Mittwoch, 17.Juni 2009:

Die Geschichte mit meinem Vater muss ich noch verdauen. Das macht mich echt nachdenklich. Seit Sonntag tauchen immer wieder Situationen aus meiner Kindheit auf, die ich längst vergessen hatte. Oder es zumindest glaubte. Es fühlt sich an, als wäre ein riesiger Knoten gelöst. Ich verstehe zum Beispiel warum Opa phasenweise so angespannt war. Total schnell die Geduld verlor. Manchmal sogar aggressiv wurde. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der Oma und Opa fast jeden Abend, wenn wir bereits im Bett waren, heftig diskutierten und  stritten. Ich dachte mir damals: „Ich heirate nie! Wenn das so stressig ist, will ich das nicht.“ Gepaart mit der Verlustangst und dem Freiheitsdrang ist mein Leben auch tatsächlich so verlaufen.
Ich habe heute ein Bild von Papa herausgesucht. Nun hängt er neben Oma und Opa. Meine Mama kommt auch noch dazu. Ich werde die Tage mal ein schönes Bild von ihr heraussuchen. Allerdings ist es ein komisches Gefühl, wenn ich von meiner Mama Bilder sehe. Mama ist so viel jünger als ich es jetzt bin. Eigentlich ist das doch immer umgekehrt. 


Donnerstag, 18.Juni 2009:

Heute ging es mir gar nicht gut. Ich habe mich den ganzen Tag so dahingeschleppt. Alles ist anstrengend. Ich bin müde, total erschöpft. Meine Gedanken landen immer wieder bei Papa.
Erst heute spüre ich, wie viel Kraft mich diese Geschichte mit Papa kostet. Ich spüre eine tiefe Traurigkeit. Trotzdem sehe ich das als gutes Zeichen. Für mich ist es ein Signal, dass diese schreckliche Wahrheit in meinem Unterbewusstsein angekommen ist. Ich verarbeite. Ich trauere. Ich friere. Ich bin total müde. Ich werde heute früh schlafen gehen. Ich hoffe, dass es morgen ein bisschen besser geht. Ich möchte noch einmal erwähnen, dass ich niemandem einen Vorwurf mache. Meinem Papa nicht. Und auch meinen Großeltern nicht. Ich kann jetzt besser verstehen. Besser begreifen. Das ist das Wichtigste. Alles wird gut.


Freitag, 19.Juni 2009:

Heute ging es mir ein klein wenig besser. Ich habe immer wieder an Papa gedacht.

Eine E-Mail von meinem Freund Ronny. Wir kennen uns schon seit elf Jahren und ich möchte ihn als guten Freund nicht mehr missen.

Hi Iris,
ich habe mir gerade die Zeit genommen, Dein Buch weiter zu lesen.
Oh mann, da bekommt man echt einen Kloß im Hals.
Vor allen, da ich ja Dich und auch Dein Verhalten schon gut kannte, zu dem Zeitpunkt, wo Deine Großeltern und Dein Papa starben.
.........ich kann mich noch erinnern, wie wir Deinem Opa eine neue Matratze und Unterfederung brachten.......
mit einer gewissen Faszination lese ich auch über die Vergangenheit Deines Vaters............da fehlen die Worte.......aber ich kann auch verstehen, dass man durchdreht, wenn man so seine Familie verlor. Und er verlor ja auch nicht nur seine Frau bei diesen Unglück, sondern indirekt seine ganze Familie, dadurch, dass er auch seine Kinder etc nie mehr zu Gesicht bekam.......das ist sehr beklemmend......
Ich bin positiv überrascht, wie gut Du mit Deinen Recherchen vorankommst. Und ich bin neugierig, wie Du weiterkommst. Ich freue mich schon auf die nächsten Zeilen.
Bis dann.
Liebe Grüße
Dein Freund Ronny



Samstag, 20.Juni 2009:

Heute ging es mir wieder ein bisschen besser. Zumindest kann ich wieder klar denken. Ich habe heute einen Brief erhalten, von Reinhard. Ich habe ihn durch den Zeitungsartikel kennengelernt und schon sehr lieb gewonnen. Ich hatte ihn Anfang der Woche gebeten, etwas über den versuchten Anschlags meines Papas herauszufinden.


Liebe Iris,
Ich bin kein Schriftsteller oder Buchschreiber doch gerne will ich Deinem Wunsch entsprechen und Dir ein paar Zeilen schreiben.
Mit 6 Jahren schon wollte ich Lokführer werden was nicht heißt, dass ich nicht zwischendurch auch mal  Tankwart, Schornsteinfeger oder Pilot werden wollte, aber Lokführer, das war doch wohl an erster Stelle. Und so fing ich 1968 eine Lehre als Maschinenschlosser  beim Bahnbetriebswerk in Oberhausen Osterfeld an. Gleich im Anschluss  begann die 2einhalbjährige Ausbildung zum Lokführer.

Warum erzähle ich das?  Ganz einfach, wenn ich z.B. Tankwart oder auch was Anderes geworden wäre, hätte ich mit Sicherheit auf den Artikel in der Zeitung (Hertener Allgemeine) NICHT reagiert und wir würden uns somit auch bis heute nicht kennen.  Aber so fühle ich mich als Mensch und Eisenbahner  sofort verpflichtet und gedrängt, soweit es mir möglich sein wird, dir zu helfen. Das begann dann mit einem Anruf, die Telefonnummer hatte ich übers Internet ermittelt, bei dem ich auch ein wenig aufgeregt war. Es meldete sich aber nur der AB, so kannte ich schon mal Deine Stimme. Beim nächsten Anruf klappte es dann und ich war überrascht, wie aufgeschlossen kooperativ  du meinen Vorschlägen und Anregungen  gegenüber warst,  was man alles machen könnte.
In der folgenden Zeit beschäftigte mich der Unfall sehr, auch weil ich seinerzeit  in der Lokführerausbildung war. Am 05.10.1973 hatte ich im Rahmen der Ausbildung  auf einer kleinen Rg.-Lok Rangierdienst in Duisburg Ruhrort Hafen im Frühdienst. In einer Rangierpause erfuhr ich übers Radio vom Zugunglück in Marl Sinsen. Das ist auf jeden Fall erst mal keine gute Nachricht für einen werdenden Lokführer. Da der Unglücksort nur ein paar km von meinem Wohnort entfernt ist, fuhr ich am Nachmittag nach Marl um mal zu schauen, konnte aber nur die Dampflok auf der Brücke liegend sehen. Da die Gegend um die Unfallstelle großräumig abgesperrt war, bin ich gleich wieder nach Hause gefahren. Na ja, und im nach hinein erhielt man dann auch Informationen, von Kollege zu Kollege, unter anderem auch die vom Udo, der ja ein Lehrjahr vor mir war und als Heizer auf der Dampflok Dienst hatte. Mit  Lokf.   Michael S. war ich als Heizer auch einmal eine Schicht zusammen, es fehlt aber jede Erinnerung an ihn.
Na ja , und da ist auch noch Michael, mein Arbeitskollege, dessen  Vater als Zugführer auf dem Eilgüterzug  Dienst hatte, der aus Richtung Wanne – Eickel kam und  in die Trümmer raste, wobei er und der Lokführer (Lok 140 196) ihr Leben lassen mussten. Mit dieser Lok bin ich später gerne gefahren denn sie wurde, als „ alte Lok“ nach neuesten technischen Erkenntnissen wiederhergestellt, in Dienst gestellt, habe aber dabei nie bedacht warum das so war. Und wie oft ich selbst mit 100 km/h  einem Güterzug durch Marl Sinsen gefahren habe ohne noch an das Unglück zu denken, ich weiß es nicht, ich denke aber, heute wäre das Gefühl ein anderes.
Am Sonntagabend hatte ich noch Deine Mails gesichtet und bei einem, das ohne Betreff, war ich recht stutzig!?! Ich musste den einen Satz erst ein paar mal lesen um zu verstehen, was gemeint ist. Dazu jetzt meine Meinung. Sollte es tatsächlich so gewesen sein,  würde ich gerne dazu keine Recherchen durchführen wollen.  Aus Achtung vor Deinem Papa der ja auch nur versucht hat, das Erlebte irgendwie zu verarbeiten. Man muss seine Situation sehen die keinesfalls solch ein Vorhaben rechtfertigen würde, dennoch, mhhhh, wie soll ich es sagen, lassen wir den tödlich Verunglückten in Würde Ihre letzte Ruhe, ohne noch Ungutes über sie herauszufinden und zu offenbaren.   Ich denke, das macht man nicht!
So, nun ist es genug. Auf jeden Fall freue ich mich auf die nächsten Begegnungen, Telefonate? , Mails oder wie auch immer, eben alles was Dir Freude macht und gut tut.
Mit vielen schönen Grüßen für Dich, und unbekannterweise auch an Deine Schwester mit Sohn und Deinen Bruder. ;-) Reinhard…im Juni 2009


Hallo lieber Reinhard,
danke für Deinen lieben Brief. Es hat zwar gedauert, weil meine alte Kiste ihn nicht öffnen konnte, doch nun ist er da. Sehr schön.
Zum Schluss des Briefes hast Du Recht. Im ersten Moment hat mich das so sehr erschüttert. Ich wollte nur wissen, ob es wirklich geschah. Du hast Recht, ich sollte nicht so etwas Ungutes offenbaren. Das Wichtigste weiß ich jetzt, und die Verunglückten sollten in Würde ihre letzte Ruhe finden. Im ersten Moment konnte ich nicht mehr klar denken. Es ist am Sonntag so über mich hereingebrochen. Jetzt, eine Woche später, denke ich auch anders darüber. Danke für Deine offenen Worte lieber Reinhard. Vielen Dank.
Ich freue mich auch auf unsere nächstes Treffen, unser Telefonat, unsere E-Mails, oder was auch immer. Schön, dass ich Dich kennengelernt habe.
Viel gute Laune (hab ich von Dir, das gefällt mir) wünscht Dir Iris.


Wie gesagt. Ich werde die Geschichte auf sich beruhen lassen. Ich war am Sonntag nur so entsetzt. Ich konnte tagelang diesbezüglich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es ist ja auch Wahnsinn, was ich im letzten halben Jahr alles herausgefunden habe. Ich war der festen Überzeugung, das Schlimmste und Traurigste wüsste ich nun. Das wäre der Unfall. Die Krankheit meines Papas.  Ich wusste nicht, dass es noch ein tragisches Familiengeheimnis gibt. Wie verzweifelt muss man sein, wenn man eine solche Tat plant. Mein armer Papa. Aber nun soll endlich gut sein. Verzeih mir Papa, dass ich für ein paar Tage den Gedanken hatte, in dieser Sache noch mehr herauszufinden und es niederzuschreiben. Verzeih mir bitte.
Friede sei mit Dir. Verzeih mir bitte.




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