Mittwoch,
4.März 2009:
Ein klein wenig aufgeregt bin
ich heute. Um drei Uhr kommt meine Schwester Anja. Dann werde ich ihr das
Geschenk ihres Lebens übergeben. Bisher weiß sie noch nichts von den
Recherchen, von dem Artikel und meinem Vorhaben, ein Buch zu schreiben. Ich
habe sie dieses Jahr nur auf meiner Geburtstagsfeier gesehen. Am Telefon wollte
ich ihr von einer solch wichtigen Sache nicht erzählen. Aber ich bin mir
sicher, dass sie hinter mir steht. Und dass auch ihre Fragen beantwortet
werden. Allerdings ist mir auch bewusst, dass ich ihr erst mal den Boden unter
den Füssen wegziehen werde. Ich werde sie halten. Anja ist stark. Sie ist in diesem
Punkt wie ich. Lieber wissen wo man dran ist, auch wenn es erst einmal was
Schlimmes ist, als unbeantwortete Fragen.
Es ist kurz nach drei. Es
klingelt. Anja ist da. Ich habe uns Kuchen geholt. In der Zeit, in der sie die
Treppe hoch kommt, mache ich uns einen Kaffee. Ich denke noch kurz: “Die wird
sich wundern…“ Und da ist sie auch schon.
Wir freuen uns sehr uns zu
sehen. Wir müssen beide viel arbeiten und haben leider nur wenig Zeit für
einander. „Ich bin mal gespannt was Du für eine Überraschung hast!“ lächelt
sie.
Ich frage sie ob sie erst
Kaffee trinken oder erst die Überraschung will. Anja entscheidet sich für das
Kaffee trinken und den Kuchen. Und ich werde immer nervöser. Dann will sie auch
noch eine rauchen auf dem Balkon. Ich bin relativ still. Ich kann es kaum
abwarten, bis sie endlich das Geschenk öffnet.
Dann ist es so weit. Ich
übergeben ihr eine Mappe aus durchsichtigen PVC. In dieser Mappe befindet sich
die Zeitung, die ersten Reaktionen der Leser, der Anfang von meinem Buch,
Kopien von den Zeitungsartikeln über das Unglück, die DVD von der Tagesschau
und ein kleines silbernes Päckchen Tee mit der Aufschrift „ Dieser Tee gibt Dir
Ruhe und Kraft.“
Auf dem Deckblatt steht in
grünen Lettern: FÜR MEINE SCHWESTER ANJA.
Anja öffnet diese Box. Sie
staunt als sie mich auf der Zeitung sieht. Die Kopien werden nur kurz geöffnet.
Auch sie erträgt die Bilder nicht. Dann umarmt sie mich mit den Worten: “Danke.
Endlich erfahren wir was damals war. Den Tee kann man dabei gut gebrauchen.
Danke.“ Ich habe einen Kloß im Hals. Ich mache sie behutsam darauf aufmerksam,
dass sie alles in Ruhe, alleine lesen soll. Es muss auch nicht alles auf einmal
sein.
Wir haben dann beschlossen,
gemeinsam mit Marcus behutsam Kontakt aufzunehmen. Wir werden zusammen nach Viersen fahren. In
Viersen hat unser Papa bis an sein Lebensende in einer Klinik gelebt. Er hat
sich nie von den Folgen des Unglücks erholt. Aber auch eine Krankheit, die sich
durch das Unglück verschlimmerte, war
eine der Ursachen. Doch dazu später. Ich werde Anja nun die Zeit lassen, die
sie braucht, um all die Dinge, die in der Mappe sind,zu lesen, zu begreifen, zu
verdauen. Ich weiß, sie schafft das.
Ein paar Tage später bat ich
Anja, ihre ersten Gedanken für mich nieder zuschreiben.
Sie schrieb folgendes:
Mein erster Gedanke war: Uups, was ist denn
das? Klar, ich war überrascht, aber nachdem ich wusste worum es ging, fand ich
die Idee sehr gut. Auch wenn es ein mulmiges Gefühl war das alles zu sehen.
Aber ich war stolz auf Dich!:-)
Zum Unglück: Es hat mich nicht mehr ganz so
erschrocken, als ich die Bilder vom Unfall gesehen habe. Vor 2-3 Jahren habe
ich nachts im Internet schon einmal Artikel und Fotos vom Unfall gesehen und so
war ich schon "vorbereitet".
Aber ich bin positiv überrascht über die Hilfsbereitschaft der Menschen, die nach all den Jahren nicht vergessen haben und sich sofort bereit erklären, Fotos u.ä. zu schicken. Und das nach so vielen Jahren! Super!
Jimmy kennt die Geschichte ja auch, wie unsere Mama ums Leben kam (er hat schon vor einigen Jahren danach gefragt und dann sage ich natürlich die Wahrheit) Er hat vor ein paar Tagen auch gefragt wie viele Menschen dabei starben. Ich sagte 8 Tote und 77 Verletzte. Er sagte: Schön! Ich fragte ihn, was daran so schön ist und er sagte, dass so viele Menschen bei so einem Unglück überlebt haben! Ich fand das sehr erstaunlich, wie ein Kind mit Wahrnehmungsstörungen etwas Positives in so viel Unglück sehen konnte. Ich bin auch sehr traurig darüber, dass wir ohne Eltern aufgewachsen sind und noch immer gibt es Momente wo man sich wünscht, eine Mutter zu haben. Aber das, was Jimmy sagte, hat mir auch zu denken geben. Ich hoffe, dass all die Menschen die überlebt haben, eine gute Chance hatten ein normales Leben zu führen, ohne ständig an das schreckliche Unglück zu denken.
Aber ich bin positiv überrascht über die Hilfsbereitschaft der Menschen, die nach all den Jahren nicht vergessen haben und sich sofort bereit erklären, Fotos u.ä. zu schicken. Und das nach so vielen Jahren! Super!
Jimmy kennt die Geschichte ja auch, wie unsere Mama ums Leben kam (er hat schon vor einigen Jahren danach gefragt und dann sage ich natürlich die Wahrheit) Er hat vor ein paar Tagen auch gefragt wie viele Menschen dabei starben. Ich sagte 8 Tote und 77 Verletzte. Er sagte: Schön! Ich fragte ihn, was daran so schön ist und er sagte, dass so viele Menschen bei so einem Unglück überlebt haben! Ich fand das sehr erstaunlich, wie ein Kind mit Wahrnehmungsstörungen etwas Positives in so viel Unglück sehen konnte. Ich bin auch sehr traurig darüber, dass wir ohne Eltern aufgewachsen sind und noch immer gibt es Momente wo man sich wünscht, eine Mutter zu haben. Aber das, was Jimmy sagte, hat mir auch zu denken geben. Ich hoffe, dass all die Menschen die überlebt haben, eine gute Chance hatten ein normales Leben zu führen, ohne ständig an das schreckliche Unglück zu denken.
Anja
Sonntag, 8.März 2009:
Es ist eine Woche vergangen.
Ich habe knapp 30 Reaktionen auf meinen Artikel erhalten.
Eigentlich hatte ich heute vor
mit den ersten Lesern in Kontakt zu treten. Doch ich bin noch nicht soweit. Mir
fehlt die Kraft, der Mut. Ich brauche noch ein bisschen Zeit um mich auf diese
Gespräche einzustellen. Die Angst ist noch zu groß. Ich kann und will mich auch
nicht unter Druck setzen. Wenn die Zeit für diese Gespräche da ist, werde ich
auch keine Angst mehr davor haben. Ich habe in dieser Woche so viele Infos
bekommen, die ich erst einmal sacken lassen muss.
Mittwoch, 11.März 2009:
Heute ist mein freier Tag. Der
erste Gedanke heute Morgen um 7.00 Uhr, unmittelbar nachdem der Wecker ging,
war: “Heute machst Du es! Heute rufst Du die ersten Leser an.“
So soll es sein. Es ist kurz
nach drei. Ich sitze auf meinem Sofa. Auf dem Couchtisch vor mir liegt ein
weißer Ordner. In diesem Ordner sind fein säuberlich in Klarsichthüllen
abgeheftet alle Leserreaktionen auf meinen Artikel. Ich nehme den Hörer, atme
noch einmal tief durch. Ich bin erstaunlicherweise sehr ruhig. Ich wähle die
erste Nummer. Ich höre das Freizeichen. Ich lasse ungefähr eine halbe Minute
durch bimmeln. Keiner hebt ab. Ich lege den Hörer auf. Ich warte einen kleinen
Moment. Es funktioniert! Ich kann es. Als ich es am Sonntag einmal probiert
hatte, war ich total erleichtert als keiner abnahm. Nun weiß ich, dass ich dazu bereit bin und
wähle die nächste Nummer. Ich höre etwa drei Freizeichen. Dann nimmt
tatsächlich jemand den Hörer ab. Die Stimme eines netten, älteren Herrn dringt
in mein Ohr. Es ist Friedhelm V. Er hatte sich bei Herrn Geling im Medienhaus
gemeldet. Herr Geling hatte mir dann per E-Mail die Telefonnummer von Herrn V.
geschickt.
Ich stelle mich vor und der
nette Herr erzählt mir seine Geschichte zu dem Unglück. Es ist gleich eine
Vertrautheit zu spüren. Diese Vertrautheit spürte ich an diesem Nachmittag bei
all meinen Gesprächen. Es ist erstaunlich, wir sind einander fremd und doch verbindet
uns eine gemeinsame Geschichte. Auch wenn es fast 36 Jahre her ist, spürt man
ganz deutlich all die Emotionen bei den Betroffenen und den Augenzeugen. Daher
bin ich so dankbar dass es Menschen gibt, die ihre Geschichte erzählen, obwohl
es ihnen schwer fällt. In dieser kurzen Zeit habe ich so viele Informationen
erhalten. Das Schöne ist, all diese Geschichten fügen sich zu einer großen
Geschichte zusammen. Da sind zum Beispiel die Hühner. Einer der Herren, mit
denen ich sprach, war Ferdinand A. Auch ein netter älterer Herr. Sein Neffe
hatte mir die Telefonnummer per E-Mail geschickt. Ferdinand A. hatte kaum noch Erinnerungen an diesen
Tag. Doch an eins konnte er sich noch ganz genau erinnern. Es waren die Hühner.
Es sind viele, viele Hühner in all dem Chaos herumgelaufen. Zwei Telefonate
später erzählte mir Lothar H., dass die eine der Loks direkt in einen
Hühnerstall gefahren war.
Ich habe heute Vieles erfahren.
Ich konnte heute nur mit vier Augenzeugen sprechen. Ich kann diese
Informationen nur „häppchenweise“ vertragen, oder besser gesagt ertragen. Durch
diese Gespräche wird alles so real. Ich hätte niemals gedacht, dass es so
schwer ist. Ich spüre die Trauer meiner Gesprächspartner. Ich spüre meine
Trauer. Ich kenne jetzt viele Einzelheiten über den Unglückstag. Den Tag, der
mein ganzes Leben geprägt hat. Und trotzdem bin ich dankbar für jedes Gespräch,
jede E-Mail, jedes Bild, für jeden Film. Auch wenn es weh tut. Aber nur so habe
ich die Chance zu begreifen, zu verstehen, zu verzeihen, zu Heilen. Ich kann auch nur immer wieder betonen, dass
es mir nicht darum geht, jemanden an den Pranger zu stellen. Ich mache
niemandem einen Vorwurf. Ich will nur wissen, was an dem Tag geschah, der mein
Leben so nachhaltig verändert hat. Nein, nicht nur mein Leben, sondern das
Leben vieler Menschen.
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