Freitag,
18. September 2009:
Ich habe heute eine sehr, sehr liebe E-Mail aus
Holland gelesen. Willemien hatte diese E-Mail am Mittwochabend geschrieben,
doch ich habe heute erst den Computer angeschmissen, weil ich auf Anjas
Nachricht wegen der Klinik gespannt war.
Willemien ist die gute Seele der Pension, in der wir immer unterkommen.
Ich fühle mich, wie gesagt, immer sehr wohl in Wijk. Vor allem bei Willemien
und Ede. Vom ersten Mal an waren wir direkt auf einer Wellenlänge. Es freut
mich sehr, dass sie so warme Worte für mich gefunden hat.
Marcus hat sich auch noch einmal gemeldet.
Er freut sich auch auf das Treffen. Am Mittwoch um 17.30 Uhr ist es soweit.
Mann! Bin ich jetzt aufgeregt. Ich könnte jetzt so feiern gehen. Doch leider
muss ich morgen arbeiten. So viele schöne Nachrichten. Ich kann das alles noch
gar nicht glauben! Die letzten Wochen sind definitiv die glücklichsten Wochen
in meinem Leben. Ich hatte schon fast vergessen wie es ist, so glücklich zu
sein. Danke, dass ich das erleben darf! Wie heißt es so schön in dem Song? „So
soll es sein, so kann es bleiben, so hab ich es mir gewünscht…“ Ich könnte
heulen vor Glück!!! Danke!!!
Was
ich Dir liebe Anja schon immer sagen wollte:
Ich bin stolz auf Dich, wie Du Dich um
Jimmy kümmerst. Trotz Allem Deinen Job machst. Ich schätze an Dir vor allem
Deine Geduld, Deine Liebe, die Du Deinen Kindern und uns allen gibst. Das Du
trotz der schwierigen Situation für mich da bist, wenn ich Dich brauche. Ich
finde es toll, dass Du Dich mit mir freuen und mit mir weinen kannst. Auch wenn
wir in vielen Dingen sehr verschieden sind, hat uns unser Schicksal
zusammengeschweißt, und wir lassen Nichts aufeinander kommen. Dafür möchte ich
Dir danken. Einen dicken Kuss und eine herzliche Umarmung von Deiner „kleinen“
großen Schwester. Es ist schön, liebe Anja, dass es Dich gibt. Mach weiter so!
Wenn Du mich brauchst, werde ich auch immer für Dich da sein. Versprochen!
Sonntag,
20. September 2009:
Es ist kurz vor neun. Ich bin gerade wach
geworden. Da höre ich auch schon die Weckmelodie von meinem Handy. Ich hatte
mir gestern Abend für den Fall der Fälle das Handy zum Wecken gestellt, damit
ich nicht zu lange schlafe. Bevor ich mich mit Reinhard und dem Sohn des
Zugführers M. treffe, wollte ich noch in Ruhe frühstücken, das Nötigste in
meiner Wohnung erledigen und nach Langem mal wieder unter die Sonnenbank gehen.
Die Sonne scheint. Kathi und Charly, meine
Katzen, liegen neben mir, schnurren und zwinkern mir zu. Es ist immer noch da.
Das Gefühl. Ich fühle, dass ich glücklich und zufrieden bin. Das freut mich
sehr. Ich bin entspannt, ich habe gut geschlafen und freue mich auf das
Treffen. Die Angst, auf M. zu treffen, ist völlig weg. Ich stehe auf. Ich
genieße mein Frühstück. Dann mache ich „Kölsche Wisch“ in meiner Wohnung und
beschließe, zum Sonnenstudio in die Stadt zu laufen. Es sind ca. fünf
Kilometer. Doch ich will raus. Das schöne Wetter genießen. Die letzten warmen
Sonnenstrahlen für dieses Jahr.
Kurz bevor ich am Sonnenstudio ankomme,
laufe ich an dem Treffpunkt vorbei, an dem ich mich am Mittwoch mit Marcus
treffen werde. Ich schaue auf den Brunnen, an dem wir verabredet sind und
lächele. Ich freue mich so sehr auf das Wiedersehen. So sehr.
Ich weiß nicht warum, aber da kam mir der
Gedanke, ob ich nach diesem Treffen vielleicht wieder offen sein werde für eine
Beziehung. Ich denke, dass auch die Trennung von meinem Bruder eine Rolle
spielt, warum ich immer wieder diese Bindungsangst und diese Verlustangst spüre. Was meine Eltern
angeht, verstehe ich nun was damals passiert ist. Und ich weiß auch, dass ich
in der Lage bin, auch solch einen Schicksalsschlag zu meistern. Ich muss mich
ja nicht auch noch selber strafen, indem ich meine, dass ich besser alleine
lebe, obwohl ich es seit Jahren ja noch nicht einmal versucht habe. Es muss ja
nicht gleich eine Beziehung in einer gemeinsamen Wohnung und mit Hochzeit sein.
Ich kann es ja langsam angehen lassen.
Was Marcus betrifft, weiß ich jetzt auch,
dass ich den ersten Schritt machen kann, auch wenn es schwer fällt, und dass es
immer eine zweite Chance gibt. Es liegt an einem selber, ob man sie nutzt oder
nicht. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass nach diesem Treffen vieles anders
wird.
Kaum hatte ich diese Gedanken zu Ende
gedacht, schaue ich auf den Boden und vor mir liegt ein Ring. Ein goldener Ring
mit einem kleinen Straßsteinchen. Nichts Besonderes, aber ein Ring. Dieser Ring
passt auch noch auf meinen Ringfinger. Ein Zeichen?
Wieder zu Hause angekommen, mache ich eine
Runde Gymnastik, ziehe mich um und esse eine Kleinigkeit. Ich bin gerade fertig,
da klingelt mein Handy. Es ist Reinhard. Er steht im Stau und braucht noch ein
Weilchen. Eine gute halbe Stunde später ist er da und wir fahren gemeinsam nach
Dahlhausen ins Eisenbahnmuseum, um dort M. zu treffen.
Um halb drei sind wir da. M. wartet schon
auf uns. Reinhard hat ihn aus der Ferne entdeckt. Ich wundere mich darüber,
dass ich immer noch so ruhig bin. Vor ein paar Wochen noch konnte ich M. noch
nicht einmal anrufen. Nun soll ich ihm gleich gegenüber stehen.
Dann sieht M. uns auch und kommt uns
entgegen. Wir begrüßen uns und einigen uns direkt aufs „DU“, da wir uns gleich
sympathisch sind. Außerdem macht es die ganze Sache leichter. Ich überreiche M.
den Umschlag mit den Kopien von den Zeitungsartikeln über den Unfall und wir
drei beschließen, uns erst einmal etwas umzusehen. Es ist richtig was los.
Viele Menschen. Kinder, die herumalbern.
Eine Dampflok fährt durch das Museum. Es riecht nach Gegrilltem. Die
Sonne scheint. Ein alter Schienenbus steht auf den Gleisen. Viele alte
Dampfloks. Und wir mittendrin. Eine sehr entspannte Atmosphäre und trotzdem
passt dieser Ort hervorragend für unser Treffen.
Wir plaudern. Wir haben Spaß. Dann zeigt
uns Reinhard das Museum. Reinhard kann sehr gut erklären und ich höre ihm sehr
gerne dabei zu. Dann treffen wir auf eine Dampflok. Eine Dampflok aus der
Baureihe 044 wie sie damals beim Zugunglück im Wege stand. Wir stehen direkt
vor ihr. Ich kann sie berühren. Sie ist ein richtig „altes Schätzchen.“.
Wunderschön anzusehen. Solch eine Dampflok hat etwas Nostalgisches. Ich berühre
sie. In diesem Moment ist es mir klar. Ich habe verstanden und verziehen. Es
gibt keine Vorwürfe. Ich bin bereit, mit diesem Schicksal abzuschließen.
Reinhard erklärt uns diese Dampflok. Nun kann ich noch besser verstehen, warum
der Lokführer und der Heizer dieser Dampflok keine Chance hatten, diesen Unfall
zu verhindern Sie konnten nur
abspringen. Sich selber retten.
Kurz darauf treffen wir den damaligen
Lokdienstleiter. Ein guter Bekannter
von Reinhard. Dieser Mann sah damals „seine“ Lok in den Nachrichten auf den Gleisen liegen. Er erkannte sie an der
Baureihennummer 044-405. Sofort eilte er zum Telefon, weil er wissen wollte,
was mit dem Lokführer und dem Heizer passiert sei. Doch leider konnte man ihm
keine Auskunft geben. Er telefonierte sich bis nach Marl-Sinsen durch. Bis
wenig später der Vater des Heizers anrief und fragte, was mit seinem Sohn
geschehen sei. Er liegt total verschmutzt und verwirrt im Bett.
Es ist immer wieder erstaunlich, wenn mir
Menschen ihre Geschichte zum Unglück erzählen ist es, als sei es gestern erst
geschehen.
Natürlich habe ich auch mit M. über das
Unglück gesprochen. Auch er macht niemandem einen Vorwurf. Er ist auf der Suche
nach Informationen, da er nicht genau weiß, was damals geschah. Wir wollen uns
auf alle Fälle noch einmal treffen und mehr über unser gemeinsames Schicksal
reden. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja auch mal seine Mutter. Jetzt wo ich
ihn kenne, werde ich ihm natürlich auch anbieten, mein Buch zu lesen. Ich
wollte erst einmal warten. Ihn kennenlernen und nicht gleich mit der Tür ins
Haus fallen. In unseren Gesprächen heute wirkt er auf mich sehr ruhig und vor
allem sehr verständnisvoll. Ich finde es toll, dass er auch nicht mit seinem
Schicksal hadert, sondern es annimmt und es zu verstehen versucht. Wir sind
beide der Meinung, dass es eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände war.
Wir haben uns alle drei gefragt, wie es wohl dem Weichensteller gehen mag. Er
hat unser volles Mitgefühl. Keine Vorwürfe. In keiner Weise. Vielleicht haben
wir ja mal die Gelegenheit, ihm das persönlich zu sagen.
Das Treffen im Museum geht zu Ende. Es war
ein sehr lehrreicher Tag. Reinhard konnte M. und mir viel über diese Dampflok
erklären. Ich habe einen Menschen kennengelernt, der ein ähnliches Schicksal erfahren hat wie ich. Ich
habe Reinhard wiedergesehen. Bei ihm ist es, als würden wir uns schon Jahre
kennen. Es macht, auch wenn es ein ernstes Thema ist, sehr viel Spaß, mit ihm
zu plaudern, zu lachen, und er hat mir schon eine Menge erklärt. Durch ihn habe
ich interessante Kontakte erfahren. Danke lieber Reinhard. Es ist schön, dass
Du auf meinen Artikel damals geantwortet hast. Das macht alles ein Stückchen
leichter für mich.
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