Und
nun zur schönsten Post, die mich sehr glücklich macht vom
20. April 2009:
Hallo Iris,
vor einigen
Wochen hast Du mir eine Karte geschickt und geschrieben, dass Du vermutlich
meine Schwester wärst. Also dass Du meine Schwester bist, da bin ich mir
absolut sicher. Du fragst Dich möglicherweise warum ich erst jetzt schreibe… Es
war nicht so dass ich mich erst groß entscheiden musste ob ich Dir schreibe
oder nicht, es war eher so dass ich mir sofort darüber klar dass ich Dir auf
jeden Fall schreibe. Warum auch nicht, mit Anja habe ich ja auch ab und zu
Kontakt und Du gehörst ja auch zu meiner Familie obwohl das leider im Moment
eher formal so ist. Ich denke für so ein richtiges „Familiengefühl“ braucht es
noch ein wenig mehr. Aber ich habe mich sehr gefreut dass Du mir zuvor gekommen
bist (ich hatte nämlich auch vor mit dir Kontakt aufzunehmen) und den ersten
Schritt gemacht hast. Ich finde das echt klasse, wirklich!
Dass ich mich
erst jetzt melde liegt einfach daran dass Du mich in einer Wohnung „Such und
Renovierungsphase“ erwischt hast. Die letzten Wochen dachte ich immer wieder an
Dich und dachte immer ich müsste mir auch Zeit nehmen Dir zu schreiben und
wollte das nicht zwischen Tür und Angel machen. Ich wollte einfach den Kopf
dafür freier haben. Jetzt bin ich immer noch mitten in der Renovierung und das
wird bestimmt auch noch 2 Monate dauern. Gestern beim Keller streichen habe ich
mir aber fest vorgenommen dir zumindest schon mal ein Zeichen zu senden damit
Du nicht denkst ich hätte kein Interesse oder wollte nichts von Dir wissen. Da
brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen, ich würde mich wirklich freuen wenn
wir uns mal auf einen Kaffee treffen könnten und einfach ein bisschen reden würden.
Mir wäre es auch lieber wenn wir das erst mal zu zweit machen würden einfach
damit wir uns auf uns konzentrieren können. Zu dritt machen wir natürlich auch
mal.
Wäre schon cool
wenn ich meine beiden Schwestern mal um mich rum hätte.
Also wenn Du noch
Interesse hast kannst Du mir ja mal schreiben, ich würde mich darüber wirklich
sehr freuen.
Bis dahin fühle
Dich gedrückt, bis später mal
Dein Bruder
Marcus
Mittwoch,
13.Mai 2009:
Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Auch
die Recherchen habe ich außer Acht gelassen. Ich war kraftlos. So kraftlos,
dass ich den Dienstag nach Ostern auf der Arbeit zusammengebrochen bin und ich
mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus kam. Ich hatte keine Kontrolle mehr.
Völlig entkräftet lag ich am Boden. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Kolleginnen standen um mich herum, doch ich
nahm sie nur vage wahr. Ich hatte keine Kraft mehr, zitterte. Ich hatte Angst.
Da die Ersthelfer meinen Kreislaufkollaps nicht in den Griff bekamen, holten
sie einen Krankenwagen. Im Krankenhaus bekam ich eine Infusion und man
untersuchte mich gründlich. Da es mir nach der Infusion wieder besser ging,
beschloss ich nach Hause zu fahren. Meine Nachbarin war so lieb und brachte
mich mit dem Auto heim.
Seitdem hatte ich viel nachgedacht. Wie
konnte es so weit kommen? Ich ernähre mich gesund. Ich mache Sport. Was hat mir
so viel Energie geraubt? Ich fühlte mich wie in einer Schneekugel, die kräftig
geschüttelt wurde. Alles fliegt mir um die Ohren. Ich bin mitten drin.
Schwindelig. Überfordert. Es schneit und schneit. Ich bin verwirrt.
Immer wenn ich meine Wehwehchen habe,
schlage ich in dem Buch von Kurt
Tepperwein „Die Botschaft Deines
Körpers“ nach. In diesem Buch geht es darum, dass jede Krankheit eine psychische
Ursache hat. Was ich dort unter dem Thema „Niedriger
Blutdruck“ las überraschte mich keineswegs. Der Mensch zieht sich vor
Widerständen zurück, und sein Blut auch, schreibt Kurt Tepperwein.
Normalerweise gehe ich keinem Konflikt und
keinem Widerstand aus dem Weg. Ganz im Gegenteil. Ich stelle mich jeder
Situation und gehe gestärkt aus jeder Krise raus. Doch in den letzten Wochen
war es selbst für mich ein bisschen Widerstand zu viel. Ich hatte keine Chance
mehr, standhaft zu bleiben. Da waren die Recherchen. All die Bilder. Die vielen
traurigen Geschichten. Das große Schweigen.
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