Mittwoch,
20.Mai 2009:
Das war gestern ein aufregender Tag. Erst
konnte ich gestern Abend nicht einschlafen. Ich dachte noch mal über den
vergangen Tag nach. Ich war sehr beeindruckt von Dorothee und ihrem Bauernhof.
Sie und der Verein haben da was tolles auf die Beine gestellt. Es ist ein
wunderschöner Ort für die dort lebenden Tiere und die Kinder, die diesen Hof
besuchen. Die Kinder lernen alles über
die Natur, den Wald und die Tiere. Die Kinder können dort ihren Geburtstag
feiern. Es gibt eine Autistenförderung,
Zusammenarbeiten mit Senioren. Ferienfreizeiten und vieles mehr. Sehr
beeindruckend.
Ich konnte mich gestern nicht auf die Katze
und ihre Beute einlassen. Dieser Gedanke
gefiel mir nicht. Das arme Hasenbaby. Dann kam mir die Eingebung. Das dachte
ich zumindest gestern Abend und schickte Doro eine E-Mail. Ihre Antwort war
erstaunlich schön.
Hallo Doro,
mir kommt da
gerade so ein Gedanke. Vielleicht haben wir uns ja auch verguckt und die Katze
hatte ihr Baby im Maul Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke besser. Was meinst
Du? Einen schönen Abend. Bis bald.
Deine Iris
Liebe
Iris,
dass ist ein schöner Gedanke und irgendwie auch richtig.
Dennoch, es war der Tod der uns wieder einmal an diesem Ort begegnet ist.
Die Katze ist ein Raubtier, sie muss töten um zu überleben. Wenigstens in der freien Natur. Sie braucht den Tod um zu leben. Diese Katze hat nicht aus Not getötet. Sie bekam sicher ausreichend Futter von den Menschen. Doch ihr Instinkt war stärker als ihr Wille. Sie kann nicht entscheiden ob sie töten will oder nicht. Sie muss Raubtier sein.
Für die Katze ist der Tod der beste Verbündete.
Der Tod ist auch unser Verbündeter. Es ist nicht sinnlos zu sterben, es erscheint uns nur so. Aus dem Tod entsteht immer etwas Neues und Schönes und wir sollten aufhören den Tod zu fürchten, er hat unsere Achtung verdient.
So gesehen hatte die Katze ihr Kind oder ihr Überleben im Maul.
Sie sah, genau wie wir, den Tod, doch sie reagierte nicht, wie wir, mit Grauen auf ihn. Wir sollten es der Katze gleich tun und den Tod als Notwendigkeit akzeptieren und ehren. Ich wünsche dir eine friedliche Nacht.
dass ist ein schöner Gedanke und irgendwie auch richtig.
Dennoch, es war der Tod der uns wieder einmal an diesem Ort begegnet ist.
Die Katze ist ein Raubtier, sie muss töten um zu überleben. Wenigstens in der freien Natur. Sie braucht den Tod um zu leben. Diese Katze hat nicht aus Not getötet. Sie bekam sicher ausreichend Futter von den Menschen. Doch ihr Instinkt war stärker als ihr Wille. Sie kann nicht entscheiden ob sie töten will oder nicht. Sie muss Raubtier sein.
Für die Katze ist der Tod der beste Verbündete.
Der Tod ist auch unser Verbündeter. Es ist nicht sinnlos zu sterben, es erscheint uns nur so. Aus dem Tod entsteht immer etwas Neues und Schönes und wir sollten aufhören den Tod zu fürchten, er hat unsere Achtung verdient.
So gesehen hatte die Katze ihr Kind oder ihr Überleben im Maul.
Sie sah, genau wie wir, den Tod, doch sie reagierte nicht, wie wir, mit Grauen auf ihn. Wir sollten es der Katze gleich tun und den Tod als Notwendigkeit akzeptieren und ehren. Ich wünsche dir eine friedliche Nacht.
Deine
Doro
Heute Morgen musste ich schon um 8 Uhr beim
Zahnarzt sein. Die Kontrolle stand an. Seit 10 Jahren gehe ich nun zum gleichen
Zahnarzt. Bis vor 10 Jahren habe ich 3 Jahre lang direkt gegenüber gewohnt. Als
ich dort wohnte fühlte ich mich nie so wirklich wohl. Ich schob immer alles
darauf, dass das Haus gleich an einer Hauptstraße liegt. Obwohl ich eine
Dachgeschosswohnung nach hinten heraus hatte und nicht viel davon
mitbekam.
Bei den Recherchen Anfang des Jahres fand
ich heraus, dass wir zu dem Zeitpunkt, als das Unglück geschah, auf der
gleichen Straße wohnten. Circa 5 Minuten zu Fuß die Straße hoch.
Ich nutzte heute die Gelegenheit und ging
nach dem Zahnarztbesuch zu dem Haus, in dem ich früher mit meinen Geschwistern
und meinen Eltern wohnte Je näher ich kam, umso unruhiger wurde ich. Dann war
es da. Das Haus Nr. 225a. Ich blieb erst stehen und schaute es mir von weitem
an. Dann ging ich Richtung Haustür. Ich konnte mich nicht erinnern. Ich habe
nur vage Erinnerungen, wie unsere Wohnung aussah. Wenn diese Erinnerungen
stimmen müsste die Wohnung im Dachgeschoss liegen. Wer weiß, vielleicht liebe
ich deshalb Dachgeschosswohnungen. Dann stand ich vor der Haustür. Ich spürte
wieder diese Nähe zu meinen Eltern. Ich konnte sehen, wie ich als kleines
Mädchen im Sommerkleid mit meinem Papa aus dieser Haustüre kam. Eine
Erinnerung?
Ich beschloss einen Brief an die Bewohner
des Hauses zu schreiben. Vielleicht wohnt noch jemand von früher in diesem Haus
und kann sich erinnern. Vielleicht darf ich mal in eine der
Dachgeschosswohnungen? Mein Herz rast. Ich kann kaum schlucken. Ich gehe wieder
die Straße zurück. Schaue mich noch einmal um. Werde ich hier Antworten finden?
Ich muss all das erst einmal sacken lassen.
Den Tag gestern. Dieses Haus. Mich geistig vorbereiten auf morgen. Morgen
treffe ich auf einen Eisenbahner in Marl-Sinsen. Reinhard P.
Er wird mir morgen vor Ort alles erklären.
Er recherchiert für mich und hat den Kontakt zum überlebenden Heizer hergestellt. Auch er
hatte sich auf meinen Zeitungsartikel gemeldet. Ich finde es toll, wie sich
Menschen für mich arrangieren und ihre Hilfe anbieten. Ohne diese Menschen wäre
ich niemals so weit gekommen.
Es lässt mir keine Ruhe. Ich muss diesen
Brief schreiben. Es wird schwer. Ich will nicht zu viel schreiben, aber das
Wichtigste muss auch in diesem Brief stehen. Ich versuch es einfach. Vielleicht
gibt es ja noch einen lieben Menschen, der sich an uns erinnern kann.
Dieses Schreiben ist keine Werbung sondern – eine kleine Bitte!!!
Liebe Bewohner der XXXstrasse
225a,
bis zum Oktober 1973 lebten
meine kleine Schwester, mein kleiner Bruder und ich mit unseren Eltern in
diesem Haus. Dann geschah am 5. Oktober 1973 ein tragisches Zugunglück in
Marl-Sinsen. Meine Mutter starb sofort am Unfallort und mein Vater wurde bei
diesem Unglück schwer verletzt.
Meine Schwester und ich wurden
dann bei unseren Großeltern groß, mein Bruder bei einer Pflegefamilie.
Über dieses Drama wurde nie
groß geredet. Nun leben unsere Großeltern und mein Vater leider nicht mehr. Im
Laufe meines Lebens haben sich sehr viele Fragen ergeben. Doch es gibt
niemanden mehr, der uns unsere Fragen beantworten kann.
Ich weiß von alten Papieren
her, dass wir damals in diesem Haus gelebt haben.
Ich habe vage Erinnerungen,
dass es in einer Dachgeschosswohnung war.
Kann sich vielleicht jemand von
Ihnen an uns erinnern?
Für jeden noch so kleinen
Hinweis wären meine Geschwister und ich sehr dankbar.
Ein kleiner Anruf, eine SMS
oder eine E-Mail würden mich sehr freuen.
Herzlichen Dank, mit den
herzlichsten Grüßen
Iris Riesener
Donnerstag,
21.Mai 2009:
Heute fahre ich das dritte Mal nach
Marl-Sinsen. Ich treffe mich dort mit Reinhard P. am Bahnhof. Er arbeitet seit
40 Jahren bei der Bahn und kann mir vor Ort detailliert Informationen zum
Unfallhergang geben.
Diesmal bin ich nur ein wenig nervös. Ich
kenne bereits den Ort. Ich weiß was damals geschehen ist. Mit Reinhard P. habe
ich seit dem Zeitungsartikel E-Mail- und Telefonkontakt.
Da er über das Hintergrundwissen verfügt
konnte er mir schon eine Menge Infos geben.
Um 13.42 Uhr komme ich in Marl-Sinsen an.
Ich steige aus, laufe rechts den Bahnsteig hinunter, Richtung Treppe. Dort
steht ein Mann und wartet. Ich komme ihm näher. Ich schaue ihn an und denke:
„Irgendwie sah der auf dem Foto anders aus.“ Ich drehe mich um, laufe ein
kleines Stück zurück. Und da war er. Erkannt. Reinhard kannte mich ja aus der
Zeitung. Es ist gleich Sympathie auf beiden Seiten. Das ist schön. Dann fällt
es leichter über solch ein sensibles Thema zu reden.
Wir gehen den Bahnsteig bis zum Ende.
Schauen in Richtung Unglücksort. Reinhard erklärt mir den genauen
Unfallhergang. Er hatte kurz zuvor mit dem Heizer gesprochen. All diese
Informationen decken sich mit der E-Mail von Wolf Dietmar L. Für mich ist es
einfacher zu verstehen, all diese Informationen nach mal vor Ort zu hören.
Dann fahren wir vom Bahnhof Marl-Sinsen aus
Richtung Brücke. Kurz bevor wir an dieser Brücke ankommen biegen wir eine
kleine Straße links ab. Wir fahren in Richtung Gleise. Wir parken. Steigen aus.
Leider ist alles so sehr zugewachsen, dass wir nicht nahe genug an die Stelle
heran kommen. Wir verweilen ein paar Minuten. Totenstille. Wieder kann ich
diese Nähe spüren. Mir gehen wieder die Bilder vom 5.Oktober durch den Kopf.
Dann gehen wir zurück zum Auto und fahren
zur Brücke. Dort angekommen, erklärt mir Reinhard noch einmal den Unfallhergang.
Ich hole meine Fotos aus der Tasche. Ich gebe sie Reinhard. Er ist der Erste,
der mir die Fotos genauer erklären kann. Er weiß welche Lok auf den Bildern zu
sehen ist. Ich bin erstaunt. Bisher hatte ich auf diesem Foto gar keine Lok
mehr erkennen können. Wir gehen langsam auf die andere Seite der Brücke. Die
Seite auf der sich der Hochspannungsmast befindet. Dieser Ort strahlt auch beim
dritten Besuch etwas Unheimliches aus. Es ist aber auch gleichzeitig der Ort,
an dem ich meiner Mama total nah bin. Näher als ich auf dem Friedhof jemals
war.
Wir stehen einen Moment da und schweigen.
Ich denke an meine Mama, an die sieben anderen Opfer und ihre Angehörigen. An
all die Menschen, deren Leben vom 5.Oktober 1973 geprägt wurde.
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