Telefonate März/April 2009:

Es ist erstaunlich, wie gut sich die Betroffenen noch an das Unglück erinnern können. Als wäre es gestern gewesen. Und das nach über 35 Jahren. Ich spürte bei jedem Telefonat die Emotionen, die am anderen Ende hochkamen. Vielen fiel es sehr schwer, darüber zu reden. Umso dankbarer bin ich für jedes Gespräch.
Thomas H. kam vom Bund, er saß hinten im Zug. Er spürte ein Rappeln, dann kam der große Knall. Von diesem großen Knall erzählen und schreiben die Menschen alle. Dieser Knall brachte die Erde zum Beben. Thomas H. flog eine Tasche in den Nacken. Überall Qualm. 
Der Waggon stand neben dem Gleis  Die Oberleitungen abgerissen. Menschen  rannten schreiend umher. Obwohl Thomas H. unter Schock stand, leistete er Erste Hilfe. Es gab viele Verletzte. Diese Bilder sind ihm nie wieder aus dem Kopf gegangen.
Ein weiterer Leser, Friedhelm V. (Bahnwärter), erzählt mir, dass der Fahrer der Dampflok die Nerven verloren hat. Was man in einer solchen Situation verstehen kann. Ich mache nach wie vor niemandem einen Vorwurf.
Horst F. ist Polizeibeamter im Ruhestand. Er berichtet, dass es fast zeitgleich einen Großbrand gegeben hat. Das Werk der Herta KG (Schweißfurth) brannte am 5.Oktober 1973. Dort waren viele Einsatzkräfte. Als Horst F. an dem Unglücksort eintraf, sah er dort viele Plünderer. Das waren Anwohner aus den Häusern gleich an den Gleisen. Das Brückengelände war abgerissen. Eine Lok hinuntergestürzt. Diese Brücke kann man auf dem Foto in der Zeitung sehen. Er erinnert sich auch noch an einen kleinen Mann aus Essen. Er war Staatsanwalt. Dieser Staatsanwalt kam zu nahe an die Dampflok, die ja jeden Moment explodieren konnte. Ein großer Feuerwehrmann packte ihn und trug ihn zur Seite. Der kleine Mann schrie:“ Weißt Du eigentlich wer ich bin? Ich bin der Staatsanwalt aus Essen!“ Das Unglück war das schlimmste Erlebnis in Horst F. Polizeikarriere. Auch er bekommt diese Bilder nicht mehr aus seinem Kopf.  Der Weichensteller erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde zwei Stunden später festgenommen.
Dann gab es noch das Telefonat mit Lothar H. Er und sein Vater waren mit die Ersten am  Unfallort. Es liefen überall Hühner herum. Gackerten aufgeregt. Eine der Loks war direkt in einen Hühnerstall gefahren. Lothar H. geht das Bild von dem blutverschmierten Lokführer nicht mehr aus dem Kopf. Lothar H. und sein Nachbar hatten diesen Mann aus der Lok geholt. Doch leider starb der Lokführer später an seinen Verletzungen. Lothar H. war voller Blut, bis an seine Ellenbogen. Er, sein Vater und sein Nachbar hatten viele Menschen aus den Zügen befreit. Die Sanitäter vor Ort wollten ihre Tragen nicht abgeben. Sie hatten wohl Angst, sie nicht wieder zu bekommen. So wurden die Verletzten so aus den Waggons geholt.
Nachdem ich eine sehr lange und ausführliche E-Mail von Thomas B. erhalten habe, telefonierten auch wir miteinander. Auch er berichtet von dem großen Knall, ein kreischendes, lautes Geräusch, das die Erde erschüttern ließ. Thomas B. wollte helfen, doch man ließ ihn nicht. Er hilft mir bei meinen Recherchen, dafür bin ich ihm sehr, sehr dankbar.
Von dieser Hilfe werde ich zu gegebener Zeit mehr berichten.
Ferdinand A. berichtet auch von den Hühnern. Es war ein großes Chaos, Plünderer, ein großes Aufgebot an Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr.
Gisela T., die Frau eines Arztes. Ihr Mann war vor Ort und half den Verletzten. Sie hatte den Werksteller, der die Weichen falsch gestellt hatte getroffen. Er und seine ganze Familie leiden bis heute unter diesem tragischen Unfall. Laut Friedhelm V. lebt der Werksteller heute zurückgezogen auf einem Bauernhof. 
Herr S., 33 Jahre bei der Bahn, erzählt mir, dass die Werksteller damals nur eine Einarbeitungszeit von 2-3 Wochen hatte. Der Werksteller der damals die Weichen falsch gestellt hatte, kam gerade frisch von der Bundeswehr.
Ewald S. hatte damals seine Werkstatt direkt am Bahnhof. Auch er hörte den „Knall“. Sein Bruder war damals bei der Feuerwehr. Ewald S. hatte zurzeit mit einem der Lokführer gesprochen. Den Knall, den kann niemand vergessen. Niemals.
Gundel S. war beim DRK. Auch sie hatte Verletzte aus den Waggons herausgeholt. Und in die Klinik gebracht. Ihr Vater hatte für die Zugpassagiere und das Hilfspersonal gekocht. Beiden sind die grauenvollen Bilder nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Auch sie berichtet von den Plünderern. Die Nacht von Freitag auf Samstag war sehr kalt und nebelig.
Werner P. hatte es aus dem Fernsehen erfahren. Er war am Dienstag nach dem Unglückstag mit dem Dienstwagen vor Ort. Obwohl schon 4 Tage vergangen waren, war es immer noch ein Ort des Schreckens. Jedes Mal wenn er die Brücke sieht, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Die E-Lok lag unten im Graben, viele Kabel lagen herum. Die Brücke war stark beschädigt. Es lagen überall Skiverbindungen herum. Die stammten aus einem der Güterwaggons. Werner P. arbeitet seit 1970 als Fernmelder bei der Bahn.
An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Helfer. Ihr habt Großartiges geleistet. Es war bestimmt nicht leicht, unter solchen Umständen zu helfen. Ich kann verstehen, dass einem solche Bilder niemals aus dem Kopf gehen.
Ich habe beim Telefonieren gespürt, dass es bestimmt nicht leicht war darüber zu reden. Danke, dass Ihr es für mich getan habt. Einen herzlichen Dank.


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