Meine
Kindheit:
Trotz des Unglückes hatten Anja und ich
eine sehr schöne Kindheit. Es hat uns an nichts gemangelt. Ganz im Gegenteil,
da Oma und Opa ja für uns Eltern und Großeltern in Einem waren, wurde uns jeder
Wunsch von den Augen abgelesen. Ich denke, sie wollten auch damit Trost
spenden. Alles wieder gut machen. Für mich sind Oma und Opa nach wie vor, auch
wenn sie nicht mehr leben, die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich bin
ihnen unendlich dankbar für unsere Kindheit. Dafür, dass wir bei ihnen bleiben
durften. Für die gute Erziehung, die wir bei ihnen genießen durften. Für alles.
Zum Zeitpunkt des Unglücks war mein Opa 51 Jahre und meine Oma 47 Jahre alt.
Wenn man bedenkt, in diesem Alter von heute auf morgen drei kleine Kinder, die
Sorge um ihren Sohn, die Trauer um ihre Schwiegertochter. Umso dankbarer bin
ich ihnen.
Ich liebte die Ausflüge die Opa mit Anja
und mir gemacht hatte. Opa verriet uns manchmal nicht, wohin es ging. Ich weiß
noch, wie aufgeregt wir waren, als Anja und ich bemerkten, dass wir auf dem Weg
zum Traumlandpark, einem Freizeitpark waren. Oft durften wir auch noch unsere
Freundinnen mitnehmen.
Die Urlaube mit Oma und Opa. Traumhaft.
Auch wenn wir nicht weg geflogen waren, fuhren wir jeden Sommer im Wechsel zum
Meer oder in die Berge. Jeden Sommer drei Wochen lang. Vor allem am Meer fühlte
ich mich immer besonders wohl. Ich weiß noch, als wir einmal Urlaub am Meer
machten. Das Wetter war nicht so schön. Es regnete und es war sehr windig. Ich
wollte aber trotzdem raus. Anja und Oma blieben in der Ferienwohnung, und Opa
und ich machten uns auf dem Weg zum Strand. Opa und ich liefen den Strand
entlang. Dort saß ein Mann. Er trotzte dem Wetter. So wie wir. Der Mann verlieh
Boote, doch an diesem Tag wollte keiner ein Boot. Das Meer war sehr unruhig,
der Wind wehte, es regnete. Opa sagte: „Der arme Mann, der verdient ja heute
gar nichts. Willst Du aufs Meer Iris?“
„Ja! Opa! Ja!“ Wir gingen zu dem Mann mit
den Booten und Opa mietete für eine halbe Stunde ein Tretboot. Der Mann machte
uns darauf aufmerksam, dass wir nicht zu weit von der Küste fahren sollten.
Gesagt, getan. Das Meer war ganz schön wild. Aber wir hatten einen Spaß. Was haben wir gelacht! Total nass sind wir
geworden.
Oma hat sich total erschrocken, als wir
wieder zurückkamen. Wir waren bis auf die Unterhose nass. Anja war sauer, weil
sie nicht mitgekommen war und Oma war sauer, weil ja etwas hätte passieren
können. Doch Opa und ich hatten immer noch Spaß. Das konnte uns keiner mehr
nehmen. Ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke.
Oma war immer die gute Seele. Immer wenn
man Kummer hatte, hatte sie ein offenes Ohr.
Oft steckte sie uns etwas von ihrem
Ersparten zu und sagte:“ Aber nicht Opa sagen.“
Sie konnte hervorragend kochen. Sonntags
bekam jeder das Gemüse, welches er wollte. Manchmal gab es drei verschiedene
Gemüsesorten. Hauptsache, uns geht es gut.
Wenn im Sommer Kirmes war, ist Oma mit uns
dienstags immer dort hingegangen. Sie hatte schon Monate vorher für diesen
Nachmittag Geld beiseitegelegt, damit sie uns dort jeden Wunsch erfüllen
konnte. Ich zehre noch heute von diesen Erlebnissen.
Oma und Opa: Ich liebe Euch. Dankeschön!
Montag,
25.Mai 2009:
Mittagszeit. Gerade hat sich eine Frau aus
dem Haus Nr. 225a gemeldet. Sie hat meinen Brief gelesen und sich gemeldet. Ich muss das ein
wenig sacken lassen. Ich schreibe später.
Ich musste erst einmal tief durchatmen. Bin
immer noch ganz durch den Wind. Also: Ich sitze auf dem Sofa. Ich habe meinen
großen, weißen Ordner vor mir liegen. In diesem Ordner sind alle Infos über
meine Recherchen, E-Mails, Kopien, Fotos usw.
Ich telefoniere mit Lesern, mache Termine,
hole neue Infos ein. Ich hatte gerade aufgelegt. Da bimmelt das Telefon. Ich
drücke auf die grüne Taste und melde mich mit meinem Namen.
Kurz und knapp höre ich einen Namen, dann
Schweigen. Ich denke noch:“ Kennst Du gar nicht. Hat sich bestimmt verwählt.“
Doch bevor ich etwas sagen kann höre ich: „XXXstrasse 225a!“
Ich schlucke. Die ältere Dame hört sich
sehr resolut, aber auch sehr freundlich an. Ich zittere am ganzen Körper.
Wieder einmal bleibt mir die Spucke weg. Frau Sch. erzählt mir, dass sie seit
Anfang der 70er in diesem Haus lebt und dass sie sich an unsere Familie
erinnern kann. Meine Mutter beschreibt sie als kleine, zierliche, sehr
schüchterne Frau. Ab und an holte sie meine Mama zu sich, auf einen Kaffee, um
ein bisschen zu plaudern. Meine Eltern wirkten auf sie sehr glücklich
miteinander.
Meine Erinnerungen bestätigten sich. Wir
wohnten tatsächlich im Dachgeschoss. Frau Sch. hat sogar hin und wieder mal auf
mich aufgepasst. Es gibt eine weitere Frau in dem Haus, die sich an uns
erinnern kann. Sie wohnte damals gleich neben uns. Jetzt ist sie ins
Erdgeschoss gezogen. Sie wird sich vielleicht auch noch melden sagt Frau Sch.
Meine Mama war gerade aus Norddeutschland
hergezogen, da sie alles hinter sich lassen musste war sie manchmal sehr
traurig. Die Wohnung in der wir lebten war nur für vorübergehend und eigentlich
viel zu klein. Meine Eltern waren sehr
jung, meine Mama 25 Jahre und mein Papa 28 Jahre, sie hatten uns drei Kinder
und nur wenig Geld. Meine Mama freute sich so sehr auf die neue Wohnung in
Hannover, den neuen Job von meinem Vater. Außerdem wäre sie dann näher an ihrer
Familie gewesen, die in Schwarzenbeck und zum Teil in Hamburg lebte. Hannover
wäre genau die Mitte gewesen. Ein neuer Job für Papa, eine größere Wohnung. Die
Vorfreude muss sehr groß gewesen sein.
Frau Sch. erzählte auch, dass Mamas
Schwester Monika erst zu uns kam, kurz nachdem das Unglück geschehen war. Da
Oma und Opa psychisch nicht in der Lage waren, kümmerte sie sich um die
Beerdigung und löste die Wohnung auf. Leider wusste Frau Sch. ihren Nachnamen
nicht.
Sie hatte damals Oma und Opa im Treppenhaus
getroffen, fragte ob sie helfen könnte, wie es Oma und Opa geht. Doch die
beiden winkten nur ab, waren nicht mal in der Lage zu sprechen.
All das muss ich nun erst einmal sacken
lassen. Danke Frau Sch. dass sie sich gemeldet haben.
Bei diesem Gespräch ist mir aufgefallen,
wie überempfindlich ich auf die Frage reagiere, warum ich erst jetzt die Fragen
stelle. Klar haben die Menschen das Recht, mir diese Frage zu stellen, ich
frage ja auch. Aber diese Frage tut weh. Es ist, als müsste ich mich dafür rechtfertigen.
Wenn dann der Satz kommt:“ Das hätte ICH
schön längst getan!“ dann werde ich fast ein bisschen wütend. Wenn ich den Mut
gehabt hätte: Klar! Wenn ich nicht krank gewesen wäre: Klar! Wenn ich nicht
noch etliche andere Schicksalsschläge erlitten hätte: Klar! Wenn ich nicht eine
scheiß Angst gehabt hätte mit all den Fragen jemanden zu verletzen: Klar!
Wenn man da nicht selber drin steckt ist es
leicht so etwas zu sagen. Außerdem tickt und reagiert jeder Mensch anders. Man
sollte niemals, niemals von sich auf andere schließen. Niemals. Das Schlimme
ist, ich tue das auch. Nun weiß ich, wie sehr ich jemandem damit wehtun kann.
Eins schwöre ich, in diesem Punkt werde ich in Zukunft erst nachdenken. Dann sprechen!
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