Samstag,
3. Oktober 2009:
Ist das schön, mal zwei Tage Wochenende zu
haben. Das sind zwei Blümchentage hintereinander. Das genieße ich. Anja und
mein Neffe waren gerade zum Kaffee da. Gleich werde ich mit Anja zu einer
Freundin fahren. Lecker essen. Bierchen trinken. Ein wenig plaudern und lachen.
Da freue ich mich schon drauf.
Anja hat mir heute erzählt, dass auch sie
sich jetzt der Vergangenheit stellen will. Sie ist körperlich und seelisch an
ihre Grenzen gestoßen. Das kann ich verstehen. Und auch sie hat ja die gleiche
Vergangenheit wie ich. Ich werde ihr natürlich mit Rat und Tat zur Seite
stehen. Als große Schwester - als Freundin.
Wir hatten heute das erste Mal so ein
richtig offenes Gespräch. Das bringt uns noch näher zusammen. Es gab in der
Vergangenheit viele Dinge, die wir so hingenommen haben, aber nie darüber
geredet haben. Vor allem wenn es um
unsere Vergangenheit geht. Ich denke, das liegt wohl daran, dass wir so
aufgewachsen sind. Es ist schön, dass
auch sie nun den Mut hat, sich dieser Vergangenheit zu stellen. Das Schweigen
zu brechen. Und es ist schön zu wissen, dass ich ihr dabei helfen kann, offene
Fragen zu beantworten. Anja zu diesem Schritt zu ermutigen. Danke Anja, für
Deine offenen Worte, für die Offenbarung Deiner Gefühle. Du wirst es schaffen,
da bin ich mir sicher. Und zum Schluss wirst Du sehen, dass dann vieles viel,
viel leichter geht. Am Ende wird alles gut.
Sonntag,
4. Oktober 2009:
Obwohl ich bis zehn Uhr hätte schlafen
können, wache ich kurz vor neun auf. Ich entschließe mich, aufzustehen. Heute
ist ein besonderer Blümchentag. Ein Rosentag. Ich werde heute eine rote Rose
für meine Mama und sieben weiße Rosen für die anderen Todesopfer am Unfallort
niederlegen.
Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster.
Die Sonne scheint. Ein paar Schönwetterwolken sind am Himmel zu sehen. Ich
denke: „Hoffentlich bleibt es heute so schön.“
Ich gehe ins Bad. Ziehe mich danach an. Und
frühstücke in aller Ruhe. Ich bin erstaunlich ruhig. Keine Angst. Keine
Nervosität. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Wolf-Dietmar und seiner
Frau.
Dann geht alles ganz schnell. Es ist kurz
vor zwölf. Es klingelt. Ich ziehe mir meine Schuhe an und meine Jacke. Und
flitze mit einem kleinen Dankeschön-Geschenk die Treppe herunter.
Ich kann die Umrisse von Wolf-Dietmar und
Dagmar durch die Scheiben der Tür sehen. Ich denke noch einen Moment:
“Eigentlich hättest Du die Beiden auch hoch bitten können.“ Ich mache die Türe
auf und die Beiden stehen vor mir. Wolf-Dietmar hält ein Foto in der Hand. Ein
Foto von unserem letzten Treffen. Er hatte dieses Bild direkt am Unglücksort
von mir gemacht.
Es ist ein schönes Bild, soweit man das
sagen kann. Ich finde, ich bin gut auf
diesem Bild getroffen. Die Sonne scheint. Die Unfallstelle im Hintergrund. Eine
Erinnerung an meine Zeitreise.
Wir begrüßen uns. Ich fühle mich gleich
wohl in der Gegenwart von Wolf-Dietmar und seiner Frau Dagmar. Wir beschließen,
von mir aus direkt nach Marl-Sinsen zu fahren und auf dem Weg dorthin nach
einem Blumenladen Ausschau zu halten.
Während der Autofahrt unterhalten wir uns
über alles Mögliche. Auch meine Recherchen sprechen wir an. Es herrscht eine
entspannte Atmosphäre. Obwohl ich zur Unglücksstelle fahre, spüre ich keine
Angst – keine Unruhe.
Dann entdeckt Dagmar einen kleinen
Blumenladen. Wir halten an. Ich steige aus um die Rosen zu kaufen. Im Laden
muss ich einen Moment warten, da die Floristin alleine ist und sie einen
schönen, großen Blumenstrauß für Kunden bindet, die vor mir dran sind. Ich
schaue mich um. Mir fallen erst die weißen Rosen auf, kurz darauf die roten
Rosen. Ich werde angesprochen. Ich bin
total in Gedanken. Wende mich der Frau zu und äußere meinen Wunsch. Sie ist
erstaunt über meine Bitte, die Rosen nur alle auf eine Länge zu schneiden, aber
nicht zu binden. Sie fragt, ob sie die Blumen drahten soll, ob ich sie für den
Friedhof brauche. Ich erkläre ihr, dass ich die Rosen am Unfallort niederlegen
will. Eine rote Rose für meine Mama und die weißen für die anderen sieben
Todesopfer. Die Frau lächelt mich verlegen an. Sie wünscht mir alles Gute und
lässt mir die Rosen sogar noch günstiger. Ich bedanke mich und wünsche auch ihr
alles Gute.
Dann fahren wir weiter nach Marl-Sinsen.
Als wir am Unglücksort ankommen, scheint noch immer die Sonne. Ich packe die
Blumen aus dem Papier und hole einen kleinen Stein in Herzform aus meiner
Tasche. Nun spüre ich doch ein wenig, dass ich aufgeregt bin. Wir gehen einen
kleinen Pfad den Abhang hoch und schon sind wir da. Ich atme tief durch und
schaue zu einem Prellbock, der fast in Höhe der Brücke steht. Wolf-Dietmar
fragt, ob ich die Blumen dort niederlegen möchte. Ich nicke. Er sagt, lass uns
warten bis der Zug durch ist, dann können wir vorsichtig dort hingehen. Wir
warten einen Moment. Ich schaue zur Unfallstelle und stelle mir in Gedanken
vor, welch ein Chaos hier damals geherrscht haben muss. Der Zug ist
vorbeigefahren. Und wir drei gehen die paar Schritte zum Prellbock. Als erstes
lege ich das Herz dort ab. Ich spüre wie mein Herz schlägt. Es gibt Löcher in
dem Prellbock. Als erstes stecke ich die rote Rose für Mama hinein. Dann so
nach und nach die anderen. In Gedanken bin ich beim 5.Oktober 1973. Denke an
meine Mama und nehme Abschied. Ich atme noch einmal tief durch. Ich spüre eine
Erleichterung. Wolf-Dietmar hält diesen Moment in Bildern fest. Es ist ein
ergreifender Moment. Ich hebe drei Steine von den Gleisen auf. Einen für meine
liebe Schwester, einen für meinen lieben Bruder und einen für mich. So können
wir Mama immer nahe sein. Nun ist es Zeit zu gehen. Nur wenn Anja oder Marcus
es wünschen werde ich hierher zurückkehren. Ansonsten ist es Zeit, mit der
Vergangenheit abzuschließen. Die Toten ruhen zu lassen.
Wolf-Dietmar, Dagmar und ich verbrachten
noch einen sehr schönen Nachmittag. Wir haben das schöne Herbstwetter genossen,
wir waren lecker essen und spazieren. Wir freuen uns alle auf unser nächstes
Treffen. Danke lieber Wolf-Dietmar und liebe Dagmar, dass ich Euch auf meiner
Reise kennengelernt habe. Ich denke, wir werden noch viel Spaß miteinander
haben.
Auf der Heimfahrt abends im Zug, schaue ich
in den Himmel Ich sehe zwei kleine Wolken. Ich schaue genauer hin. Dann sehe
ich einen kleinen Regenbogen von Wolke zu Wolke. Ich lächele und weiß, jetzt
ist der Schmerz vorbei. Jetzt ist es Zeit nach vorne zu schauen.
Ich komme nach Hause und lasse all das
Erlebte noch einmal Revue passieren. Ich setze mich auf mein Sofa und fühle
mich gut. Ein wenig müde, aber glücklich.
Montag,
5.Oktober 2009:
Der
36. Jahrestag des Zugunglücks.
Ich muss den ganzen Tag immer und immer
wieder an das Unglück und seine Folgen denken. Immer wieder kehren meine Gedanken
dorthin zurück. Ich bin heute sehr nachdenklich. Sehr traurig.
Ich bin auf der Arbeit. Es ist kurz nach 18 Uhr. Ich schaue auf die Uhr und
denke:
“ Vor 36 Jahren ist es passiert.“ Ich drehe
mich um. Und wer steht da und lächelt mich an? Mein Bruder und seine Freundin.
Mir schießen gleich die Tränen in die Augen. ( Jetzt auch wieder). Ich eile zu
ihm und wir umarmen uns. Ich habe mich noch nie so sehr gefreut einen lieben
Menschen zu sehen, wie in diesem Augenblick. Auch seine Freundin ist mir auf Anhieb
sehr sympathisch. Ich glaube fest daran: Die beiden hat mir meine, sorry,
unsere Mama geschickt.
An diesem Abend sind wir noch etwas trinken
gegangen und haben sehr viel erzählt und
gelacht. Ich bin mir nicht sicher ob Marcus bewusst war, was für ein Tag
war.
Ich habe diesen Abend einfach nur genossen.
Ich werde ihm das später mal erzählen. An diesem Abend war kein Platz für
traurige Gedanken. Danke, das war ein sehr, sehr schöner Abend. Danke!!!
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