Die ersten Reaktionen auf den Artikel:
E-Mail
von Dagmar und Wolf-Dietmar L.:
Hallo
liebe Iris
heute
haben wir den neuen Bericht über Dich in der Zeitung gelesen, und das hat mich
nun angespornt, mich endlich mal mit dieser Mail zu melden.
Die
Dias habe ich vorhin endlich mal zum Fotografen gebracht, die CDs bekomme ich
am Dienstag. Den Film mit den Dias vom 4. Oktober hatte ich auch noch nicht zum
Entwickeln gebracht, tue das aber demnächst.
Du
hast in einer Deiner letzten Mails darum gebeten, dass jeder seine Zustimmung
zu dem Text und seinen Textpassagen gibt. Ich bin natürlich damit
einverstanden, Du bekommst es von uns aber auch noch schriftlich. Bis dahin
viele liebe Grüße
Dagmar
und Wolf-Dietmar
SMS von Ludger R.:
Hi Iris, Der Artikel ist echt
gelungen. Ich hoffe für Dich, dass die ganze Arbeit Dich weitergebracht hat die
Vergangenheit aufzuarbeiten. Besonders freut es mich, dass Du Deinen Bruder
gefunden hast. LG Ludger.
Eine liebe SMS von
Marcus habe ich auch bekommen. Wir werden uns bald wieder treffen. Das freut
mich sehr.
Sonntag, 8. November 2009:
Ich habe immer noch
Kopfschmerzen. Ich fühle mich immer noch müde und ausgepowert. Mir ist kalt.
Das Jahr war ganz schön anstrengend. Als ich gestern die Zeitung in der Hand
hatte und meinen Artikel gelesen habe, war ich zu Tränen gerührt. Da ist es mir
so richtig bewusst geworden, was dieses Jahr alles so passiert ist. Was ich
alles bewegt habe. In den letzten Tagen läuft alles noch einmal wie ein Film
vor meinem geistigen Auge ab. Szenen aus diesem Jahr, Erlebnisse aus meiner
Kindheit. Ich wünsche mir so sehr Ruhe. Einfach nur Ruhe. Ich sehe es aber auch
als gutes Zeichen. Die Verarbeitung meines Traumas ist im vollen Gange. Ich
weiß, dass es mir nach solch einer Phase wieder ein Stück besser gehen wird. Es
wird wahrscheinlich noch Jahre dauern, bis ich all das komplett überwunden
habe. Meine Geschichte bringt sogar meine Mitmenschen zum Weinen, egal ob sie
mich gut kennen oder nicht. Ich habe in den letzten Monaten viele mitfühlende
Menschen getroffen. Wenn es für die zum Teil schwer zu ertragen ist, wie soll
ich mich dann zeitweise mit einer solchen Geschichte fühlen? Ich werde noch ein
paar Tage warten, wenn es mir dann nicht besser geht, werde ich meinen Arzt
aufsuchen. Ich möchte vermeiden, dass ich wieder krank werde. Nicht noch
einmal. Zum Glück habe ich gelernt, dass ich auch mal schwächeln darf. Ich muss
nicht immer die Starke und die Beste sein. Der Preis ist zu hoch und glücklich
macht das auch nicht. Meine Kopfschmerzen kommen bestimmt vom vielen Nachdenken.
So eine Art „Muskelkater im Kopf“. Alles ist verändert. Alles ist anders. Da
muss ich erst einmal mitkommen. Ich denke, ich brauche einfach nur ein bisschen
Ruhe, ein bisschen Zeit, dann wird es von ganz alleine wieder. Ich muss mir
diese Zeit einfach nehmen. Immerhin habe ich dieses Jahr Großes geleistet. Nun
ist Schluss mit dem Leistungsdruck unter den ich mich selber setze. Auf der
Arbeit. Im Privaten. Bei meiner Vergangenheitsbewältigung. Gut Ding braucht
Weile. Ich muss mehr Geduld mit mir selber aufbringen. Ich sollte stolz auf das
sein, was ich bereits geschafft habe, und mir die Ruhe gönnen, die ich brauche.
Und damit fange ich jetzt an….
Ein paar Stunden später…
Ich habe mir heute
viel Ruhe gegönnt. Frische Luft. Gesundes Essen. Ein bisschen Sport. Die
Kopfschmerzen lassen nach. Die Ruhe tut mir gut. Aber auch das Schreiben. Die
Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, auch wenn das nicht immer leicht ist, sich
Fehler einzugestehen.
Ich habe gerade
eine E-Mail von M. bekommen. Der Sohn des verunglückten Lokführers. Ich darf
ihn in meinem Buch erwähnen. Auch sein Leben wurde durch den 5.Oktober 1973
geprägt. Diese E-Mail werde ich nicht in mein Buch übernehmen, da sie sehr
persönlich ist. Nur so viel: Wir geben uns gegenseitig „Lebenskraft“. Wir
werden Kontakt halten. Es freut mich sehr, dass meine Offenheit auch andere
Menschen ermutigt, über ihren Kummer und ihr Leid zu reden. Das Schweigen zu
brechen.
Durch meine Offenheit haben sich mir gegenüber viele Menschen geöffnet.
Es macht das Miteinander leichter, da man Vieles besser verstehen kann. Und
sich besser in seine Mitmenschen hineinversetzen kann. Es tut mir auch gut zu
zeigen und zu sagen, dass es mir mal nicht gut geht. Die Menschen reagieren
verständnisvoller, als wenn ich immer nur die Harte gebe. Ich fühle, dass alles
langsam wieder besser wird. Ich muss es nur zulassen und nicht alles so ernst
nehmen. Doch phasenweise fällt es echt schwer.
Fast hätte ich es
vergessen. Als ich heute spazieren war, bin ich an unserem
Geschwistertreffpunkt vorbeigelaufen. Ich schaue zu unserem Treffpunkt, denke
an meinen lieben Bruder und den ersten gemeinsamen Augenblick, freue mich, dass
wir endlich wieder zusammen sind und trete voll in einen Hundehaufen. Angeblich
soll das ja Glück bringen…
Reaktionen aus dem persönlichen Umfeld auf
den Zeitungsartikel:
Hallo
Frau Riesener,
ich
bin sehr froh, dass Sie nach den vielen Recherchen nun endlich eine zufriedene
Ruhe gefunden haben.
Noch
mehr hat es mich gefreut, dass Sie ihren Bruder getroffen haben und wieder eine
geschwisterliche Beziehung aufbauen.
Ich
wünsche Ihnen für den Rest des Jahres eine zufriedene und erfolgreiche Zeit.
Alles
Gute
Hermann
H.
Du
hast es geschafft. ;)
Es
freut mich total, dass Du Deine Fragen klären konntest, auch wenn es nicht
immer einfach war.
Ich
denke mal einen Verleger wirst Du finden, das Buch wird dieses Jahr fertig und
Du kannst ganz beruhigt ins neue Jahr gehen und Dich auf neue Herausforderungen
konzentrieren.
LG
Ronny
Liebe Iris,
Das alles ist
sehr traurig, aber so wie es da steht ist es soweit gut für Dich
ausgegangen. Du hast viel erfahren, konntest es soweit es geht
nachvollziehen und das Schöne an dieser sehr traurigen Geschichte ist, Du
hast Deinen Bruder wieder gefunden.
Mit liebem Gruß
Angelika
Liebe
Frau Riesener,
herzlichen
Dank.
Ich
freue mich sehr für Sie, dass Sie die Gelegenheit haben die
Vergangenheit
abzuschließen und in die Zukunft zu schauen.
Viel
Kraft für die kommende Zeit und Zuversicht für die Zukunft.
Beste
Grüße
Cordula
A.
Mittwoch, 11. November 2009:
Heute habe ich meinen
freien. Tag. Es geht mir ein bisschen besser. Nur die Erschöpfung, die bleibt.
Zumindest sind die Kopfschmerzen weg. Mir wird bewusst, wie groß und traurig
meine Lebensgeschichte ist. Was ich an Arbeit an mir selber geleistet habe. Ich
hätte nie gedacht, dass Vergangenheitsbewältigung so anstrengend sein kann. Ich
bin froh, dass ich mich endlich damit auseinandergesetzt habe. Wer weiß was
passiert wäre, wenn ich all den unterdrückten Kummer, meine Sorgen, meine
Ängste länger in mir behalten hätte.
Mein kleiner Bruder
ist stolz auf mich, schreibt er. Er findet es toll, dass ich den Mut habe, mich
der Vergangenheit zu stellen. Er hat bereits beide Artikel gelesen. Für das
Buch braucht er noch ein wenig Zeit. Das kann ich verstehen. Ich konnte all das
auch nur scheibchenweise ertragen. Er soll sich Zeit lassen. Die große
Schwester wird gerne für ihn da sein, wenn er sie braucht.
Sonntag, 15. November 2009:
Es regnet. Es ist
grau. Ich bin noch immer total erschöpft. Gestern Nachmittag bin ich eher von
der Arbeit nach Hause gekommen, weil ich totale Kreislaufprobleme und
Schwindelanfälle hatte. Heute quälen mich schon wieder Kopfschmerzen. Nicht stark, aber es nervt. Seit Wochen
kommen diese Kopfschmerzen immer und immer wieder. Ich bin müde. Ich friere,
obwohl es warm in meiner Wohnung ist. Noch immer merke ich, dass ich schnell
überfordert bin. Ich muss mir einfach mehr Zeit lassen, all das Geschehene zu
begreifen und zu verarbeiten. Ich setze mich selber unter Druck. Ich will so
sehr, dass es mir gut geht, doch leider geht das nicht so einfach. Ich brauche
mehr Geduld mit mir selber. Ich brauche mehr Ruhe. Und ich muss mir
eingestehen, dass nur das eine Jahr alleine nicht ausreichen wird, all das zu
verarbeiten. All das zu ändern, was ich ändern will. Warum mache ich mir selber
wieder diesen Stress? Ich habe mehr erreicht in meiner
Persönlichkeitsentwicklung als manch einer in seinem ganzen Leben erreichen
wird. Ich wünsche mir so sehr endlich zur Ruhe zu kommen. Doch durch den Druck,
den ich immer wieder selber mache, werde ich das Ziel nie erreichen. Wie
gesagt, es braucht seine Zeit, schlechte Angewohnheiten loszulassen und zu
ändern. Ich muss endlich lernen, dass
ich nicht immer die Beste, die Schnellste sein muss. Weder auf der Arbeit – noch
im Privaten. Ich muss es mir nicht immer wieder selber beweisen. Dass ich
anders bin als alle anderen. Jeder Mensch ist das, auf seine Art und Weise. Ist
es Anerkennung, die ich auf diese Art suche? Ist es meine Art, so auf mich
aufmerksam zu machen? Mich in den Vordergrund zu stellen? Auf Dauer werde ich
diesem Anspruch nicht standhalten können. Ich setze damit meine Gesundheit aufs
Spiel. Und danken wird es mir zum Schluss eh keiner. Ich muss lernen, mein
Können und mein Wissen auf eine andere Art zu nutzen. Dafür muss ich ein paar
Schritte zurückgehen. Mich fallen lassen. Die Erkenntnis ist da, doch wie setze
ich das Wissen in meinem Leben in die Tat um? Ich muss mich auf die Dinge
konzentrieren, die mich meinem Ziel, zur Ruhe zu kommen, näher bringen, Dinge
die mir gut tun. Schlechte Gewohnheiten loslassen. Es nicht übers Knie brechen
wollen, sondern Schritt für Schritt daran arbeiten. Ich muss endlich lernen,
nicht immer alles perfekt machen zu wollen. Immer die Beste sein zu wollen. Ich
denke, auch da liegen die Ursachen in meiner Kindheit. Anja war damals noch ein
Baby. Sie war immer die kleine süße Maus bei Oma und Opa. Ihr wurde immer alles
verziehen, sie durfte alles. Ich musste mich immer wieder beweisen und musste
auch noch die Verantwortung dafür übernehmen, wenn sie mal Mist gebaut hat.
Dann hieß es immer: „ Anja ist doch noch so klein. Du bist schon groß. Du musst
das doch wissen. Du kannst das besser.“
Als Kind musste ich schon kämpfen, mich beweisen. Ich wollte immer alles
Oma und Opa Recht machen. Die Beste sein, wenn Anja schon immer die süße,
kleine Maus war. Das war bis zum Schluss so. Von mir wurde immer erwartet, dass
ich die Vernünftige bin. Alles korrekt mache. Verantwortung übernehme. Das
gemeinsame Zimmer ordentlich halte. Und das nur, weil ich fünfeinhalb Jahre
älter bin als Anja. Manchmal hat mich das in meiner Kindheit und meiner Jugend
echt fertig gemacht. Es gab Momente, da habe ich meine kleine Schwester dafür
gehasst. Zum Glück steht das nun nicht mehr zwischen Anja und mir. Doch früher
war das echt sehr anstrengend für mich, immer und immer wieder dagegen
anzukämpfen. Das, was noch aus dieser Zeit bleibt, ist, alles perfekt machen zu
wollen. Die Beste zu sein. Und niemanden neben mir zu dulden. Denn es könnte ja
sein, dass man mich dann nicht mehr will oder nicht mehr so lieb hat. Ob man
will oder nicht. Die Kindheit prägt. Ein Leben lang.
Gerade lief in der
ARD eine Doku „Wie Kinder trauern“. Ich
habe mich in dieser Doku wiedererkannt. Es wurde in dieser Doku auch deutlich,
wie wichtig es für die Kinder ist, die volle Wahrheit zu erfahren, wenn sie
danach fragen. Es wurde auch gezeigt, wie überfordert manch hinterbliebener
Erwachsene mit der eigenen Trauer und der Trauer der Kinder war. Ich musste
immer wieder weinen, weil ich mit den Kindern so mitfühlen konnte. Ich konnte
genau spüren, wie sie sich fühlen. Ein Junge von fünf Jahren erinnerte sich nur
nach an den Tag, an dem er seinen Vater verlor. Auch bei ihm stand die Polizei
vor der Türe. Ansonsten waren alle Erinnerungen an den geliebten Vater weg. In
diesem Moment hat es „Klick“ gemacht. Es wird wahrscheinlich noch dauern bis
ich es in die Tat umsetzen kann. Ich will Kindern und Eltern helfen, die auch
solch ein tragisches Schicksal erfahren mussten. Den Eltern möchte ich
vermitteln wie wichtig es ist, mit den Kindern darüber zu reden. Den Kindern
möchte ich Trost spenden. Und die Erwachsenen, die in ihrer Kindheit einen oder
beide Elternteile verloren haben ermutigen, sich ihrem Trauma zu stellen.
Natürlich bin ich kein Psychologe, das weiß ich. Aber ich kann als gutes
Beispiel vorangehen, Halt geben, Trost
spenden. „Lebenskraft“ geben. Es gibt meinem Schicksal endlich einen Sinn. Ich
frage nicht mehr nach dem Warum. Ich kann dann mit dieser tragischen Geschichte
leben, und helfe mit meiner Lebenserfahrung anderen Menschen. Wer weiß,
vielleicht soll das meine Lebensaufgabe sein. Auf alle Fälle kann ich helfen
und gleichzeitig mein Trauma weiterhin aufarbeiten.
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