Montag, 1.Juni 2009:
Heute ist mein letzter freier Tag. Es ist
Pfingstmontag. Ab morgen muss ich für 5 ½ Wochen wieder arbeiten. Dann habe ich
wieder eine Woche Urlaub. In dieser Woche habe ich schon einen Termin mit dem
netten Herrn L. Das ist der Leser, der mir die ausführliche E-Mail über den
Unfallhergang geschrieben hat. Ich hoffe, dass mein Bruder bis dahin mit seinen
Renovierungsarbeiten fertig ist und wir beide den Mut für ein erstes Treffen
haben. Bis dahin werden wir per E-Mail in Kontakt bleiben. Ich habe ihm eine
Geburtstagskarte gekauft. Marcus hat nächste Woche Geburtstag.
Mir hat dieser Urlaub sehr gut getan. Es
war die optimale Mischung aus Vergangenheitsbewältigung, Erholung und Spaß
haben. Perfekt. Und das Ganze bei 16 Tagen Sonne, bis auf ein paar Stunden
Regen. Ich habe noch nie so viel aus einem Urlaub rausgeholt. Mir ging es schon
seit Jahren nicht mehr so gut. Ich habe in den letzten Wochen so viel Ballast
abgeworfen. Ich fühle mich so erleichtert.
Ich habe viele Antworten zum Unglück
bekommen. Ein Treffen mit meinem Bruder steht bevor. Ich werde nur so viel an
den Recherchen arbeiten wie es mir gut tut. Ich bestimme das Tempo. Anders geht
es auch gar nicht, ich kann nicht das, was ich 36 Jahre verdrängt habe, in ein
paar Monaten aufarbeiten.
Was mein Privatleben betrifft, werde ich
mir die Auszeiten nehmen, die ich brauche. Ich bin ein Mensch der gerne mal
alleine ist. Seine Ruhe braucht. Zeit, um mal in sich zu gehen. Ich mochte es
noch nie gerne, wenn ich 24 Stunden ständig jemanden um mich habe. Schon als
Kind habe ich das nicht gemocht.
Menschen, die mir auf Dauer meine Energie
rauben, werde ich in Zukunft meiden. Ich stehe gerne Freunden zur Seite wenn
sie mich brauchen, aber sein Leben muss schon jeder selber meistern. Und helfen
kann ich auch nur, wenn man es zulässt. Ich habe selber noch so viel für mich
zu klären, dass ist anstrengend genug.
Im privaten Bereich habe ich es ja schon
seit Jahren erfolgreich umgesetzt, nun ist es Zeit, diese Eigenschaft auch ein
Stück weit auf der Arbeit zurückzufahren. Mein Perfektionismus. Ich merke immer
wieder, dass ich mich damit nur selber unnötig unter Druck setze. In meinem Job
werde ich nach wie vor einen guten Job machen. Gar keine Frage. Anders kann ich
ja gar nicht. Aber wie gesagt, nur einen guten Job, nicht mehr. Ich werde
versuchen, nicht mehr von anderen zu erwarten. Das wird dauern. Das kann ich
nicht von heute auf morgen. Ich habe mich mal ein wenig mit diesem Thema
beschäftigt. Menschen, die zu Perfektionismus neigen, kämpfen um Anerkennung.
Ich denke, das habe ich auf diesem Wege gar nicht nötig. Es macht mir nur
selber Stress. Unnötigen Stress. In diesem Punkt werde ich an mir arbeiten. Ich
möchte ja nicht wieder krank werden. Das war mit Sicherheit auch einer der
Punkte, die mich in den Burn-Out getrieben haben. Schluss damit!
Das, was mich stresst, ist die innere
Unruhe, es sind all die Schicksalsschläge, die ich nie richtig verarbeitet
habe. Diese Unruhe, diese Überforderung macht mich immer wieder gereizt und
genervt. Ich liebe es zu arbeiten, anzupacken, etwas zu tun. Ohne Arbeit und
Bewegung würde ich verkümmern. Für mich ist die Arbeit positiver Stress. Das
gibt mir Energie. In den letzten Jahren
habe ich ja auch gelernt, mir dann meine „Ruhezeiten“ zu gönnen. Auch mal etwas
liegen zu lassen. Musik zu hören, ein schönes Buch zu lesen, einfach mal einen
auf faul zu machen. All das konnte ich vor meinem Burn-Out nicht.
Wenn ich innerlich mehr zur Ruhe komme,
werde ich bestimmt von selber wieder geduldiger. Diese Ungeduld nervt mich
manchmal selber. Ich hasse es zu warten. Ich hoffe, dass ich wenigstens ein
bisschen ruhiger werde. Ich denke, es liegt daran, dass ich nicht genügend
Vertrauen in mich habe.
Immer schön eins nach dem anderen und auch
wenn es manchmal schwer fällt, immer mit der Ruhe. Ich weiß, dass man nicht
sich und sein ganzes Leben von heute auf morgen ändern kann. Aber ich spüre,
dass ich auf dem richtigen Weg bin und schon einen riesen Schritt nach vorne
gemacht habe. Ein bisschen von der inneren Ruhe kann ich schon spüren. Und das
fühlt sich gut an. Nun werde ich den Tag genießen und meine Seele baumeln
lassen.
E-Mail
vom 1.Juni 2009:
Hallo Iris, ich wünsche Dir viel Spaß
beim Seele baumeln lassen. Ich habe mal nach Aphorismen gegoogelt und fand
diesen Spruch:
Am meisten machen wir falsch,
wenn wir alles richtig machen wollen.
© Helga Schäferling, (*1957), deutsche Sozialpädagogin
Nimm ihn Dir zu Herzen, keiner kann / muss perfekt sein, Fehler machen uns menschlich. Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche.
Am meisten machen wir falsch,
wenn wir alles richtig machen wollen.
© Helga Schäferling, (*1957), deutsche Sozialpädagogin
Nimm ihn Dir zu Herzen, keiner kann / muss perfekt sein, Fehler machen uns menschlich. Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche.
Deine Jutta.
Mittwoch
3.Juni 2009:
Über einen der
Leser, der sich auf den Zeitungsartikel gemeldet hat, Herrn Ewald S.
habe ich den
Namen einer Frau erhalten, die direkt am Unglücksort wohnt und damals alles
unmittelbar mitbekommen hat. Da ich Frau W. nicht einfach überfallen wollte,
habe ich ihr einen Brief geschrieben mit der Bitte, mich einmal anzurufen.
Heute abend ist
es so weit. Ich komme aus dem Bad und sehe, dass mein Anrufbeantworter blinkt.
Ich höre die Nachricht ab. Es ist Frau W. Sie sagt, sie hätte meinen Brief
bekommen und ich dürfte sie gerne zurückrufen. Ich wähle die Telefonnummer, die
sie mir auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat.
Zwei – drei
Freizeichen und Frau W. meldet sich direkt am anderen Ende. Sie hat eine sehr
nette, sympathische Stimme. Ich stelle mich vor und ich spüre gleich wieder
diese Nähe. Diese Nähe, die ich zu allen Menschen habe, die damals bei dem
Unglück dabei waren.
Frau W. erzählt
mir, dass ihr Hof direkt in der Nähe des Unglücks steht. Sie war mit ihrem
Hund, einem Dackel, im Garten als es passierte. Auch sie berichtet von einem
Höllenlärm. Der arme Hund hat total verrückt gespielt. Er war nicht mehr zu
beruhigen. Er hatte Angst. Genauso wie sein Herrchen und Frauchen.
Nachdem der erste
Schrecken überwunden war, ist ihr Mann zum Unfallort geeilt um zu helfen. Viele
Verletzte befreiten sich selber aus den Trümmern und rutschten die Böschung
runter. An der Brücke hingen die Kabel und Leitungen herunter. Die Krankenwagen
konnten nicht unter der Brücke her fahren und mussten einen Umweg nehmen.
Beim Nachbarn lag
eine der Loks im Garten. Diese Lok hatte sich so weit in die Erde gegraben,
dass der Lokführer erst drei Tage später geborgen werden konnte.
Frau W. ist so
lieb und fragt den Nachbarn, ob er auch mal mit mir sprechen möchte. Außerdem
bietet sie ein Treffen an, wenn ich noch einmal nach Marl-Sinsen komme.
Ich bedanke mich
bei dieser netten Frau für ihre Informationen. Man merkte zwischendurch, dass
es nicht leicht war darüber zu reden. Es war mal wieder erstaunlich, wie
präsent dieses tragische Erlebnis noch immer für diese Frau ist.
Ich lege den
Hörer auf. Mir ist kalt. Ich bin aufgewühlt. Ein Gespräch, das ich erst mal
verdauen muss. da ich ja vor Ort war, da ich die schrecklichen Bilder kenne,
kann ich mir fast bis ins Detail vorstellen, was damals passiert war.
Eine Stunde
später liege ich im Bett. Ich kann nicht einschlafen. Mir gehen immer wieder
diese Bilder durch den Kopf. Ich denke:“ Warum tust Du Dir das an? Weißt Du
jetzt nicht genug über das Unglück?“ Doch dann fiel mir ein, wie unwissend ich
noch vor einem halben Jahr war. Wie sehr mich diese Unwissenheit gequält hat.
Das war schlimmer als die Wahrheit zu kennen. Ich weiß, wenn das Gespräch erst
mal gesackt ist, dass dann alles wieder gut ist. Ich denke an die Menschen, die
dieses Buch später mal lesen werden.
Menschen, die
vielleicht auch viele offene Fragen haben, aber nicht den Mut haben, sie zu
stellen. Wenn auch nur einer dabei ist, der in diesem Buch Antworten auf seine
Fragen findet und ich ihm dadurch die Chance gebe, endlich mit der
Vergangenheit abzuschließen, hat sich all das gelohnt.
Oder aber, wenn
ich den Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, Mut mache, sich
der Vergangenheit zu stellen.
Heute Morgen
hatte ich wieder eine E-Mail von meinem Bruder Marcus bekommen. Es hat mich
sehr gefreut von ihm zu lesen. Wir kommen uns langsam näher. Wir freuen uns
beide sehr auf unser erstes Treffen. Sobald er mit seinen Arbeiten fertig ist,
steht einem Treffen nichts mehr im Wege. Es kann sich keiner vorstellen, wie
sehr ich mich darauf freue. Jetzt bin ich bereit dafür. Seinen Worten nach geht
es ihm genauso.
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