Mittwoch,
10.Juni 2009:
Heute hat Marcus Geburtstag. In Gedanken
bin ich heute bei ihm. Ich habe ihm eine Karte geschickt. Ich hoffe, diese
Karte ist heute pünktlich zum Geburtstag angekommen. Ich denke, er wird sich in
den nächsten Tagen bei mir melden.
Anrufen traue ich mich noch nicht. Aber
auch das wird die Zeit mit sich bringen. Vielleicht liegt es ja auch nur daran,
dass ich grundsätzlich nicht gerne telefoniere.
E-Mail
vom 12.06.2009:
Hallo Iris,
vielen Dank für die Zusendung Deines Buches. Habe die ersten 10-12
Seiten gelesen...es ist sehr gut geschrieben - allerdings mach ich jetzt erst
mal eine Pause...glaube, das Buch kann man nur in Etappen lesen. Es nimmt mich
zu sehr mit, obwohl ich Deine Eltern ja gar nicht kannte.
Hoffe es geht Dir gut und Du hast alles gut verkraftet. Drück Dich ganz
doll und schick Dir einen dicken Knutscher
Liebe Grüße Tom
Viele Freunde und Bekannte die dieses Buch
mit begleiten, fragen mich immer wieder, ist das alles wahr? Hast Du das
erfunden? Hast Du aber eine Fantasie! Ich schwöre bei meinem Leben, bei allem
was mir lieb und teuer ist. Es ist alles wahr! Alles! Ich werde nichts in
diesem Buch niederschreiben, was nicht der Wahrheit entspricht. Allerdings
kommt es mir zum Teil selber unheimlich vor. Auf dem Wohnzimmertisch liegt
gerade ein Buch, welches ich gerade lese. Es heißt: „ Freu Dich des Lebens“ von
Dale Carnegie. Als ich vorhin auf das Buch schaute, musste ich irgendwie
schmunzeln. Da ich in den letzten Jahren gelernt habe, allem etwas Positives
abzugewinnen, egal was passiert. Aber auch, weil es mir immer schwerer fällt,
meine Mitmenschen zu verstehen. Ich
möchte nicht anmaßend sein, um Gottes Willen, das steht mir nicht zu, aber:
Sorry, ich habe nur hin und wieder Probleme damit, über was manche Menschen
jammern und lästern können. Diese Kluft wird immer größer, und leider passiert
es immer häufiger. Ich hoffe, wenn ich erst mal alles richtig verdaut habe,
kann ich auch gelassener damit umgehen.
Toleranter werden. Die Menschen so nehmen wie sie sind. Mein Leben ist halt
komplett anders und ich bin es ein Stück weit auch. Ich werde es im positiven
Sinne nutzen. Doch dazu muss ich selber erst mal alles ordnen und verarbeiten. Das braucht noch Zeit.
Durch Reinhard P. habe ich Kontakt zu dem
Sohn eines Zugführers, der ums Leben kam, aufnehmen können. Wir werden uns auf
alle Fälle mal treffen. Ihm geht es wie mir bis vor einem halben Jahr. Er weiß
kaum etwas von dem Unglück damals. Ich werde ihm bei seiner Reise in die
Vergangenheit helfen, und seiner Mutter auch. Es wird erst einmal schmerzhaft,
doch dann wird es die Beiden befreien. Und sie können endgültig mit der
Vergangenheit abschließen. Solch ein Schicksal verbindet. Ich werde alles tun um
diesem Sohn zu helfen. Er ist nur ein Jahr jünger als ich. Zurzeit ist er in
psychologischer Behandlung. "Die
Wurzeln liegen möglicherweise auch bei dem „Unglückstag“. Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass ich das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt schreibe. Und es gibt immer mehr Menschen, denen ich bereits ein bisschen geholfen habe. Ich bin fast ein wenig stolz auf mich…
Wurzeln liegen möglicherweise auch bei dem „Unglückstag“. Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass ich das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt schreibe. Und es gibt immer mehr Menschen, denen ich bereits ein bisschen geholfen habe. Ich bin fast ein wenig stolz auf mich…
Ein
paar Stunden später:
Ich hätte niemals gedacht, dass ich während
meiner Recherchen noch einmal so einen Rückschlag erleide. Nachdem Anja da war,
habe ich mich endlich an die Kiste mit den alten Briefen von Oma und Opa
getraut. Als hätte ich es geahnt, dass in dieser Kiste ein böses Geheimnis
schlummert. Wie gesagt, ich möchte gar nicht wissen, was wir als Kinder im
Unterbewusstsein doch alles so mitbekommen haben. Es ist erschreckend, was Oma
und Opa erleiden mussten. Was mein Papa erleiden musste.
Endlich verstehe ich die tiefe Traurigkeit
von Oma. Diese traurige Stimmung, die immer wieder zu Hause herrschte.
Phasenweise Opas Aggressivität. Dieses Schweigen.
Ich habe alte Briefe gefunden, die mein
Papa an Oma und Opa geschrieben hat. Er war ihr einziger Sohn. Bevor er zur
Welt kam, erlitt Oma eine Fehlgeburt.
Ich verstehe auch, warum sich meine andere
Oma zurückgezogen hat. Warum der Bruder meiner Mutter, mein Onkel, später zu
Gewalt neigte. Diese Geschichte ist weitaus tragischer als ich bis heute Mittag
dachte. Aber ich kann das Schweigen, die Geheimnisse und den großen Kummer auch
immer besser verstehen.
In einem Brief vom 15.03.1983 schrieb er an
Oma. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie sich von Papa zurückgezogen. Oma war
wohl, so wie Papa schrieb, auch sehr krank in dieser Zeit. Papa bettelt
förmlich um ihre Liebe. Es schmerzt sehr diesen Brief zu lesen.
Am 10.04.1991 schrieb mein Papa meinen
Großeltern einen Brief. In diesem Brief steht, dass es große Probleme bei dem
Schadensersatz der Bundesbahn gegeben hat. Er schreibt auch, dass er nach dem
Unglück über zwei Jahre auf Krücken lief. Er hatte ein handtellergroßes Loch im
Fuß, das nicht zuheilen wollte. Er war 60% schwerbehindert auf Lebenszeit.
Papa war vom April 1976 bis 1978 im
Gefängnis weil er den Hauptbahnhof von Essen in die Luft sprengen wollte. In
dieser Zeit hatte er ein halbes Jahr Bettruhe verordnet bekommen. Nur so hatte
der Fuß eine Chance zumindest zuzuheilen. 1980 wurde er in der Psychiatrie
Eikelborn zweimal am Oberbauch operiert. Alte Verletzungen vom Zugunglück
quälten ihn. Laut seines Briefes lagen der Bundesbahn mehrere Gutachten vor,
doch es gab angeblich kein Schmerzensgeld. Ich denke, er hatte keinen Anspruch
mehr auf das Geld, da er die Sache in Essen vorhatte.
Papa hatte nie den Tod meiner Mutter
überwunden. Sich ewig mit seinen schweren Verletzungen herumgequält. Nachdem er
ins Gefängnis kam, hatten Oma und Opa Abstand von ihm genommen. Er hat nie mehr
seine Kinder gesehen. Und ob all das nicht genug sei, verfiel mein armer Papa
auch noch der Alkoholsucht. Er hatte zwei mal versucht, sich umzubringen. Er
hatte Geldsorgen, da er, aus welchen Gründen auch immer, keine Rente bekam. Er
hatte noch immer unerträgliche Schmerzen.
Ich kann mich erinnern, dass Oma und Opa in
den Neunzigern regelmäßig nach Viersen gefahren sind. Doch sie haben nie viel
darüber gesprochen. Ich war nur einmal dort. Zu Papas Beerdigung. Mit Opa
zusammen, gute zwei Wochen nach Omas Tod. Papa und ich hatten die letzten
Monate in seinem Leben Briefkontakt. Er schrieb unter dem Namen Maria. Ich
hatte Opa gerade langsam darauf vorbereitet, dass ich einmal mit ihm zusammen
Papa besuchen wollte, da war es leider zu spät. Papa war gestorben. All das
wird mir jetzt erst wieder bewusst, wie sehr ich damals darunter gelitten habe.
Ich hatte es verdrängt. Da sieht man mal wieder, wie wichtig es im Leben ist, nichts
aufzuschieben. Sondern an das, was man tun will, ran zugehen. Sonst ist es
irgendwann für immer zu spät.
Auch zwischen der Mutter meiner Mama und
Oma und Opa bestand eine Zeit lang Briefkontakt. Eine Familienangehörige von
Mamas Seite, eine Claudia, wurde überfahren und war gleich tot. Die Tochter
meiner Tante Monika ist im Alter von
3 Monaten gestorben. All das war ziemlich
zeitnah. Meine andere Oma hatte sehr großen Kummer, genauso meine Tante Monika,
Mamas Schwester. Wie viel Leid kann eine Familie ertragen? Ich kann mir beim besten
Willen nicht vorstellen, dass ich von all dem gar nichts mitbekommen haben
soll. Kinder spüren es, wenn ihre
Eltern, oder in unserem Fall die Großeltern, Kummer haben. Dann noch die
Trennung von unserem Bruder Marcus.
Nun brauche ich Ruhe. Mir ist kalt. Es
kribbelt im ganzen Körper. Ich bin geschockt. Tausend Gedanken kreisen in
meinem Kopf. Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich kann kaum schlucken. Ein
Drücken in der Magengegend.. Das muss ich erst mal verdauen.
Und trotzdem bin ich froh, dass ich nun
endlich die Wahrheit kenne. Wer hätte gedacht, dass ein Tag so ein Dilemma
hinterlassen kann. Und das ist nur die Geschichte einer Familie.
Die anderen Briefe werde ich später lesen.
Mit Anja zusammen.
Ich möchte nur eines noch kurz sagen: Oma
und Opa, ich liebe Euch nach wie vor. Vielleicht kann ich Euch ja jetzt ein
klein wenig von der Last und dem Kummer befreien, den Ihr Jahrzehnte mit Euch
herumgetragen habt. Ich kann Euch nun besser verstehen. Euer Schweigen - Euren
Kummer. Danke, dass Anja und ich trotz allem bei Euch eine schöne Kindheit
hatten. Vielen herzlichen Dank.
Und es tut mir unendlich leid Papa, dass
wir und nie mehr gesehen haben. All die Schmerzen und den Kummer den Du
ertragen musstest. Ich wünsche Dir, dass Du da, wo Du jetzt bist, wieder bei
unserer Mama sein kannst. Und mit Oma und Opa wieder im Guten zusammen bist.
Ich liebe Euch alle. Ich denke oft an Euch. Friede sei mit Euch. Heilung für
unsere Familie.
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