Rückblick:

Natürlich gibt es einen Grund warum ich mich den Recherchen und der Vergangenheitsbewältigung stelle. Wie bereits in dem Zeitungsartikel erwähnt, wurde ich zu dieser Zeit sehr krank. Burnout-Syndrom, Depressionen.  Ich hatte ein halbes Jahr Schlafstörungen. Ich bin abends müde ins Bett gefallen, habe 2-3 Stunden geschlafen, dann bin ich schweißgebadet mit Herzrasen aufgewacht. Geschlafen hatte ich dann leider nicht mehr. Ich hatte Dauerkopfschmerzen. Alle zwei Wochen meine Regel. Sehr starke Gemütsschwankungen. Ich war nicht mehr in der Lage zu Lachen oder zu Weinen. Leere. Nichts als Leere in mir. Ich wollte nicht mehr leben. Ich war mit meinem Leben überfordert. Jeden Abend wenn ich ins Bett gegangen bin, habe ich gehofft, nie mehr wach zu werden. Immer wenn ich meine Gasheizung aufdrehte, dachte ich, jetzt müsste das Ding explodieren, dann haste endlich Ruhe. Ich habe es gehasst, wenn Menschen in meiner Nähe gelacht haben. Wenn sie gut drauf waren. Ich war total geschwächt. Ständig Magenschmerzen. Immer tieftraurig. Ich sah keinen Sinn mehr. Ich hatte keine Kraft mehr.
Im Jahre 2000 ist meine Oma gestorben. Ich war sehr, sehr traurig. Meine Oma war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Was mich aber mindestens genauso traf, war Opa so leiden zu sehen. Ich werde niemals den Augenblick vergessen, als wir auf Omas Beerdigung in der Kapelle saßen und mein Opa hemmungslos geweint hat. Er war so traurig. Noch nie habe ich ihn so gesehen. Ich war die ganze Beerdigung und auch die nächsten drei Jahre damit beschäftigt, ihm beizustehen. Jeden freien Tag und fast jeden Sonntag habe ich mit ihm verbracht und geholfen, wo es nur ging. Meinen Opa so leiden zu sehen hat mir das Herz gebrochen. Zwei Wochen nach Omas Tod war ich sonntags bei Opa. Er hatte mich am späten Nachmittag nach Hause gefahren. Kurz darauf ging das Telefon. Opa war weinend am anderen Ende und sagte mir: “Kind ich muss Dir was Trauriges sagen. Die aus Viersen haben gerade angerufen. Dein Papa ist tot.“ Dann legte er auf. Ich weiß nicht wie lange ich noch den Hörer in der Hand hielt. Ich konnte nicht reagieren, ich war unter Schock. Erst vor zwei Wochen hatte ich meiner Schwester mitteilen müssen, dass unsere Oma gestorben ist und jetzt zwei Wochen später unser Vater. Meine Trauer, die Angst um Opa, meiner Schwester erneut den Boden unter den Füssen wegziehen. Doch ich hatte keine Wahl.
Hinzu kam noch der Tod unsere Hündin Cora ein paar Monate, bevor wir unsere Oma verloren haben. Ein Job den ich mittlerweile hasste. Ich verkaufte damals Möbel auf Provision. 
Die Wochen vor Omas Tod. Sie hatte drei Schlaganfälle, Diabetes, man hatte ihr Stück für Stück das Bein abgenommen. Sie lag zum Schluss wochenlang auf der Intensivstation. Ich war jeden Tag bei ihr.
Ich hatte keine Kraft mehr, wollte es mir aber nicht eingestehen. Opa brauchte mich. Ich hatte ein Fernstudium als Gesundheitsberaterin angefangen, um aus dem Einzelhandel herauszukommen. All das Erlebte hatte ich noch nicht einmal annähernd verdaut. Ich schluckte es einfach runter.
Dann fing ich an, mein Leben zu ändern. Ich hörte auf zu Rauchen. Machte nach über 13 Jahren wieder regelmäßig Sport. Ich begann, wie bereits erwähnt, mein Fernstudium, ich war zwei Mal die Woche bei Opa.
Ich war rund um die Uhr beschäftigt. Bloß nicht nachdenken. Und wenn es mal schlecht ging, rief ich einen meiner Kumpels an und wir gingen feiern, Bier trinken bis zum Umfallen.

Dann kam die schlimmste Zeit meines Lebens. Eigentlich dachte ich, diese Zeit läge schon hinter mir. Doch da hatte ich mich getäuscht. Aber gewaltig. Es war wieder mal ein Sonntag. Wieder mal ging das Telefon. Der Vermieter meines Opas war dran. Er versuchte mir schonend beizubringen, dass er Opa im Badezimmer gefunden hatte. Er war gestürzt und hatte so lange gegen die Heizung geschlagen bis Hilfe kam. Opa ist dann mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gekommen. Ich bin so schnell es ging dort hin. Vorher hatte ich noch meine Schwester angerufen. Ich hatte solche Angst um Opa. Leider kam Opa nicht mehr aus dem Krankenhaus. Wochenlang lag er ohne Bewusstsein auf der Intensivstation. Später mit einem anderen älteren Herrn in einem abgedunkelten Raum. Der Mann auf dem Zimmer wimmerte pausenlos, dass er nicht mehr leben wollte, ob ich ihm nicht helfen könnte. Opa, immer noch ohne Bewusstsein, zog sich immer wieder und wieder die Schläuche raus. Er wollte nicht mehr leben.
Später sagte man uns, dass er neben der Lungenembolie auch sehr schlechte Blutwerte hatte und die Nieren nicht mehr so richtig wollten. Er hatte schleichend Medikamentenmissbrauch betrieben. Er wollte nicht mehr ohne seine Lisa. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich machte mir solche Vorwürfe. Hätte ich mich mehr kümmern müssen? Was habe ich falsch gemacht?
Kurz nach Opas Tod mussten wir die Wohnung auflösen. Unser Zuhause. Unsere Kindheit. Erst da habe ich so richtig begriffen, dass ich keinen Rückhalt mehr habe. Erst da habe ich um Oma getrauert, um Papa getrauert und um meinen geliebten Opa. Der totale Zusammenbruch.
Ich wollte auch sterben. Monatelang quälte ich mich durchs Leben. Dann musste ich mich entscheiden. Meine Krankheit und all diese Schicksalsschläge haben mir meine Gesundheit und meine letzte Kraft geraubt. Entweder ich sterbe oder ich lebe. 
Mit letzter Kraft schleppte ich mich zu meinem Hausarzt. Er macht sehr viel auf Naturbasis und ist ein total ruhiger, ausgeglichener Typ.  Ich bin mal „zufällig“ bei ihm gelandet.
Ich hatte mir ein Stück Daumen mit der Rasierklinge aus Versehen abgeschnitten.
Das ist wieder mal der Beweis, dass nichts auf dieser Welt ohne Grund geschieht. Denn bei diesem Arzt war ich genau richtig. Vier Monate, jeden zweiten Tag war ich bei ihm. Das war eine harte Zeit. Wir hatten Gespräche, die hatten mir alles abverlangt. Es war eine Behandlung aus Medikamenten, Akupunktur, Infusionen und Gesprächen die meine Heilung unterstützt haben.  
Es brauchte seine Zeit, aber ich schöpfte wieder neuen Mut. Ich wechselte den Job. Ich machte zwar erst einmal zwei Bauchlandungen. Aber: Ich habe es nie bereut. Denn jetzt habe ich seit knapp zwei Jahren meinen Job bei einem Glaslieferanten gefunden, der mir Freude macht. Ich machte meinen Führerschein. Ich stellte zwar fest, dass ich Angst vor dem Autofahren habe, aber ich habe es durchgezogen. Nach über 60 Stunden hatte ich den Lappen in der Tasche und war stolz wie Oskar. Ich machte meine Prüfung zur Gesundheitsberaterin mit einer Note von 1,5. Da war ich wieder stolz wie Oskar. Ich nahm die 12 Kilo ab, die ich auf en Hüften hatte nachdem ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Mein Gewicht halte ich bis heute.
Auch meinen Freundes- und Bekanntenkreis habe ich so nach und nach neu gestaltet. Was mir sehr gut tat. Erst mal schien alles zu gut zu werden. Doch der Schein trügt. Denn eine Sache war da noch. Aber ich hatte mich nie daran getraut. Wo ist mein Bruder? Wie geht es ihm? Was ist damals mit meinen Eltern geschehen? Wer bin ich? Warum bin ich manchmal mit dem Leben überfordert? Da ist er wieder der rote Faden…

Es gibt noch eine Stelle in meinem Leben, wo der rote Faden immer wieder auftaucht. Meine Beziehung zu Männern. In diesem Punkt habe ich alles durch. Momentan bin ich sehr mit mir beschäftigt, so dass da gar kein Interesse besteht. Na, ich hoffe, das wird sich irgendwann mal wieder ändern. Das hat aber Zeit. Im Moment fühle ich mich so wohl wie es ist. Auch wenn ich zur Zeit allein bin, ich bin nicht einsam. Das Gefühl der Einsamkeit kenne ich zum Glück nicht. Ich habe einen sehr großen Freiheitsdrang und komme als Single sehr gut klar. Eher das macht mir manchmal Sorgen. Wer weiß, vielleicht ist es reiner Selbstschutz? Oder aber ich bin in dieser Hinsicht eher der Einzelgänger? Angst vor Nähe? Egoistisch? Wenn ich zurückblicke ging es mir alleine, auf lange Sicht, fast immer besser. Ich kann tun was ich will. Keine Kompromisse. Keine Rechtfertigungen. Ich kann mich frei entfalten. Keine Einschränkungen.

Es gab immer wieder lange Phasen ohne Partner. Ich hatte langjährige Beziehungen. Ich hatte früher einmal echt wilde Zeiten. Doch die liegen zum Glück schon über 10 Jahre zurück. Ich habe Erfahrungen in jeder Richtung gesammelt und komme immer wieder zum gleichen Ergebnis. Solo geht es am besten. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass ich mit mir selber nie im Reinen war. Wie soll man für eine Beziehung Verantwortung übernehmen, wenn man es noch nicht einmal für sich alleine kann. 
Mir wurde schon mehrmals gesagt, es wäre so schwer mit mir, weil ich niemanden so richtig an mich ran lasse. Immer alles mit mir alleine ausmache. In mich gekehrt bin. Fast unnahbar. Vor allem weiß ich ja, dass ich bestens alleine klar komme.

Vielleicht liegt es daran, dass ich schon als Kind erfahren musste wie sehr es schmerzt, einen lieben Menschen zu verlieren. Vielleicht hatte ich auch immer Angst eine Beziehung aufzubauen, weil ich mit 15 Jahren überfallen wurde, nachdem ich mit meinem ersten Freund Schluss machte. Ich beendete damals die Beziehung. Er besoff sich mit seinen Kumpels und schmiedete dann mit ihnen einen bösen Plan. Man wollte mir eine Lektion erteilen. Er hatte damals so viel getrunken, dass er mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kam. Seine Kumpels überfielen mich nach der Schule, schlugen mich und drückten ihre Zigaretten auf mir aus. Ich wurde übelst beschimpft, weil ich mit ihrem Freund Schluss gemacht hatte und es ihm wegen mir so schlecht ging. Sie drohten mir, wenn ich etwas sage, würde sie noch viel Schlimmeres mit mir machen. Ich brach weinend zusammen. Die  zwei Jungen machten sich aus dem Staub. Als ich weinend auf der Straße saß, kam ein Junge aus der Oberstufe, er tröstete mich und wollte wissen was geschehen war. Ich sagte nichts. Doch er sah meine Verletzungen und meldete es den Lehrern. Die riefen Opa an. Da musste ich ja was sagen. Wir gingen gleich zum Arzt und zur Polizei. Die Jungen mussten später Sozialstunden ableisten und sich bei mir entschuldigen.  Ich denke, auch dieses schlimme Erlebnis hat geprägt.

Ich hatte mich Anfang der neunziger in Norbert verliebt. Ein Kumpel von meiner Freundin Nadine. Wir sahen uns regelmäßig. Flirteten. Ich war total verliebt. Dann sollte der Abend kommen an dem wir uns alleine verabredet hatten.
Ich musste bis abends arbeiten und Norbert wollte mit Nadine und seinen Kumpels zum Fußball. Danach wollten wir uns treffen. Ich fuhr nach der Arbeit voller Vorfreude nach Hause. Doch Norbert kam nicht. Ich war stocksauer. Handys gab es damals noch nicht. Also ging ich irgendwann ins Bett, stelle mein Telefon direkt griffbereit daneben. Ich war immer noch wütend. Ich weiß das noch ganz genau. Dann schlief ich ein. Kurz nach zwei wurde ich durch mein Telefon geweckt. Ich riss den Hörer an mich in der Hoffnung, dass Norbert am anderen Ende war. Ich hörte jemanden weinen.
„Hallo?“ fragte ich. Dann hörte ich Nadines Stimme. „Der Norbert. Der Norbert.“ Sie konnte kaum sprechen. Mit einem Schlag war ich wach. Nadine erzählte mir, dass es nach dem Fußballspiel einen Streit mit Hooligans gab. Streit um ein Taxi. Rangeleien. Hauereien. Norbert stürzte. Er stützte so unglücklich mit dem Kopf auf die Bordsteinkante, dass es nur noch knackte und Blut floss. Er kam sofort ins Krankenhaus. 9 Tage später erlag er seinen Verletzungen.
Ich war fertig. Klar. Ich war aber auch zu feige, mich mit dem Kummer, dem Schmerz auseinander zu setzen. Ich tröstete seine Mutter, half ihr wo ich nur konnte. Stark sein. Bloß keine Schwäche zeigen.
So ist das mit dem roten Faden. Angst sich zu binden. Angst sich der Trauer zu stellen. Doch zumindest der zweite Punkt ist ja schon mal fast überwunden. Darüber zu schreiben tut mir gut. Noch nie war ich so ehrlich zu mir selbst. Ich denke, das sind die Schritte in die richtige Richtung. Kleine Schritte, aber ich komme vorwärts. Ich möchte nie mehr so krank und schwach sein wie vor ein paar Jahren. Klar erwartet mich noch die eine oder andere Krise, das gehört zum Leben dazu. Aber wenn ich eins gelernt habe, man muss sich den Dingen stellen. Es ist nicht gut, alles einfach hinzunehmen oder gar zu verdrängen. Früher oder später holt es mich ein. Heute habe ich besonders viel geschrieben. Dieser Tag war sehr anstrengend, aber er tat auch gut. Eine echte Befreiung. 


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