Mittwoch, 23. September 2009:

Es ist halb Neun morgens. Der Wecker klingelt. Ich bin sofort wach und meine ersten Gedanken sind bei meinem Bruder Marcus. Heute ist der Tag! Ich werde ihn nach so langer Zeit wiedersehen. Ich bin schrecklich aufgeregt und nervös. Ich freue mich so.
Ich stehe auf. Ziehe mich an. Frühstücke. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Putzjob. Das ist gut. Dann bin ich abgelenkt. Außerdem sehe ich dann meine Freundin Jutta bevor das Treffen stattfindet. Meine Gedanken gehen immer wieder und immer wieder zu meinem Bruder. Ich hoffe so sehr, dass wir uns verstehen werden. Dass es ein Anfang von einer schönen familiären Beziehung wird. Das wird seine Zeit brauchen. Wir sind uns ja quasi fremd. Aber, der erste Schritt ist getan. Und wenn die Chemie stimmt, dann liegt es ja an uns.
Ich weiß nicht, wie Marcus denkt und fühlt. Da man nicht weiß, was in Zukunft für äußere Umstände eintreten können, werde ich nicht erwarten, sondern hoffen. Ich kann von mir sagen, dass ich das Beste daraus machen werde. Langsam und behutsam eine Beziehung zu Marcus aufbauen werde, wenn er es auch möchte. Es ist einfach zu viel passiert, zu viel Zeit vergangen. Nun brauchen wir Zeit.

Die letzten Wochen beweisen mir, dass ich auf dem besten Wege bin, meinen persönlichen Wohlstand zu erreichen. Das Gefühl der Erfüllung wächst von Tag zu Tag in mir. Das fühlt sich gut an. Ich werde mit der Zeit ruhiger. Zufriedener. Ich bin wieder offen für schöne, neue Dinge in meinem Leben. Ich bin gelassener und rege mich nicht, wie früher, über Kleinigkeiten auf bzw. über Dinge, die ich eh nicht ändern kann. Ich kann wieder genießen. Meine Lebenseinstellung ist um ein Vielfaches positiver geworden. Kurz gesagt: ich bin glücklich.
Dann habe ich heute auch noch einen Glückscent gefunden. Ich werde diesen Cent gleich Marcus schenken. Immerhin habe ich in dem Moment, als ich ihn fand, an ihn gedacht.
Ich mache mich gleich auf den Weg. Wenn es nicht regnet, werde ich in die Stadt laufen. Dann habe ich noch ein wenig Zeit, mich auf das Treffen einzustimmen. Ich bin ja so nervös. Ich freue mich tierisch.
Danke an all die Lieben, die gleich in Gedanken bei mir sein werden.

Ein paar Stunden später…

Es ist kurz vor fünf. Ich bin total aufgeregt. Ich freue mich, aber ich habe auch ein wenig Angst vor dem Treffen. Ich schaue raus. Es fisselt. Es ist grau. Ich entschließe mich, trotz des Regens in die Stadt zu laufen. Ich ziehe meine Schuhe und meine Jacke an. Mein Puls rast. Ich zittere. Ich kann kaum schlucken. Wie wird er sein? Erkenne ich ihn? Kommt er überhaupt? Über was werden wir reden? Ob wir uns mögen? Fragen über Fragen, die mir durch den Kopf gehen. Bevor ich gehe, gebe ich meinen Katzen noch ein Leckerchen. Dann mache ich mich auf den Weg. Immer wieder gehen mir Fragen durch den Kopf. Obwohl ich gerade erst zur Toilette war, muss ich schon wieder. Es regnet ein wenig. Doch das stört mich nicht. Ich gehe schnurstracks zu unserem Treffpunkt. Ich laufe ungefähr 25 Minuten. Dann bin ich fast da. Der Puls schlägt mir bis zum Hals. Mir bleibt im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke weg. Ich kann kaum schlucken. Nun muss ich nur noch um die Ecke, dann bin ich da. Ob er schon wartet? Ich versuche ruhig zu bleiben. Es ist kurz vor halb sechs. Ich gehe um die Ecke. Ich sehe den Brunnen, an dem wir uns treffen wollten. Doch keiner steht dort und wartet. Marcus scheint noch nicht da zu sein. Ich atme einmal tief durch. Nun beginnen die längsten acht Minuten meines Lebens. Ich starre jeden Mann an, der dort alleine vorbeiläuft und frage mich: ist er das? Ich habe zwar ein Foto von ihm, aber in all der Aufregung. Und die erste persönliche Begegnung? Ich schaue immer wieder auf die Uhr. Ich bin mir sicher, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Doch irgendwie auch nicht. Ich freue mich. Ich habe Angst. Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. Es ist schon fünf nach halb sechs. Das Warten wird fast unerträglich. Doch dann steht Marcus auf einmal vor mir. Ich weiß noch nicht einmal aus welcher Richtung er kam. Auf einmal stand er vor mir! Strahlte mich an und fragt: “Iris?“  Das ist definitiv mein Bruder. Ich spüre sofort eine Nähe zu ihm. Etwas Vertrautes. Wir umarmten uns und man konnte förmlich die Erleichterung auf beiden Seiten spüren. Wie konnte ich nur so lange ohne meinen Bruder sein?
Wir entschließen uns erst einmal einen Kaffee zu trinken. Wir sind sofort auf einer Wellenlänge. Wir haben uns so viel zu erzählen. Es tut gut zu sehen, dass es Marcus gut geht.
Wir reden über unsere Kindheit. Über Erinnerungen. Über unsere Freude, uns wiederzusehen. Dann überreiche ich ihm den Glückscent, den ich morgens gefunden hatte. Ich hatte den Cent in einen kleinen, durchsichtigen Beutel gepackt. Dazu ein kleines Kärtchen, auf dem das Datum „23. September 2009“ und auf der anderen Seite  Für Marcus“ standen. Auf jede Seite des Kärtchens hatte ich einen kleinen Glückskäfer geklebt. Marcus freut sich so sehr.  Diesen freudigen Blick und diese herzliche Umarmung werde ich nie vergessen. Ich habe Tränen in den Augen und muss erst einmal schlucken. Mann – tut das gut!
Nach dem Kaffee laufen wir in die Altstadt. Es hat aufgehört zu regnen. Immer wieder umarmen und freuen wir uns. Ein unbeschreibliches Glück! Wir finden ein schnuckeliges Restaurant und essen dort. Wir erzählen, wir freuen uns. Es ist wunderbar! Nach dem Essen gehen wir noch ein wenig spazieren. Es ist ein sehr schöner Abend. Es ist immer noch trocken. Die Luft ist sehr angenehm zum Laufen. Ich hake mich bei ihm ein. Wir laufen. Wir reden. Wir lachen. Wie schade es doch ist, dass wir nicht zusammen aufwachsen konnten. Wir erzählen uns, wie unser Leben nach der Trennung verlaufen ist.
Persönliches über Marcus möchte ich an dieser Stelle noch nicht schreiben. Er weiß mittlerweile von diesem Buch, doch ich möchte nicht den Anschein wecken, dass ich mich nur auf die Suche nach ihm gemacht habe, weil ich dieses Buch schreibe. Außerdem ist es sein Privatleben, und ich will auf gar keinen Fall etwas über ihn schreiben, was er nicht will.
Das Wichtigste ist: Wir sind beide unendlich glücklich, dass wir uns wieder getroffen haben. Wir werden auf alle Fälle alle drei eine gemeinsame Zukunft als Geschwister haben. Wir sind uns einig, dass wir es langsam angehen lassen wollen. All das braucht seine Zeit. Man kann nicht mit einem Mal drei Jahrzehnte vergessen. Allerdings haben wir genug unter der Trennung gelitten. Nun ist es Zeit für eine gemeinsame Zukunft. Ich freue mich darauf. Anja und Marcus auch. Das ist das Schönste, was mir in meinem Leben passiert ist. Es erfüllt mich mit großer Freude. So groß, dass ich es gar nicht beschreiben kann, wie überwältigend dieses Gefühl ist. 
All das fühlt sich erst einmal gut an. Aber: Es kommen auch wieder Erinnerungen aus der Kindheit in einem hoch. Man selber fragt sich: warum hast Du nicht eher versucht, Kontakt zu Deinem Bruder aufzunehmen? Auch Vorwürfe spielen eine Rolle. Mir tut es sehr leid, dass Marcus von Anja und mir erfahren musste, dass Oma und Opa und auch unser Papa tot sind. Ich denke er hätte das Recht gehabt, all das eher zu erfahren. Damit auch eine Chance gehabt hätte, Abschied zu nehmen. Zu begreifen. Zu verzeihen. Was auch immer damals in ihm vorging. Doch ich war damals sehr krank. Überfordert mit meinem Leben. Zu sehr mit mir beschäftigt. Ich hatte immer Angst vor Ablehnung was meinen Bruder betrifft. Angst vor der ganzen Geschichte, denn es ist ja nicht so, dass man sich wieder hat und alles ist mit einem Mal gut. Und ich wollte auch nicht, dass eine Beerdigung der Anlass ist, an dem man sich das erste Mal wiedersieht. Zum Glück hat Marcus dafür Verständnis. Das hat mich bei unserem Gespräch echt erleichtert. Aber so ganz so leicht kann ich das für mich nicht abtun. Immerhin ist er mein Bruder. Und die Zeit kann ich leider nicht zurückdrehen.
Ich werde Marcus auf alle Fälle als Schwester zur Seite stehen. All seine Fragen, die er hat, werde ich ihm beantworten, soweit es mir möglich ist. Wir werden jetzt füreinander da sein. Auch wenn es noch ein wenig fremd ist, einen Bruder zu haben.  Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit, die wir vor uns haben.

Marcus hatte vor über zehn Jahren unseren Papa in der Klinik besucht. Papa war damals auf der Geschlossenen. Er war stark alkoholabhängig. Er sah Geister. War überhaupt nicht mehr Herr seiner eigenen Sinne. Nun verstehe ich auch, warum Opa immer so dagegen war, dass ich unseren Papa besuchte. Wahrscheinlich wollte er uns diesen Anblick ersparen und wir sollten ihn als unseren Papa von früher in Erinnerung behalten. Und wie ich Opa einschätze, hat er sich bestimmt dafür geschämt und wollte nicht darüber reden. Ob Papa auch noch andere Krankheiten hatte, außer der Alkoholabhängigkeit, das weiß ich nicht. Es ist auch nicht mehr so wichtig. Langsam aber sicher kommt die Zeit des Abschließens. Ich will nun nach vorne blicken. Ich werde dankbar alle Informationen über unseren Papa, meine Mama, meine Großeltern und über das Unglück annehmen, die mir das Leben oder zufällige Begegnungen noch zuspielen werden. Doch ich werde nicht mehr in der Vergangenheit herumstöbern. Übernächste Woche Sonntag werde ich die Blumen am Unfallort niederlegen. Abschied nehmen.  Die Toten sollen nun endlich ihren Frieden finden. Ich werde diesen Ort nur noch dann aufsuchen, wenn Anja oder Marcus es wünschen. Dann werde ich sie gerne begleiten.


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