Sonntag, 27. September 2009:

Heute ist ein Blümchentag. Mal wieder scheint die Sonne. Ich habe ausgeschlafen. Ich liebe es, so wach zu werden. Es geht mir gut. Ich stehe auf. Frühstücke. Ziehe mich an und beschließe, erst wählen zu gehen und dann Oma und Opa zu besuchen.
Ich komme aus meiner Haustüre. Ich atme tief durch. Ich liebe diese Jahreszeit. Die Bäume verfärben sich langsam golden. Ich kann den Herbst riechen. Die Sonne wärmt noch ein wenig. Gleichzeitig spüre ich die Frische des Herbstwindes. Ein schöner Tag.
Ich mache mich auf den Weg zum Wahllokal. Der Friedhof ist gleich dort in der Nähe. Vielleicht fünf Minuten von dort zum Grab meiner Großeltern. Das erste Laub fällt von den Bäumen. Der Himmel ist strahlend blau. Ich fühle mich gut.
Ich stehe vor dem Grab von Oma und Opa. Ich blicke auf den Grabstein. Oma ist nun schon über neun Jahre tot und Opa seit sechs Jahren. Es ist erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht. Was sich alles in der Zeit verändert hat. Auch wenn die Beiden schon lange nicht mehr bei uns sind. Ich vermisse Oma und Opa. Gestern hätte Oma Geburtstag gehabt. Immer wieder musste ich an früher denken, wenn wir an solchen Tagen alle zusammen waren. Bei Kaffee und Kuchen. Lachten und erzählten. Ich vermisse diese Tage. Ich stelle es mir gerade vor, wie wir alle zusammen in der Essecke saßen. Es bringt mich zum Weinen. Es macht mich traurig.
Am 7.Oktober, wenn ich mich mit Herrn Geling von der Zeitung treffe, hätte Opa Geburtstag gehabt. Ich werde dann auch oft an ihn denken. Auf der anderen Seite ist es ein guter Tag um dieses „Abschlussinterview“ zu führen.  Opa wird bei mir sein. Und ich bei ihm.
In Gedanken habe ich Oma und Opa heute von Marcus erzählt. Ich habe ihnen ein paar schöne Gedanken geschickt. Ohne Vorwürfe und ohne Wut. Ich habe ihnen gesagt, dass ich ihnen nicht böse bin. Ich bin nicht böse wegen Marcus, auch nicht wegen Papa. Auch das Schweigen habe ich bereits verziehen, es sogar verstanden, warum sie nie mit uns reden konnten. Der Besuch heute bei Oma und Opa war mir sehr wichtig. Ich wollte wissen, wie ich fühle, wenn ich vor ihrem Grab stehe. Ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie Anja und mir trotz allem eine schöne Kindheit geschenkt haben. Es zählt nur noch das was jetzt ist und was die Zukunft bringt. Eine Zukunft mit Marcus. Dort ist kein Platz für Vorwürfe. Für Wut. Ich kann mir vorstellen, dass es für Oma und Opa schwer genug war, all das zu ertragen – zu erdulden. Ich habe großen Respekt vor ihnen, dass sie trotz allem noch Kraft und Energie für Anja und mich hatten. Schade, dass ich ihnen dass nicht zu Lebzeiten sagen konnte.



E-Mail vom 27.September 2009:

Schönen Tag Dir Iris, ich bin zu Tränen gerührt und freue mich für Dich.
Gruß Jutta


Montag, 28.September 2009:

Heute habe ich wieder etwas erlebt, was mir zeigt, dass sich  meine Reise dem Ende zuneigt. Ich habe heute Frankfurter Kranz gegessen. Frankfurter Kranz erinnert mich an meinen Opi. Das war das Letzte, was wir beide gemeinsam gegessen haben. Ich hatte ihn damals in die Krankenhauskantine eingeladen. Zu Kaffee und Kuchen. Opi suchte sich Frankfurter Kranz aus. Ich auch, obwohl der mir meistens viel zu süß ist. Ich werde nie vergessen wie Opi sich über die Einladung gefreut hat, und wie sehr er den Frankfurter Kranz genossen hat. Als wüsste er, das es unsere letzte gemeinsame Mahlzeit ist. Heute war es das erste Mal, dass ich seit damals Frankfurter Kranz gegessen habe. Eine liebe Kollegin auf der Arbeit hatte ihn mitgebracht. Ich musste beim Essen natürlich an Opi denken. Dabei lächle ich bei der Vorstellung, wie sehr sich Opi gefreut hat. Es macht mich aber auch traurig, dass er nicht mehr bei uns ist. 


Mittwoch, 30. September 2009:

Wieder ein Mittwoch, wieder ein freier Tag. Es nieselt, genauso wie vor einer Woche, als ich das erste Mal meinen Bruder getroffen habe. Mir geht immer noch viel durch den Kopf. Ich kann es immer noch nicht so recht glauben. Und die Freude über das Wiedersehen ist auch immer noch überwältigend.  Ich bin so froh, dass sich endlich alles zum Guten wendet und wir uns wiedergefunden haben.
Nun freue ich mich auf das Wochenende. Da am Samstag ein Feiertag ist, werde ich ihn nutzen und mit Anja und einer Freundin etwas unternehmen. Es tut mir gut, dass ich wieder mehr unter Leute gehe, mich mit meiner Familie und Freunden treffe. Endlich habe ich wieder Lust dazu. In den letzten Jahren habe ich immer diese Unruhe und Unzufriedenheit in mir getragen. Ich war froh, wenn ich zu Hause meine Ruhe hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich Einladungen ausgeschlagen habe und Verabredungen verschoben. Verzeiht mir meine Lieben, aber das war mir einfach alles zu viel. Ich brauchte diese Zeit für mich. Hinzu kommt noch, dass in den letzten Jahren das Geld knapp war. Jetzt kann ich endlich wieder durchatmen. Ich habe den Kopf frei. Der Ballast der Vergangenheit ist mir von den Schultern genommen worden. Offene Fragen beantwortet. Meinen Bruder habe ich auch wiedergefunden. Es ist nicht so, dass ich permanent diese Themen im Kopf hatte. Das war nur zeitweise der Fall. Es war vielmehr diese innerliche Unruhe, diese Unzufriedenheit, die mich sehr viel Energie gekostet hat. Und mich sehr traurig gemacht hat.
Es gibt nur noch eine Sache. Ich hätte gerne noch mehr über meine Mama erfahren. Doch leider gibt es niemanden mehr den ich fragen kann. Ich habe nur noch ein paar alte Fotos. Kontakt zu ihrer Familie bestand früher nur zu ihrer Mutter, doch auch sie lebt nicht mehr. Aber wer weiß, vielleicht ergibt sich ja noch etwas in der Zukunft. Man soll die Hoffnung nie aufgeben.
Ich habe in den letzten Wochen so viel Schönes erlebt, ich habe während meiner Recherchen so viel erfahren und viele liebe Menschen kennengelernt – dafür bin ich unendlich dankbar.


E-Mail vom 30. September 2009:

Hallo allerliebste Iris,
danke für deine Mails, immer wieder sehr interessant  wie sich alles entwickelt.
Ich freue mich mit dir, „ganz besonders dass du jetzt auch einen Bruder hast.“
Ich wünsche dir alles Gute für die kommenden Tage und werde am Sonntag an Dich denken.
Viel viel Gutes auch weiterhin, Reinhard


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