loks davon vorhanden) gezogene Schnellzug D 632 streifte die 044 405 und entgleiste, in die Unfallstelle fuhr Augenblicke  später der von der Lok 140 196 (Baureihe 140, von 1956 bis 1973 in einer Stückzahl von knapp 900 Lokomotiven gebaut, derzeit noch etwa 150 vorhanden) gezogene Schnellgüterzug hinein.
Die 044 405, die ohnehin über kurz oder lang ausgemustert, d.h. ausrangiert, worden wäre, wurde nach dem Unfall, bei dem sie umgekippt war und seitlich auf der Brücke lag, wieder aufgegleist und Tage später mit geringer Geschwindigkeit zu einem Schrottbetrieb in Recklinghausen Süd zur Verschrottung geschleppt. Die Loks 110 360, die schwer beschädigt zum Stehen kam, und die 140 196, die mit dem Dach nach unten in  einem Garten gelandet war, wurden, weil sie noch relativ neu waren, wieder hergerichtet, und jeweils erst in den letzten Jahren ausgemustert.
Zu den beteiligten Eisenbahnern: Lokführer und Heizer der 044 405, welche beide vom Bahnbetriebswerk Oberhausen-Osterfeld-Süd waren, sind im letzten Moment von der Dampflok abgesprungen und kamen auch weit genug, um nicht unter die umstürzende Lok zu geraten. Der Heizer hatte sich dabei den Fuß gebrochen. Der Lokführer blieb wohl unverletzt, erlitt aber einen Schock, und wurde erst am Tag darauf zuhause angetroffen. Der Münsteraner Lokführer des Schnellzuges  D 632 kam ebenfalls  ums Leben. Tragisch war dabei, dass er seinen Dienst mit einem Kollegen in Absprache mit seiner Dienststelle getauscht hatte, weil der Kollege an diesem Tage Geburtstag hatte und durch den Diensttausch einige Stunden eher Feierabend hatte. Ähnliches gilt für den Lokführer des Schnellgüterzuges, der auch ums Leben kam. Den  Zug hätte eigentlich ein inzwischen pensionierter Duisburger Lokführer fahren sollen, den ich inzwischen sogar persönlich kenne. Er hatte Glück, dass ein dritter Kollege an diesem Tage krank wurde. Dieser krank gewordene Kollege hätte eigentlich einen mit einer Lok der Baureihe 103 bespannten Zug auf dem Teilstück von Duisburg nach Mainz fahren sollen. Da der Lokführer, der den Bereitschaftsdienst hatte, auf der noch relativ neuen Baureihe 103 noch nicht ausgebildet war, wurde umdisponiert. Derjenige, den ich persönlich kenne, fuhr den Zug mit der Baureihe 103 Richtung Mainz, und der Bereitschaft habende Kollege übernahm seinen ursprünglichen Dienst, und kam dadurch ums Leben.
 Wenn Sie übrigens Fragen haben, auch Verständnisfragen zu den nicht ganz einfachen technischen Abläufen, können Sie mich gerne unter xxxxx anrufen. Wenn Sie möchten, wäre auch ein Treffen möglich, wobei meine Frau und ich, weil ihre Eltern hochbetagt im Südwesten von Essen wohnen, und wir dort ungefähr zwei mal im Monat sind, auch in Mülheim vorbeikommen könnten.
Ihnen wünsche ich jedenfalls alles Gute und hoffe, dass Sie in Ihrem Vorhaben die beste Lösung für sich finden.
Mit freundlichen Grüßen
Wolf-Dietmar L.


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