Donnerstag, 3. September 2009:

Der Urlaub ist fast um. Nun steht mir zum Abschluss noch ein Hollandwochenende in Wijk aan Zee bevor. Obwohl das Wetter nicht so toll werden soll, freue ich mich riesig. Wie gesagt, ich liebe das Meer. Egal wie das Wetter ist.
Heute hat sich Herr Geling wegen unseres Termins gemeldet. Er hatte wegen der Wahlen so viel zu tun. Daher habe ich heute erst von ihm gehört. Ich denke, dass ist o.k. so. So konnte ich meinen Urlaub genießen, ohne Recherchen und ohne meine schwere Vergangenheit, ich brauchte mal eine Pause. Wir werden uns demnächst mal an einem Mittwochnachmittag, wenn ich frei habe, treffen.  
Diese Zeit brauchte ich jetzt erst mal für mich. Zeit, die ich mir genommen habe. Das hätte ich vor dem Burn-Out nicht geschafft. Ich hätte auch nichts in meiner Wohnung liegen lassen können. Immer nach dem Motto: “Erst die Arbeit – dann das Vergnügen.“ Zum Glück bin ich in dieser Hinsicht cooler geworden. Das hätte ich früher nie gemacht. Zu groß war immer der Druck, erst alles zu erledigen. Manchmal erwische ich mich zwar noch dabei, wie ich in alte Gewohnheiten verfalle, doch dann denke ich einfach daran, dass auch das ein Grund für meine Krankheit damals war.  
Ich vermute, ich war mitten im Burn-Out als ich damals den Führerschein machte. Opa war gerade tot und ich mit mir und dem Leben maßlos überfordert. Ich vermute aber auch, dass ich kein Urvertrauen zu anderen Menschen habe. Das zeigt sich auch darin, dass ich lieber alles selber mache und es Anderen nicht zutraue, es so zu machen wie ich es mache. Es ist ja nicht das Fahren was mich überfordert. Eher das drum herum. Die andern Menschen. All das was passieren könnte. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich seit Jahren keine feste Beziehung mehr habe. Klar, in diesem Falle kommt eindeutig noch die Verlustsangst dazu. Ich will einfach wissen, warum das alles so ist. Auf der Suche nach mir selbst sind das Fragen, die ich mir stelle und auf die ich eine Antwort finden will. Ich will mich besser verstehen. Ich will wissen, warum solche Ängste da sind. Wissen, warum ich in so vielen Punkten anders bin als meine Mitmenschen.
Ich will einen letzten Versuch starten, das mit dem Autofahren hinzubekommen. Allerdings erst später, wenn ich meine Vergangenheit überwunden habe und ich mich fit dafür fühle. Sollte ich diese Angst nicht überwinden, lasse ich es. Ich will weder mich noch die anderen Menschen im Straßenverkehr gefährden.
Und die Sache mit den Beziehungen will ich erst mal nur für mich klären. Im Moment fühle ich mich so wohl wie es ist. Ein Partner würde mich in meiner jetzigen Phase nur blockieren. Ich will jetzt erst einmal für mich feststellen, wer ich bin, was ich will und was gut für mich ist. Vorher kann und will ich nicht die Verantwortung für eine Beziehung übernehmen. Außerdem haben mich die letzten Jahre sehr egoistisch gemacht. Ich will momentan keine Kompromisse eingehen. Ich möchte nicht das bisschen Freizeit, was ich habe, teilen. Ich brauche zurzeit sehr viel Zeit für mich. Ich muss wissen, dass ich mich zu jeder Zeit  zurückziehen kann, wenn mir danach ist. Ich habe während der Vergangenheitsbewältigung noch immer wieder Phasen, in denen es mir sehr schlecht geht. Diese Phasen mache ich lieber erst mal mit mir alleine aus. Wenn es mir dann besser geht, habe ich zum Glück meine Schwester und Freunde, die für mich da sind.


Mittwoch, 9. September 2009:

Mein Urlaub ist um. Die ersten zwei Arbeitstage liegen bereits hinter mir. Heute ist mein freier Tag. Die Sonne scheint und mir geht es gut. Mir geht es sehr gut. Die sechs Wochen Urlaub, die ich in den Sommermonaten hatte, haben mir sehr viel Lebenskraft gegeben. Wenn ich diese Zeit noch einmal Revue passieren lasse, kann ich all die glücklichen Momente spüren, die ich in dieser Zeit erleben durfte. Vor allem die Zeit in Wijk aan Zee hat mir sehr gut getan. Danke, dass ich noch ein zweites Mal diesen Sommer dort hin durfte.
Danke, für all die schönen Stunden, die ich mit meiner kleinen Familie und mit Freunden verbringen durfte. Danke, dass an fast jedem Urlaubstag die Sonne schien. Danke, dass ich endlich mal wieder spüren konnte, wie schön das Leben ist. Ich hatte es fast vergessen. Danke, für den schönsten Sommer, den ich seit vielen, vielen Jahren hatte. Davon werde ich noch lange zehren. Und all die schönen Erinnerungen werden für immer mein sein. Danke.
Ich bin wieder offen für Neues. Das ist mir nur möglich, weil ich dieses Jahr einen großen Teil von meinem Ballast und meinen Sorgen hinter mir lassen konnte. Bei dieser Vergangenheitsbewältigung musste ich viel an mir arbeiten, viel ertragen. Aber es hat sich auch gezeigt, wer wirklich ein guter Freund in dieser Zeit ist. Wer mich stützt und mich tröstet. Mir ist bei dieser Bewältigung so viel bewusst geworden, wofür ich dankbar bin. Es gibt trotz der Schicksalsschläge so viel Schönes im Leben. Ich schäme mich fast ein bisschen dafür, dass ich Vieles als viel zu selbstverständlich angenommen habe. Und dafür, dass ich schon so oft über Situationen gejammert habe, in denen ich nur hätte abwarten müssen, um sie von einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich habe mich zum Teil so sehr in solche Situationen hereingesteigert, dass ich um ein Haar vergessen hätte, wie lebenswert das Leben ist. Vor allem, dass wir nur das eine Leben haben und es alleine in unserer Hand liegt, was wir daraus machen. Ich wünsche mir, dass ich in Zukunft diese Lebensfreude und Lebenskraft behalte. Ich freue mich auf all die schönen Momente und Herausforderungen, die das Leben noch für mich bereithält. Ich liebe mein Leben.


Mittwoch, 16. September 2009:

Heute ist mein freier Tag. Ein Blümchentag. Und was für einer! Gerade eben habe ich eine E-Mail von meinem lieben Bruder Marcus erhalten. Endlich ist es soweit. Wir werden uns nächste Woche Mittwoch treffen. Es kann sich keiner vorstellen, wie sehr ich mich darüber freue. Das ist so schön!!! Nach so vielen Jahren sehen wir uns endlich wieder. Das lange Warten hat sich gelohnt. Er schreibt, dass er nun mit seinem Umzug fertig ist, er aus dem Urlaub zurück ist und nun endlich den Kopf frei hat für unser Treffen. Erst einmal treffen wir uns auf einen Kaffee. Wir werden das auf alle Fälle langsam angehen.
Ich freue mich so sehr. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Noch eine Woche, dann sehe ich Marcus endlich wieder. Das ist unfassbar!!!

Kurz bevor ich die E-Mail bekommen habe, habe ich Kopien von den Zeitungsartikel gemacht, die ich Anfang des Jahres von der Marler Zeitung bekommen habe. Ich habe diese Kopien für den Sohn des Zugführers gemacht. Wir werden uns am Sonntag mit Reinhard in Dahlhausen im Eisenbahnmuseum treffen.
Als ich meine Unterlagen im Copy-Shop aus der Tasche holte und auf den Tisch legte, fielen mir gleich die Bilder und die Schlagzeilen ins Auge. Für einen kleinen Moment musste ich schlucken. Ich zitterte. Noch immer bewegen mich diese Bilder sehr. Es ist und bleibt eine tragische Geschichte. Ein Teil von meinem Leben. Ich bin sehr gespannt auf das Treffen am Sonntag.  Es ist Wahnsinn, was ich in dieser Hinsicht dieses Jahr alles erlebt habe. Ich werde auch noch Zeit brauchen, um all das zu verarbeiten. Auch wenn ich mir in den letzten Wochen ein bisschen Abstand von dieser Geschichte gegönnt habe, ich brauche noch Zeit. Das hat mir meine Reaktion im Copy-Shop gezeigt.

Am Sonntag, dem 4.Oktober, werde ich mich mit Wolf-Dietmar L. und seiner Frau treffen. Wir werden den Unfallort besuchen. Das soll der Tag sein, an dem ich meine Rosen niederlege. Eine rote Rose für meine Mama und sieben weiße für die anderen Todesopfer. 
Es ist ein Tag vor dem Jahrestag. Für mich ist das Niederlegen der Rosen am Unfallort sehr wichtig. Es ist ein Schritt, die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Da ich die Vergangenheit nun endlich verstehen kann, rückt die Chance, damit abzuschließen, jeden Tag ein Stückchen näher. Ich bin froh, dass ich mich endlich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt habe. Nun bin ich nicht mehr das Opfer dieser tragischen Geschichte. Ich habe die Verantwortung übernommen, mich der Vergangenheit gestellt. Es ist gut, nicht mehr länger an dieser tragischen Geschichte festzuhalten. Das würde für mich nur bedeuten, dass ich den Schmerz bewahre, mir weiter ständig Fragen stelle und mir jede Chance auf ein glückliches Leben – eine glückliche Zukunft, verbauen würde. Meine Zukunft, die habe ich jetzt wieder in der Hand.  Ich habe mich vom Ballast der Vergangenheit befreit und damit Platz für Neues geschaffen. Dafür kann ich nun endlich wieder offen sein.
So wie es aussieht, habe ich in den nächsten Wochen noch eine Menge Aufregung vor mir. Ach ja, das Treffen mit Herrn Geling von der Zeitung findet am 7.Oktober statt. Auf Opas Geburtstag. Ich sehe all diesen Treffen positiv entgegen. Ich weiß, dass ich genug Lebenskraft habe, sie durchzustehen. Ich weiß, dass all diese Begegnungen mir helfen werden, neue Lebenskraft zu schöpfen. Am meisten freue ich mich über die E-Mail von Marcus. Endlich ist der Tag gekommen, an dem wir uns wiederhaben. Mein größter Herzenswunsch wird  in Erfüllung gehen. Dankeschön! Dankeschön! Dankeschön!


E-Mails vom 16.September 2009:

Hi Du,
Habe gerade Deine neuesten Zeilen gelesen.
Ich freue mich für Dich und drücke Dir ganz fest die Daumen, dass alles super läuft. ;)
Wir werden alles schaffen, was wir wollen. Weil wir anders sind, als die anderen. Wir reden nicht nur, wir packen es an.
Lg
Ronny


Liebe Iris,
Ich sehe, dass es jetzt 22.48 Uhr ist und dass ich offensichtlich nicht aufhören konnte mit dem Lesen deiner Geschichte.  War heute in Bochum in der Groenemeier Klinik (hin und zurück) und also erst um ungefähr 7 Uhr zuhause. (ganz nah zu dir offensichtlich). Habe gleich meine (und damit deine) E-Mails gelesen. Es gibt jetzt noch ungefähr etwa 10 Seiten die ich noch nicht gelesen habe, aber das kommt noch. Wollte dir aber unbedingt heute Abend noch etwas schreiben. 
Unwahrscheinlich dass du alles so gut verwerten kann aber furchtbar was dir alles passiert ist,
3 Kleine Kinder, was muss das auch für die Großeltern gewesen sein. Keine Schwiegertochter mehr und auch dein Vater in diesen Umständen. Ich kann mich vorstellen dass du das als Kind weggedrückt hat. Wahrscheinlich die einzige Weise um das zu überstehen. Das ist eine Selbstprotektion gewesen die du aber später bezahlen musstest. 
Da kann man sich doch sehr irren in jemand. Vom dem Moment dass du hier gekommen bist,  habe ich dich immer betrachtet als eine sehr liebe und glückliche Frau. Das Liebe stimmt noch immer aber in dem glücklichen habe ich mich sehr geirrt. Du hast immer so strahlend (und noch immer) ausgesehen mit so einem positiven Blick im Auge dass das mir jedes Mal wenn du hier warst wieder traf. 
Auch wenn du mir über deine Resultaten mit dem Studium geschrieben habe und ich schon dachte: Sie hat es nicht leicht, hatte ich doch keine Ahnung.( Ich hatte bestimmt nicht die Idee das du eine geschossene Frau was aber ziemlich offen).
Wenn du dann hier in Wijk aan Zee warst, waren ich doch wieder beruhigt weil du so fröhlich warst und ich nicht neugierig genug um weiter zu fragen. 
Na so sieht man: Bücher von anderen sind schwierig zu lesen.
Dein Buch jetzt aber ist beeindruckend und ich hoffe dass viel für dich jetzt klar geworden ist und dass du viel Energie hat um von der Zukunft zu genießen. Du verdient es. Ich werde es gerne noch lange bei dir sehen. Du bist eine sehr schöne junge Frau mit einer besonderen Ausstrahlung, die das Herz auf dem meist perfekten Platz hat. Ich wünsche dir viel Liebe in welcher Form dann auch.
Ein "dikke kus" und liebe Grüße
Willemien de Haas

P.S. Ich muss noch sagen dass der Form vom Buch mit der Kombination von Dokumenten und Berichten und eigenen Gedanken und Gefühl sehr spezial ist und prächtig. Es liest sich als ob du jeden Tag mit den Lesern redest.
Ich hoffe dass mein Deutsch ein bisschen gut angebt was ich dir sagen wollte weil es natürlich doch eine andere Sprache für mich ist und wahrscheinlich etwas verliert von das(dem) was ich schreiben wollte.
Jetzt gute Nacht schlafe wohl
danke für das Senden


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