Sonntag,
12.Juli 2009:
Schön! Nun habe ich 8 Blümchentage vor mir.
Es stehen in dieser Zeit Telefonate mit Lesern an. Mindestens zwei Treffen mit
Lesern. Aber auch Zeit mit meiner kleinen Familie und meinen Freunden. Was auch
wichtig für mich ist: Ruhe. Zeit für mich. Die werde ich mir gönnen.
Letzte Woche habe ich wieder sehr schöne
Post von meinem Bruder bekommen. Er ist immer noch im Renovierungsstress, alles
hat sich um einen Monat nach hinten verschoben, aber er denkt an mich. Er hat
sich sehr über die „erste Schwestergeburtstagkarte“ gefreut. Er möchte den Kopf
frei haben, wenn wir uns das erste Mal sehen und nicht noch gedanklich mit der
Renovierung und dem Umzug beschäftigt sein. Das kann ich verstehen. Das erste
Treffen ist viel zu wichtig, dass man es mal eben zwischen Tür und Angel macht.
Ich freue mich sehr auf diesen Tag. Es wird schon seinen Sinn haben, warum es
noch ein wenig dauert. Wer weiß, wofür es gut ist. Alles zu seiner Zeit.
Montag,
13. Juli 2009:
Heute ist mein erster Urlaubstag. Die Sonne
scheint. Ich fühle mich gut. Ich werde gleich mit Jutta und Wolfgang
frühstücken gehen. Ich liebe es, schön zu frühstücken. Wenn es eine Tageszeit
gibt, zu der ich sehr gerne essen gehe, dann ein schönes, ausgiebiges Frühstück
am Morgen. Ich liebe es wenn der Tag so anfängt. Wenn man den Tag auch noch mit
lieben Menschen beginnt, dann kann es doch nur ein schöner Tag werden. Nach dem
Frühstück werde ich nach Recklinghausen fahren und mich mit Wolf-Dietmar L.
treffen. Das ist der nette Herr, der mir in einer ausführlichen E-Mail,
unmittelbar nach dem Zeitungsartikel, den Unfallhergang erklärt hatte. Zum
Glück darf ich seinen Bericht, seine E-Mail in meinem Buch verwenden.
Wolf-Dietmar L. ist 61 Jahre. Er fotografiert seit 1962 mit großer Leidenschaft
die Eisenbahn. Er schreibt und fotografiert für Fachzeitschriften und hat auch
selber schon zwei Bücher zum Thema Eisenbahn herausgebracht. Wolf-Dietmar L.
hat Dias vom Zugunglück. Wir werden erst zum Unglücksort fahren und später
werden wir gemeinsam die Dias gucken. Diese Dias entstanden zwei Tage nach dem
Unglück.
Es ist kurz nach zwölf. Ich stehe am
Mülheimer Hauptbahnhof. Ich fahre nun das vierte Mal zum Unfallort. Ich bin
erstaunlich ruhig. Wenn ich daran denke, wie ich mich beim ersten Mal gefühlt
habe. Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich den Ort mittlerweile kenne und
ich in etwa weiß, was mich dort erwartet. Es ist sieben Minuten nach zwölf. Da
kommt auch schon mein Zug. Ich steige ein, setze mich oben ins Abteil und
schaue aus dem Fenster. Die Sonne scheint. Beim ersten Mal, als ich mich mit
den Reportern getroffen habe, war Winter. Es war kalt. Später schneite es
sogar. Ein halbes Jahr ist das nun her. Ich habe in dieser Zeit Vieles
recherchiert, viel erfahren. Auch wenn es manchmal sehr schwer war, zum Teil
sogar unerträglich, bin ich froh, dass ich diese Reise angetreten habe. Jetzt
habe ich Gewissheit. Der Tag rückt immer näher, an dem ich sagen kann:“ Nun weiß ich, was ich über meine
Vergangenheit alles wissen wollte. Diese Vergangenheit ist meine Vergangenheit.
Sie hat mein Leben geprägt. Sie gehört zu mir. Ich habe mich von all dem
Ballast befreit. Der Ballast, der an dieser Vergangenheit haftete. Doch nun
schaue ich nach vorne. Voller Kraft, voller Stärke. Die Zukunft gehört
mir!“
Es ist kurz nach halb eins. Die Durchsage,
dass der nächste Halt Recklinghausen ist schallt durch das Abteil. Ich stehe
auf, gehe Richtung Türe und bin voller Erwartung, wie das Treffen wohl laufen
wird. Der Zug wird langsamer, hält an. Ich drücke auf den grünen Knopf an der
Tür, Die Türe geht nicht auf. Ich merke nun doch, dass ich ein wenig nervös bin
und drücke gleich noch mal auf den Knopf. Die Türe öffnet sich. Ich steige aus
dem Zug.
Wolf-Dietmar L.. hatte mir vorgeschlagen,
gleich vorne in den Zug einzusteigen. Der Waggon hinter der Lok. Dann würde er
gleich dort am Gleis stehen und auf mich warten. Ich schaute mich kurz um. Ich sah einen
Herrn, der mich anschaute und lächelte. Das muss er sein, dachte ich. So war es
auch. Wir waren uns gleich sympathisch. Ich bin erleichtert. Von da an war
meine Nervosität weg. Wolf-Dietmar L. schlug vor, ein Baguette im Bahnhof zu
holen. Ein kleines Stück in die Altstadt von Recklinghausen zu laufen und dann
den nächsten Bus nach Marl-Sinsen zu nehmen. Gesagt – Getan. Es ist
erstaunlich, all diese Menschen, die ich auf Grund des Zeitungsartikels getroffen
habe, waren gleich mit mir auf einer Wellenlänge. Sympathisch, offen und gut
drauf. Das macht einem so ein Treffen leichter. Denn immerhin geht es ja um ein
sehr sensibles Thema für mich. Diese Treffen sind für mich sehr anstrengend.
Sehr kräfteraubend. Diese Treffen machen mich im nach hinein immer sehr, sehr
nachdenklich. An die Dias denke ich erst einmal nicht. Im Moment denke ich nur
daran, wie es sein wird erneut am Unfallort zu sein. Es ist das vierte Mal.
Dieser Ort wird für mich immer unheimlich sein. Auch wenn ich noch hundert mal
dort hinfahren würde. Trotzdem habe ich keine Angst mehr dort zu sein. Und das
ist gut.
Wir stehen an der Bushaltestelle und warten
auf den Bus. Wolf-Dietmar L. erzählt von seinem Hobby, die Eisenbahn zu
fotografieren und man kann gleich spüren, mit welch großer Leidenschaft er
seinem Hobby nachgeht. Das finde ich beeindruckend. Meiner Meinung nach gibt es
viel zu wenig Menschen, die etwas voller Leidenschaft und voller Liebe tun.
Egal ob Hobby, oder Job. Ich denke, es gibt keine größere Motivation, als etwas
mit Leidenschaft und Liebe zu tun. Etwas zu tun, was man liebt, für das man
„brennt“. Umso mehr freut es mich, dass ich einen Job gefunden habe, bei dem
ich das „brennen“ spüre.
Der Bus kommt, wir steigen ein. Setzen uns
und plaudern weiter. Ich habe gar nicht bemerkt, wie schnell wir dort waren.
Wolf-Dietmar L. rief nur:“ Oh. Hier müssen wir raus!“ Und schon standen wir an
der Straße. Ich schaute nach links und sah auch schon die Brücke. Ich
schluckte. Diese Brücke kam jetzt so schnell und unerwartet. Doch ich habe mich
schnell wieder gefasst. Wir laufen Richtung Brücke. Biegen kurz vor der Brücke
rechts ab und laufen an ein paar Büschen vorbei. Ein kleiner Schotterweg führt
durch die Böschung einen kleinen Berg hoch zu den Gleisen. Wir stehen oben ganz
nah bei der Brücke. Quasi fast in der Unfallstelle. So nah war ich noch nie an
der Unfallstelle. Mein erster Gedanke:“ Hier kannst Du die Blumen und die Kerze
niederlegen!“ Ich hatte schon immer vor,
eine rote Rose für meine Mama und sieben weiße Rosen für die anderen Opfer und
eine Kerze dort niederzulegen. Doch ich hatte nie den richtigen Platz dafür
gefunden. Doch nun habe ich ihn gefunden. Alles zu seiner Zeit. Die Zeit den
Ort für die Blumen zu finden, war wohl jetzt erst.
Auf Grund der Bilder, die ich schon kannte,
und der Erklärung von Wolf-Dietmar L., konnte ich mir nun genau vorstellen, was
damals geschah. Der Ort des Schicksals zum Greifen nah. Es ist gut, dass ich
erst jetzt so nah an diesem Ort sein sollte, beim ersten Treffen hätte ich
diese Nähe nicht ertragen. Beim nächsten Mal lege ich die Blumen nieder und
dann sollen die Toten endlich ihre Ruhe finden. Was den Unfall betrifft, weiß
ich jetzt alles, was für mich wichtig ist. Nun soll es gut sein.
Ich wollte gerade Wolf-Dietmar fragen, ob
er vielleicht Bilder machen kann, da fragte er mich auch schon: “Soll ich
Bilder machen?“ Ich lächle und erzähle ihm, dass ich gerade genau diesen
Gedanken hatte. Er macht ein paar Bilder. Danke schön, lieber Wolf-Dietmar.
Mittlerweilen haben wir uns aufs Du
geeinigt, da wir uns auf Anhieb so gut verstehen und es leichter ist, über
solch ein sensibles Thema zu reden.
Wir beschließen noch etwas zu trinken zu
besorgen und dann bei dem wunderschönen Wetter von Marl nach Oer-Erkenschwick zu laufen. Es ist
ein schöner Wanderweg, der über die alte Zechenbahn führt. Ich genieße die
Sonne, wir plaudern über mein Buch und über all die lieben Menschen, die ich
auf meiner Reise treffen durfte.
Als wir nachmittags bei seiner Frau eintrafen,
war ich wieder angenehm überrascht. Auch sie machte auf mich einen total
sympathischen Eindruck. Sie wartete schon mit Kaffee und Keksen auf uns. Wir
setzen uns auf den Hof und erzählten ihr, wie unser Treffen bisher verlaufen
war.
Nach dem Kaffee gehen Wolf-Dietmar und ich
ins Wohnzimmer. Er hat schon alles vorbereitet. „Es sind wirklich harte Bilder
dabei, Iris. Wenn Dir das zu viel wird, sag einfach Bescheid.“ Ich setze mich
aufs Sofa und nicke ihm zu. Dann beginnt die Diavorführung. Die ersten Bilder
zeigen Leute, die auf den Ersatzverkehr warten. Klar, irgendwie muss es ja
weiter gehen. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Dann folgende
Bilder von den Kränen, die versuchten, die Trümmer beiseite zu räumen. Ähnliche
Bilder kannte ich schon.
Noch bin ich gefasst. Doch dann kam ein
Bild, das mir den Atem raubte. Es war ein Dia von einem der Personenwaggons.
Dieser Waggon muss gleich vorne hinter der Lok gewesen sein. Dieser Waggon lag
auf der Böschung. Total zerquetscht. Da drin kann keiner überlebt haben.
Unmöglich. Ich frage mich, ob Mama und Papa in diesem Waggon saßen. Dieses Bild
war so nah. Man konnte sehen mit welcher Wucht der Güterzug den entgleisenden
Personenzug erwischt haben muss. Ich starre auf die Leinwand. Bin nicht in der
Lage etwas zu sagen. Ich versuche ruhig zu bleiben. Ein paar Bilder weiter, ein
anderes erschreckendes Dia. Ein weiterer
Waggon. Er liegt auf der Seite. Es sieht so aus, als wäre dieser Waggon
komplett die Böschung hinabgerutscht. Die Türe steht offen. Man kann rot-braune
Flecken in der Türe innen erkennen. Ob das Blut ist? Saßen da Mama und Papa
drin? Ich bin mir sicher, in einem dieser beiden Waggons saßen sie. Die
Verletzungen meines Vaters und dass meine Mama sofort tot waren, sprechen
dafür. Dann kommt ein Bild von der Lok,
die in einen Garten gerutscht war. Kopfüber lag sie da. Die Geschichte von
Frau W., die damals mit ihrem Hund im
Garten war, ist gleich wieder präsent. Nun weiß ich, warum man den Lokführer
erst Tage später bergen konnte. Es ist der Wahnsinn, welches Ausmaß diese
Katastrophe noch nach zwei Tagen hatte. Immerhin waren diese Bilder zwei Tage
nach dem Unfall gemacht worden. Ich kann verstehen, dass man diese Bilder, wenn
man das damals miterleben musste, nie mehr- nie mehr aus dem Kopf bekommt.
Das war es. Wir haben alle Dias gesehen.
Das muss ich erst mal verdauen. Wir gehen wieder raus auf den Hof, trinken noch
etwas und beschließen, den Abend zu dritt bei einer Pizza ausklingen zu lassen.
Ich versuche, nicht mehr an die Bilder zu denken, auch wenn das schwer fällt.
Wolf-Dietmar, seine Frau und ich machen uns auf den Weg zum Italiener. Die
beiden laden mich auf eine Pizza ein, wir reden über das Unglück, die Bilder –
aber auch über schöne Dinge, die das Leben so mit sich bringt. Ich genieße den
lauen Sommerabend. Ich genieße die Pizza und freue mich, zwei so liebe Menschen
kennengelernt zu haben.
Dann bringen die Beiden mich zum Bus. Ich
bedanke und verabschiede mich. Noch bin ich stark. Doch in dem Moment, in dem
ich in den Bus einsteige, bricht alles über mich ein. Ich denke immer wieder an
die Bilder. Spüre eine tiefe Traurigkeit. Ich bin total erschöpft.
Am Recklinghausener Hauptbahnhof steige ich
in meinen Zug nach Mülheim um. Am Mülheimer Bahnhof in die Bahn. Ich steige beim
Supermarkt aus, fühle mich total
erschöpft und orientierungslos. Ich hole mir noch ein Bierchen und schleppe
mich mit letzter Kraft nach Hause. Ich spüre, wie sehr dieser Tag Kraft und
Energie gekostet hat. Ich komme zu Hause an. Trinke noch ein Bier. Gehe völlig
erschöpft und müde ins Bett. Doch es wird eine schlaflose Nacht.
Ich möchte unbedingt noch erwähnen, dass
Wolf-Dietmar L. diese Dias gemacht hat, weil auch solche Bilder zur
Eisenbahngeschichte gehören. Diese Bilder wurden nicht aus „Sensationsgier“
gemacht. Solche Bilder helfen mir, auch wenn sie schrecklich sind, beim Begreifen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen