Dienstag, 14.Juli 2009:

Völlig gerädert und müde stehe ich auf. Immer wieder träumte ich von den Bildern. Von dem Unfall. Gleich treffe ich mich mit meiner Freundin zum Frühstück. Heute Nachmittag mit meiner Schwester. Das wird mich auf andere Gedanken bringen. Ich kenne das ja. Nach solchen Treffen bin ich immer total platt. Ich weiß aber auch, dass es mir in ein paar Tagen wieder besser gehen wird. Das gehört dazu. Für mich ein Zeichen, dass ich all das verarbeite.   
Ich bin trotzdem dankbar, dass ich die Bilder sehen durfte. All das bringt mir Gewissheit. Nur so habe ich später die Chance, einen Schlussstrich zu ziehen. Das kann ich nur, wenn keine Fragen mehr offen sind. 


Mittwoch, 15.Juli 2009:

Heute geht es mir wieder besser. Klar denke ich noch an die Bilder, aber es ist erträglicher geworden. Heute lasse ich es mir bei einer Thai-Massage gut gehen. Die Sonne scheint. Ein perfekter Blümchentag.
Ich habe mir vorgenommen, M. (den Sohn eines ums Leben gekommenen Zugführers) anzurufen. Doch nachdem ich die Dias gesehen habe, fällt es mir sehr schwer. Ich musste immer wieder an ihn denken.
Wolf-Dietmar hatte am Montag vorgeschlagen, mit ein paar Lesern zusammen im Herbst diese Dias zu schauen. Ich werde M. auf alle Fälle fragen. Bis dahin kann ich ihn ja noch ein bisschen darauf vorbereiten. Wir wollten uns ja eh treffen. Ich brauche nur selber noch ein bisschen Zeit zum Verdauen.
Auch Reinhard P. möchte ich bei diesem Dia-Treffen dabei haben. Mit ihm habe ich mich ja schon einmal am Unfallort getroffen. Ihn werde ich morgen ein zweites Mal treffen.


Donnerstag, 16.Juli 2009:
 
Wieder ein Blümchentag an dem die Sonne scheint. Heute Mittag um 14.00 Uhr treffe ich mich mit Reinhard P. in Oberhausen. Wir wollen die Ausstellung der Modelleisenbahn besuchen und bei dieser Gelegenheit über unsere Recherchen reden.
Alles klappt wie am Schnürchen. Wir treffen uns pünktlich. Da Reinhard noch nichts gegessen hatte, gehen wir erst einmal einen Happen essen. Bei dem Essen berichtet er mir, dass er noch einmal mit dem Heizer telefoniert hat. Reinhard wollte ihn fragen, ob er mitkommen möchte. Die Modelleisenausstellung anschauen und mich kennenlernen. Doch er lehnte ab. Der Kontakt per E-Mail, vor ein paar Wochen mit mir, hätte ihn zu sehr aufgewühlt. Es ging ihm danach sehr schlecht. Er hätte sich dann mit seiner Familie zusammengesetzt und beschlossen, sich mit der Vergangenheit nicht mehr zu befassen. Ich persönlich finde es auf der einen Seite schade. Nicht nur, dass ich ihn gerne persönlich kennengelernt hätte, ich hätte ihm sehr gerne persönlich mitgeteilt, dass ich ihm und auch allen anderen Beteiligten keinerlei Vorwurf mache. Ich respektiere seinen Wunsch. Es hat nicht jeder wie ich den Mut, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Klar geht es einem erst einmal schlecht. Für mich ein eindeutiges Zeichen, dass man mit der Vergangenheit und sich nicht im Reinen ist.  Für mich war es wichtig, sich trotzdem der Vergangenheit zu stellen. Nur so habe ich die Chance, meinen inneren Frieden zu finden. Ich habe aber mittlerweile gelernt, dass ich mein Handeln und mein Fühlen  nicht auf alle anderen Menschen übertragen kann. Jeder muss das für sich entscheiden. Wie gesagt, ich respektiere den Wunsch des Heizers, und wünsche ihm von ganzem Herzen alles Gute für seine Zukunft. Ich wünsche ihm, dass er seinen inneren Frieden mit sich und dem Erlebten findet, auch wenn sein Weg ein anderer ist. Und ich kann es gar nicht oft genug sagen: Ich mache weder ihm oder sonst einem der Beteiligten einen Vorwurf. 
Nun wieder zu Reinhard. Ich erzähle ihm von Wolf-Dietmar, dem geplanten Diavortrag. Das ich unmittelbar am Unfallort war. Das die Marler Feuerwehr sich auf meine E-Mail gemeldet hat und mir eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat. Und davon, dass ich vorhabe, mich mit M. zu treffen.
Reinhard war so lieb und hat mein bereits Geschriebenes ausgedruckt. Also ich muss sagen, da ist mir erst einmal bewusst geworden, was ich im letzten halben Jahr schon geleistet habe. Und das, obwohl ich mir zwischendurch immer wieder Pausen gegönnt habe. Welch tolle Menschen mir begegnet sind, die mich mit Rat und Tat unterstützen. Ich glaube, diese Reise in die Vergangenheit ist das Anstrengendste, aber auch das Beste, was ich je gemacht habe.  Ich habe dabei so viel erfahren, so viel gelernt, vor allem über mich selbst.
Nach dem Essen besuchen wir die Ausstellung der Modelleisenbahner. Ich bin fasziniert, mit wie viel Liebe zum Detail dort alles aufgebaut ist. Und danke Dir, lieber Reinhard, ohne Dich wäre ich bestimmt niemals auf die Idee gekommen, mir so etwas anzuschauen.
Nach der Ausstellung fahren wir noch auf einen Kaffee in einen Mülheimer Biergarten und plaudern ein wenig. Das ist das erste Mal, dass ich mich mit einem Leser treffe, und ich nicht völlig erschöpft und fertig nach Hause fahre. Ich fühle mich gut.


Samstag, 18.Juli 2009:

Heute ist Hausputz angesagt. Das schiebe ich nun schon die ganze Woche vor mir her. Wenn das erledigt ist, werde ich ein paar Telefonate erledigen. M. (Sohn des Zugführers), die Marler Feuerwehr usw.

Ich weiß nicht warum, aber heute ist mir doch nicht nach Telefonieren. Vielleicht schaffe ich es morgen oder Mittwoch, wenn ich frei habe. Ich brauche ein bisschen Abstand von den Bildern, von den Lesern, von dem Unfall. Irgendwie ist mir das doch alles ganz schön nahe gegangen. Ich gönne mir jetzt einen ruhigen Abend, und morgen schauen wir mal. Alles zu seiner Zeit.



E-Mail vom 26.Juli 2009:

Hi Iris,
heute hatte ich die Zeit, mir Deine neuesten Zeilen in Ruhe durchzulesen.
Ich muss sagen, ich war bewegt, wie ich die Zeilen des Dia-Vortrags las.
Ich stelle mir das echt hart vor, die Bilder ungeschnitten zu sehen, vor allem wenn man direkt davon betroffen ist.
Mein Herz ist bei Dir.
Ich versuche Dir mit meiner Freundschaft die Kraft zu geben um Dir wenigstens etwas zu helfen.
Wenn Du mal Zeit, Lust und Kraft hast, können wir uns mal wieder auf einen Kaffee treffen?
Lg
Ronny


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